Grenzgänger

Razvan Georgescu:

1965 im transsilvanischen Tirgu Mures (Rumänien) geboren. Deutsches Gymnasium in Timişoara. Studium der Philologie in Bukarest. Dezember 1989 folgt er seiner deutschstämmigen Frau in die Bundesrepublik Deutschland. Seit 1990 arbeitet er für verschiedene deutsche Sender, zunächst als Beleuchter, Cutter, Bildmischer, Regisseur von Live-Sendungen, Produzent von Kultursendungen (Metropolis/ARTE). Seit 1999 ist er Autor und Regisseur von Dokumentarfilmen für ARTE, ZDF und ARD. Teilnahme an "Discovey Campus Masterschool" 2002, Drehbuchinitiative "Pygmalion" 2003 etc.

Filmografie (Ausschnitte)
  • "Das H.P.-Syndrom" (ARTE, 2000)
  • "Das Dekret 770 – Gebähren auf Befehl" ("Decreteii" / ARTE, TVR, ZDF, 2003)
    Publikumspreis Zagrebdox, 2003
    Bestes Drehbuch, Preis der rumänischen Filmgewerkschaft 2004
    Bester Dokumentarfilm, Black Sea Film Festival, Constanţa 2005
  • "LebensWende" ("Testimony" / ARTE, ZDF, YLE, TVR, 2009)
    PRIX EUROPA 2008 Bester TV Dokumentarfilm (EU)
    Bester ausländischer Film, CFF 2009 (USA)
    Audience Award&Special Jury Prize, Documfest 2009 (Rumänien)
    Nominiert für Best Documentary on Arts Banff-Canada, Best Documentary GOPO-Rum. 2009

Buchveröffentlichungen
  • "Biopsie einer Liebe" (Gütersloher Verlagshaus, 2012)
Ein Pass für Deutschland

Dokumentarfilm (90min) von Razvan Georgescu
Format: HDCAM, DCP, Bluray/ 16:9
Ton: Digital Dolby Surround 5.1.
Eine Koproduktion von HIFILM s.r.l. (Bukarest/Rumänien), Februar Film GmbH (Berlin/Deutschland), HBO-Europe
Kinostart: 01.04.2016

Deutsche gegen Devisen

Der streng geheime und bis ins letzte Detail durchorganisierte Freikauf von über 240.000 Deutschstämmigen aus Rumänien durch die BRD in der Zeit von 1968 bis 1989 war einer der umfangreichsten und am sorgfältigsten durchgeplanten Bevölkerungstransfers während des Kalten Krieges. Sein konspirativer Name: "Geheimsache Kanal".

Anhand von Namenslisten – einer Art Schindlers Liste für Volksdeutsche aus Rumänien – wurde die Ausreise Hunderttausender aus dem kommunistischen Rumänien verhandelt und organisiert. Getarnt war das Ganze unter dem Begriff "Familienzusammenführung". In seiner Dimension und Auswirkung ist die "Geheimsache Kanal" mit keiner anderen bundesdeutschen Freikaufoperation von Menschen aus dem ehemaligen Ostblock vergleichbar, auch nicht mit dem Freikauf von politisch Inhaftierten aus der DDR.

Hintergründe

1968 bestimmte die damalige Bundesregierung unter Kanzler Kurt Kiesinger den Rechtsanwalt Dr. Heinz Günther Hüsch als "undercover" Verhandlungsführer der Bundesrepublik Deutschland mit Rumänien in der "Geheimsache Kanal". Er sollte diesen Auftrag 22 Jahre lang und unter 4 Kanzlern ausführen. Rumänien erhielt während dieser Zeit (1968-1989) nicht nur Geld, sondern auch zinsbegünstigte Darlehen in Milliardenhöhe, Hermes-Garantien, etliche Fahrzeuge der Marke Mercedes und Audi, eine Kinokarawane, medizinisches Gerät, zwei Jagdgewehre für Nicolae Ceaușescu und Bargeld für die Anschaffung von "operativen Technologien" in Deutschland. Damit gemeint war neueste Abhör- und Überwachungstechnologie für den rumänischen Geheimdienst Securitate.

Die Folge: Innerhalb von zwei Jahrzehnten verschwand die 850-jährige deutsche Kultur aus Rumänien. 80% des Geldes aus der Operation "Kanal" wurde, laut Aussage rumänischer Forscher, für die Tilgung der Auslandsschulden Rumäniens verwendet. Der Verbleib der restlichen 20% sowie der erheblichen Schwarzgeldzahlungen ist bis heute ungeklärt.

Für die Bundesrepublik Deutschland bedeutete die "Geheimsache Kanal" einen humanitären Akt, den jeder Bundeskanzler, von Kiesinger bis Kohl, bedingungslos und diskret unterstützte und vorantrieb. Gleichzeitig wurden dadurch meist gut ausgebildete und – anders als im Falle der Russlanddeutschen oder der Spätaussiedler aus Polen – perfekt Deutsch sprechende Menschen ins Land ihrer Vorfahren zurückgeholt. Der Freikauf der Rumäniendeutschen kann daher auch als eine eiskalt kalkulierte, pragmatische Handlung betrachtet werden. Menschen hatten einen Preis, und darüber wurde hart und zynisch gerungen. Dass die Bundesrepublik durch diese Zahlungen einen Diktator unterstützte, ist ein bisher nicht verarbeiteter Aspekt der Geschichte. Die moralischen und psychologischen Folgen für die Betroffenen selbst waren traumatisierend und wirken bis heute nach.

Hi FILM s.r.l., Bukarest, Rumänien
Februar Film GmbH Berlin, Deutschland
Buch & Regie: Razvan Georgescu
Dauer: 45 Min.
Sprachen: Deutsch, Englisch, Rumänisch / Orig., U/T
Produzenten: Alexandru und Ada Solomon, Florian Hartung, Razvan Georgescu
Schnitt: Wolfgang Lehmann
Kamera: Alexandru Solomon
Musik: Richard Oschanitzky, Remus Georgescu
Erstaufführung: 08.01.2014, Pressevorführung in Berlin, 13.01.2014 Ausstrahlung in ARD

Bildergalerie

"Rückblickend betrachtet war die Förderung der Recherche des Projektes 'Geheimsache Kanal (AT)' durch die Robert Bosch Stiftung die Initialzündung, die alles Weitere ermöglicht hat. Ich kann das nicht hoch genug schätzen! Sie löste eine Kettenreaktion aus, die innerhalb relativ kurzer Zeit (1,5 Jahren) zu zwei aufwändigen, international koproduzierten Filmen geführt hat: die 45-minütige Dokumentation 'Deutsche gegen Devisen' und der 75-minütige Dokumentarfilm 'Ein Pass für Deutschland/Pasaport de Germania/Trading Germans'). Angesichts der Komplexität dieses Projektes, betrachte ich die Produktion dieser Filme, sowohl was die Dauer der Vorbereitungen, die große Anzahl der Koproduzenten, als auch was die Außenwirkung betrifft, als einen sehr guten Erfolg.

Die Vorgeschichte

Die Förderung der Recherche meines Projektes durch die Robert Bosch Stiftung ermöglichte es mir, sehr schnell aktiv zu werden. Ich konnte unmittelbar nach der Bewilligung [im Juli 2012] eine Recherchereise nach Rumänien unternehmen, einige Gespräche mit Betroffenen und möglichen Protagonisten durchführen und mir ein klareres Bild vom Thema des Films, d.h. dem Freikauf der gesamten deutschstämmigen Bevölkerung aus Rumänien durch die Bundesrepublik von 1968 bis Dezember 1989, machen."