Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Katja Artsiomenka:

Katja Artsiomenka wurde 1983 in Minsk geboren und ist in Belarus aufgewachsen. Mit 20 wanderte sie nach Deutschland aus, um hier Journalistin zu werden. Sie hat in Minsk und Dortmund Journalistik studiert. Zurzeit schreibt sie ihre Dissertation am Institut für Journalistik an der TU Dortmund und arbeitet als freie Journalistin beim WDR. Davor war sie Reporterin beim belarussischen Rundfunk, bei der Deutschen Welle und bei Radio Essen.

Auszeichnungen: CIVIS-Medienpreis, LfM-Hörfunkpreis, Axel-Springer-Preis: Auszeichnung für herausragende Leistung.
Kollektivbild mit Dame. Frauen in Osteuropa

Aktivistin, Arbeiterin, Lebensgefährtin, Mutter, und natürlich die unnahbare Schöne – die Frau in der Sowjetunion. Wenn sie 35 wurde, nannte man sie Tante und sie nannte sich Pferd. Welche Rollen hat eine Frau in Belarus, Russland und in der Ukraine heute zu spielen? Und wie lange währt ihr Frausein?

Momentaufnahmen entfalten sich zu einer kollektiven Biografie: Im Seminar der ersten Miss Russland in St. Petersburg, im Restaurant mit einer Moskauer Salonlöwin, im Büro einer Kiewer Heiratsvermittlerin, bei der Ehefrau eines verschwunden Kameramannes in Minsk, entlang der Gleise mit einer Straßenbahnfahrerin aus dem belarussischen Witebsk. Ich frage mich, was für eine Frau ich dort geworden wäre. Aus dem Kollektivbild entwickelt sich die Gestalt einer nicht existierenden Dame.

WDR 3, Kulturfeature
Redaktion: Gisela Corves
Regie: Hannah Georgi
Länge: 54:00
Erstausstrahlung: WDR 3, 18.10.2014, 12:05 Uhr
Wiederholung: WDR 3, 19.10.2014, 15:05 Uhr

Hörprobe

Weitere Informationen

„Belarus war im Winterschlaf, als ich ankam. Nicht nur weil es Winter war. Sondern weil im Winterschlaf die Überlebenschancen höher sind. Auch im Sommer. Das Transformationsland in der Übergangsphase, heißt es bei Politologen. Müsste sich es eigentlich nicht wie Frühling anfühlen? Und nicht so unendlich, endgültig und unausweichlich, so wie sich eben der Winter anfühlt? Genauso wie damals, vor zehn Jahren, als ich nach Deutschland ausgewandert bin. Ich war zwanzig. Ein Mädchen. Was es heißt, dort eine Frau zu sein, habe ich nie erfahren. „Frausein“ hat mir Deutschland beigebracht. Ich frage mich aber oft, was für eine Frau wäre ich dort geworden? Dornröschen? Und was heißt es eigentlich, im Osten Frau zu sein?

Ich recherchierte nicht nur in meiner Heimat Belarus, sondern auch in den Nachbarländern – in Russland und in der Ukraine. Diese 'Brudervölker' arbeiteten seit der Oktober-Revolution gemeinsam sehr fleißig daran, eine neue Sorte von Frau zu kultivieren. Eine eierlegende Wollmilchsau, die sich an der Umsetzung der Fünfjahrespläne für die unendlich heitere Zukunft aktiv beteiligt. Diese Zeiten sind vorbei. Frauen wie Pussy Riot oder Femen scheinen diesseits und jenseits des Ural neue Töne anzuschlagen. Und ich fand dort zwar keine Feministinnen vor, aber Frauen, die emanzipiert sind. 'Ein liberaler Feminismus' – sagt Katja, Pussy Riot-Aktivistin. Von einem vorinstallierten 'Mikrochip der Freiheit' erzählt die ukrainische Künstlerin Irena Karpa in der Nähe des Majdan. Ich stieß aber auch andauernd gegen gesellschaftliche Erwartungen und Vorstellungen. Als ob sie eine Wand wären. Mit lauter darauf geschriebenen Sätzen, Halbsätzen und fremden Vorsätzen. 'Du bist doch ein Mädchen?!', 'Frauenglück', 'der Mythos einer Echten Frau', 'Frauen-Los', 'Weiblichkeits-Pflicht', 'Sie sind doch eine Frau?!!'“.