Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Jean Boué:

Jean Boué wurde 1961 in Hamburg geboren. Der Vater war Unternehmer und handelte mit den Comecon-Staaten, was ihm Osteuropa schon früh nahe brachte. Seit Mitte der Achtziger bereiste Jean Boué immer wieder Polen und die CSSR, Jugoslawien, Rumänien und Bulgarien, wo er sich verliebte und heiratete. Seine ersten Filme Anfang der Neunziger kreisten thematisch um dem Fall des Eisernen Vorhangs und die Folgen.

Seither war Jean Boué Autor, Regisseur und Produzent zahlreicher Dokumentationen und Dokumentarfilme für Fernsehen und Kino. Viele seiner Filme wurden international auf Festivals gezeigt, einige wurden ausgezeichnet u.a. mit dem Civis Award und dem Grimme-Preis. Im Jahre 2011 gründete er die Produktionsfirma DOCDAYS Productions gemeinsam mit Antje Boehmert und Christian Popp in Berlin. Seit 2013 ist Jean Boué Gastdozent an der HFF Konrad Wolf in Potsdam.
Sibirien, mein Großvater und ich

Ein Mann mit Kamera durchquert über fünf Monate das heutige Russland. Eine 7.500 Kilometer lange Reise in den Fußstapfen eines Mannes, der vor 100 Jahren diese Tortur erleben musste und auf wundersame Weise überlebt hat.

1914, zu Beginn des 1. Weltkriegs wurde der ungarische Soldat Lajos Petho an der Ostfront gefangen genommen und in ein Gefangenenlager nach Irkutsk gebracht. Von dort floh er im Frühjahr 1915 und erreichte drei Jahre später Budapest. Auf seiner Flucht überwand er Frontlinien, wurde Zeuge der bolschewistischen Revolution und erlebte ein verwirrtes und zutiefst erschüttertes Russland.

Sein Enkel, Ludovic Petho, ist Regisseur, Kameramann und Abenteurer. Allein mit seiner Kamera durchquerte er schon Wüsten und ganze Kontinente. Seine Liebe zum Abenteuer verbindet ihn vermutlich auch mit seinem Großvater, auf dessen Spurensuche er sich begibt. Wie Lajos folgt er der untergehenden Sonne und wandert entlang der transsibirischen Eisenbahn. Er durchquert Russland in fünf Monaten auf der Suche nach Spuren, die der Großvater und andere entflohene Kriegsgefangene hinterlassen haben könnten. Was bleibt ein Jahrhundert später von all dem? Er findet kaum Fakten und konstruiert aus Bruchstücken von Erinnerungen und mit der eigenen Vorstellungskraft das Bild seines Großvaters und zeichnet seine Flucht nach.

Geleitet von seiner Intuition durchquert er die Wildnis Sibiriens und Großstädte im Umbruch. Unterwegs erzählt Ludovic Petho den Menschen von seinem Großvater, und erfährt Geschichten von russischen Familien. die uns ein Russland entdecken lassen, das seine Identität und seine Zukunft neu definiert. Mit geringen Russischkenntnissen macht Ludovic Petho erstaunliche und unerwartete Begegnungen. Er trifft Reisende und Historiker, Hippies, Alltagsdichter und Nationalisten.

Ungewollt wird Ludovic Petho zu einem modernen Michael Strogoff, der uns ein mythisches Sibirien näher bringt, aber auch die komplexe Realität eines archaischen Russlands, das sich auf eigenartige Weise nicht modernisieren will. 

2014 
Regie: Ludovic Petho & Christian Popp 
Buch: Ludovic Petho & Jean Boué
Dauer: 82 Min.
Format: HD
Produktion: YUZU Productions, Découpages & DOCDAYS Productions
Koproduktion: ARTE GEIE
Unterstützung: CNC, MEDIA und Robert Bosch Stiftung

Bildergalerie

„Das Projekt 'Sibirien, mein Großvater und ich' hat mich sofort begeistert, als ich erstmals im April 2011 davon hörte. Damals hieß es noch 'Russian Promenade'. Schon die erste Begegnung mit Ludovic 'Lou' Petho versprach – es wird ein Abenteuer, eine schwierige Reise, ein Road-Movie, ein Film voller Geschichte und Geschichten. Irgendwie war nichts mehr wie es war und doch so vieles noch beim alten. Es folgten aufwändige Recherchen, die Suche nach Anhaltspunkten für diesen unmöglichen Trip und die gemeinsame Arbeit am Buch mit Lou. Zwei Jahre später begannen die Dreharbeiten in Russland. 'Sibirien, mein Großvater und ich' ist die erste Zusammenarbeit mit dem französischen Regisseur Ludovic Petho.“