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Bellevue-Programm feiert 10-jähriges Jubiläum

Für das europäische Wir-Gefühl

Zwölf Stipendiaten, zehn EU-Länder und ein Ziel: die Förderung der Zusammenarbeit der öffentlichen Verwaltungen in Europa. 2004 rief die Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit dem Bundespräsidialamt das Bellevue-Programm ins Leben. Das Stipendiaten-Programm hat das Ziel, den Austausch zwischen jungen Beamten aus den oberen Ministerien der EU-Mitgliedsstaaten zu fördern. Die Stipendiaten vertiefen in 15-monatigen Gast-Aufenthalten in europäischen Ministerien ihre Sprach- und Landeskenntnisse und fördern damit im Sinne der Völkerverständigung den europäischen Dialog.

Zehn Jahre und 92 Teilnehmer später feierte das Programm 2014 sein zehnjähriges Jubiläum. Bei einem Empfang im Schloss Bellevue lobte Bundespräsident Joachim Gauck den europäischen Gedanken des Programms, der nicht nur die europäische Verwaltung stärke, sondern auch ein starkes „europäisches Wir-Gefühl“ wachsen lasse.

Interview
„Ich fühle keine Grenze mehr“

Unter den Teilnehmern waren auch die Stipendiaten Ana Patricia Severino und Roberto Felicetti. In einem Interview erzählen die beiden von ihren Erfahrungen in Deutschland.
  • Was bedeutet für Sie Europa?

Felicetti: Ich möchte ein Beispiel nennen: Ich denke, ich bin Italiener, weil ich in Italien geboren bin aber ich kann auch manchmal wie die alten Griechen denken! Wir werden nicht als Europäer geboren, aber egal, ob wir aus Italien, Frankreich oder Deutschland kommen, wir können im Laufe unseres Lebens „kulturmäßig“ zu Europäern werden, wenn wir die Beiträge jeder Kultur, zum Beispiel durch Bildung, teilen und erfahren.

Severino: Für mich ist Europa vor allem ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit.

  • Wie sind Sie auf das Bellevue-Programm gestoßen?

Severino: Ich habe bei der Arbeit davon gelesen und mich sofort darauf beworben. Seit meinem Erasmus-Jahr in Köln war es immer mein Traum auf europäischer Ebene zu arbeiten. Außerdem fand ich es spannend, nach meiner Studienzeit wieder nach Deutschland zu gehen.

Felicetti: Bei mir war es ähnlich! Ich bin über einen Flyer auf das Bellevue-Programm gestoßen und hatte sofort die innere Überzeugung, das muss ich machen! Ich habe vor zwölf Jahren schon einmal in Deutschland gelebt und freue mich jetzt darauf, zurückzukehren.

  • Frau Severino, Sie wohnen jetzt seit einem Jahr in Berlin. Können Sie sich noch an Ihre erste Zeit erinnern?

Severino: Die erste Zeit in Berlin war sehr abenteuerlich! Ich bin mit der ganzen Familie nach Berlin gezogen und meine eine Tochter hat sich anfangs geweigert, Deutsch zu sprechen. Inzwischen spricht sie fließend Deutsch und kann sich nicht vorstellen jemals wieder nach Portugal zurückzukehren!

  • Sie kennen beide inzwischen die deutsche Arbeits- und Unternehmenskultur sehr gut, worin unterscheidet sie sich am meisten von Ihrer eigenen?

Felicetti: Die Deutschen müssen alles analysieren und immer ganz genau wissen, wie etwas funktioniert. Ich finde, die deutsche Sprache spiegelt auch die Gesellschaft wider, da sie sehr deutlich ist. Die Wörter sind sehr genau und sehr verständlich. Die Italiener dagegen sind so vielseitig wie die Wörter ihrer Sprache, die mehrere Bedeutungen bei demselben Phonem aufweisen können.

Severino: Ich finde, die Deutschen sind nicht so zurückhaltend bei der Arbeit, wie ich anfangs gedacht habe. Aber sie sind gut organisiert und zielorientiert. Termine werden geplant – und auch eingehalten.

  • Was können Ihre Landsleute besser?

Severino: Dadurch, dass in Portugal nicht alles so gut organisiert ist, können die Portugiesen vielleicht besser auf unerwartete Situationen reagieren. Die gehören sozusagen zu unserem Alltag. (lacht)

  • Das Bellevue-Stipendium dauert 15 Monate. Was möchten Sie in dieser Zeit erreichen?

Severino: Ich arbeite momentan an der Verbesserung der bilateralen Beziehungen im Kulturbereich. Da ich selbst aus dem Filmbereich komme, möchte ich vor allem die Zusammenarbeit im Filmbereich zwischen Deutschland und Portugal weiter fördern. Außerdem möchte ich für mein Land werben! Es ist erstaunlich, aber viele Deutsche kennen Land und Leute kaum und die Sprache erscheint ihnen fremd. Das würde ich gerne ändern.

Felicetti: Ich erhoffe mir natürlich Anregungen zur Zusammenarbeit und Ideen, wie wir den öffentlichen Bereich in Italien weiter verbessern können. Ich möchte von den Deutschen lernen, wie man Bürokratie erleichtert.

  • Frau Severino, Sie sind seit einem Jahr Bellevue-Stipendiatin. Inwieweit hat sich Ihr Leben seither verändert?

Severino: Ich habe inzwischen eine internationale Sicht auf die Dinge, einen anderen Blick für die Welt. Ich habe das Gefühl der Angst und Unsicherheit verloren, da ich keine Grenze mehr fühle. Ich kann überall in Europa arbeiten und mich zu Hause fühlen.

  • Herr Felicetti, auf was freuen Sie sich am meisten?

Felicetti: Ich möchte das Land nach zwölf Jahren mit anderen Augen sehen. Ich bin mir sicher: Wir haben mehr das uns einigt, als uns trennt.

Ana Patricia Severino

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41 Jahre, aus Portugal, zuletzt beim portugiesischen Staatssekretär für Kultur, seit September 2013 Bellevue-Stipendiatin im Staatsministerium für Kultur und Medien

Roberto Felicetti

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42 Jahre, aus Italien, hat über drei Jahre als Ingenieur bei Bosch in Bühl-Vimbuch gearbeitet, zuletzt bei der italienischen Zollagentur, startet voraussichtlich im Januar 2015 als Bellevue-Stipendiat im Finanzministerium