Grenzgänger

Deniz Yücel:

Deniz Yücel, 1973 in Flörsheim am Main geboren, ist Politikwissenschaftler, Journalist und Redakteur der tageszeitung (taz), Träger des Kurt-Tucholsky-Preises für literarische Publizistik 2011, erste eigene Buchveröffentlichung.
Taksim ist überall

„Taksim ist überall“ ist ein Reportagebuch, das Menschen aus verschiedenen politischen und sozialen Milieus porträtiert, die bei den Gezi-Protesten vom Frühjahr 2013 in der Türkei zusammenkamen. Zu Wort kommen etwa der kurdische Straßenverkäufer Mithat, die junge Immobilienunternehmerin Ceren, der Fußballfan Onur, der Startup-Gründer Sedat, die Prostituierte Asya, der Bestsellerautor Ahmet Ümit und viele andere. Insgesamt fast hundert Menschen, mehrheitlich junge.

Wer waren diese Leute, die den Aufstand gegen die islamisch-konservative AKP-Regierung wagten? Warum begehren sie auf? Wie leben sie, wie wollen sie leben? Von welcher Freiheit reden sie? Am Ende steht ein Porträt der Protestbewegung in ihrer Vielseitigkeit und Widersprüchlichkeit, inklusive eines Blickes auf die türkische Diaspora in Europa. Zugleich steht am Ende eine Art Reiseführer durch den oppositionellen Teil der türkischen Gesellschaft, in dem die Protagonisten entlang ausgewählter Stadtteile Istanbuls und einiger weiterer Städte wie Ankara und Antakya vorgestellt werden.

Reportagebuch
224 Seiten, broschiert
Edition Nautilus, Hamburg 2014
ISBN: 978-3-89401-791-0
Die Recherche fand in folgenden Ländern statt: Türkei – Istanbul, Ankara, Tunceli, Antakya, Kayseri, Izmir. Erste Recherche – im Juni/Juli 2013, zweite Recherche – vom September 2013 bis März 2014.

Zehn Highlights

1. Der beste Spruch: „Nieder mit manchen Sachen!“ Oder mit absichtlichem orthographischem Fehler etwa zu übersetzen: „Nieder mit manschen Sachen!“ Wer wollte da widersprechen?

2. Die beste Moschee: Die Selçuk-Sultan-Moschee im konservativen Istanbuler Stadtteil Fatih. Beten mit den „Antikapitalistischen Muslimen“, die mit ein paar hundert Leuten das politische Gefüge durcheinander gewirbelt haben.

3. Das beste Restaurant: Das Suppenrestaurant „Ede“ in der konservativen zentralanatolischen Boomtown Kayseri. „Das ist aber nicht das einzige Restaurant Kayseri, in dem wir uns mit einer gemischten Gruppe wohlfühlen“, sagt eine junge Frau. „Es gibt noch eins.“ Kayseri hat eine Million Einwohner, eine große Industrie und vier Universitäten.

4. Der beste Fußballclub: Beşiktaş. Die Ultras von Beşiktaş. Immer laut, immer fröhlich. Und wenn nötig in Maßen militant.

5. Die beste Website: „Ekşi Sözlük“, die Seite, die alles weiß. Wirklich alles. Inspiriert von Douglas Adams' Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“, zu Recht eine der beliebten Internetseiten der Türkei. Und eines der ältesten immer noch aktiven sozialen Netzwerke der Welt.

6. Die besten Barrikadenbauerinnen: Die jungen Frauen aus dem alevitischen Armenviertel am westlichen Stadtrand von Istanbul. „Der Staat hat hier gar nichts zu sagen“, sagen sie.

7. Die beste Universität: Die Technische Universität des Mittleren Ostens in Ankara. Eliteuniversität und Widerstandshochburg in einem.

8. Der beste Club: „Minimüzikhol“ in Istanbul-Cihangir. Wirkstätte von DJ Barış K, dem Archäologen am Mischpult, der gegen die Kultur des Vergessens ankämpft, was sehr funky ist.

9. Der traurigste Moment: Nach dem Besuch bei der Familie von Ali Ismail Korkmaz in Antakya, der während der Proteste von Polizisten und Zivilisten totgeprügelt wurde.

10. Der beste Stadtpark: Der Gezi-Park in Istanbul. Dort, wo die Polizei steht“.