Grenzgänger

Ursula Rütten:

„Zwangsablichtung" mit Sándor Tamás, Komitatsvorsitzender von Sepsiszentgyörgy, Siebenbürgen
Ursula Rütten, geboren 1950 in Aachen; Studium der Politischen Wissenschaften, Soziologie und Pädagogik mit Schwerpunkt auf der (politischen) Philosophie der Praxis-Gruppe in Jugoslawien (Dissertation) sowie Systemvergleiche Ost- und Südosteuropa (nach 1945 bis 1970er Jahre); Volontariat Hörfunk- und Fernsehjournalismus beim Westdeutschen Rundfunk Köln, Übernahme als Nachrichtenredakteurin Hörfunk, seit 1985 freie Journalistin und Autorin, vorwiegend für Hörfunk. Ein mehrjähriger Aufenthalt in Wien erweiterte den regionalen Fokus von den Balkanstaaten und (Ex-)Jugoslawien auf Ungarn. 2009 Journalistenpreis der Südosteuropa-Gesellschaft.
Karpatenbeben? Spurensuche unter Ungarns Grenzgängern

"„Der erste Weltkrieg muss endlich beendet werden“ – Zitat einer Interviewpartnerin im Feature. Diese Aussage lotet den Blickwinkel aus, unter dem ich seit einigen Jahren die Entwicklung von Politik und Gesellschaft in Ungarn beobachte. Ein Blickwinkel mit Zoom von der (mystifizierten) Urgeschichte der Magyaren über das Tausendjährige Reich (König Stefans) bis in die Ära von Ministerpräsident Viktor Orbán. Dieser Geschichtsbezug scheint zusehends eine Rolle für Selbstverständnis und Identität der Ungarn zu spielen. Wobei das Jahr 1920 eine besonders intensive Erinnerungskultur heraufbeschworen hat: Erinnerungen an den „Schandvertrag“ von Trianon und damit an das Ende von Großungarn.

Viele Indizien sprechen dafür, dass dieser herbe, völkerrechtlich verbindliche Verlust von 2/3 des Staatsgebiets und die Trennung von 3,2 Millionen Ungarn vom Mutterland durch das Diktat der Siegermächte am Ende des Ersten Weltkrieges ein kollektives Trauma bewirkt hat.

Welches Kollektiv ist gemeint? Das im „Rumpfungarn“ verbliebene? Oder das ausgebürgerte jenseits der heutigen Staatsgrenzen im gesamten Karpatenbecken rund um Ungarn – in Siebenbürgen, der Slowakei, der Westukraine, in Serbien?

Das Radiofeature geht – am Beispiel der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen – der Frage nach, wie weit die Vergangenheit die Gegenwart eingeholt hat, wer sich was und in welchem Ausmaß für die Zukunft erhofft und welche Rolle dabei die Machtkonzentration in Händen der Fidesz-Partei von Viktor Orbán spielt".

Deutschlandfunk
Erstausstrahlung: 01.04.2014, 19:15 Uhr
Regie: Ursula Rütten
Ton: Michael Morawietz
Redaktion: Hermann Theissen;
Länge: 43:00
Übernahme/Wiederholung: 19.04.2014, 00:05 Uhr, WDR 5
Länge: 53:00
Redaktion: Annette Blaschke

Hörprobe

Bildergalerie

Die „Spurensuche unter Ungarns Grenzgänger“ ist die Fortschreibung mehrjähriger Recherchearbeit (und Radiosendungen) über die aktuelle gesellschaftliche und politische Befindlichkeit Ungarns. Dies schließt zahlreiche, zum Teil mehrwöchige Arbeitsaufenthalte ebenso wie private Besuche bzw. Beobachtungen, Kontakte etc. ohne Sendeauftrag ein.

Anregungen für Kontakte, Internetlinks und Übersetzungen einschlägiger Dokumente zur Vorbereitung der Recherchereise verdanke ich vor allem meiner Dolmetscherin Katrin Kremmler, die auch (als ständige Reisebegleiterin) die Gespräche in Ungarn, Siebenbürgen und der Slowakei dolmetschte.

Ursprünglich schloss diese „Spurensuche“ alle Regionen in den Nachbarstaaten Ungarns ein, in denen heute noch Ungarn leben. Mit Blick auf den (durch Vorgabe des frühen Sendedatums) maximal möglichen Reisezeitraum (2 Wochen), auf das Sendeformat eines Radiofeatures (max. 55 Minuten) und bestätigt durch die Erfahrungen unzureichender (binnen- wie internationaler Quer-)Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln in den Zielländern bot sich an, den Fokus auf die Ostkarpaten, auf Siebenbürgen zu legen. Dort lebt in weitgehend geschlossenen Siedlungsgebieten die größte ungarische Gemeinschaft außerhalb des Mutterlandes.