Grenzgänger

Katja Petrowskaja:

Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, studierte Literaturwissenschaft in Tartu (Estland) und promovierte in Moskau. Seit 1999 lebt sie in Berlin und arbeitet als Journalistin für russische und deutsche Print-Netzmedien. Seit 2011 ist sie Kolumnistin bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Für ihre Erzählung "Vielleicht Esther" erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis 2013. Ihr Debütroman „Vielleicht Esther“ wurde 2014 mit dem Literaturpreis der ZDF-Kultursendung „aspekte“ ausgezeichnet.
Vielleicht Esther

Hieß sie wirklich Esther, die Großmutter des Vaters, die 1941 im besetzten Kiew allein in der Wohnung der geflohenen Familie zurückblieb? Die jiddischen Worte, die sie vertrauensvoll an die deutschen Soldaten auf der Straße richtete – wer hat sie gehört? Und als die Soldaten die Babuschka erschossen, "mit nachlässiger Routine" – wer hat am Fenster gestanden und zugeschaut?

Die unabgeschlossene Familiengeschichte, die Katja Petrowskaja in kurzen Kapiteln erzählt, hätte ein tragischer Epochenroman werden können: der Student Judas Stern, ein Großonkel, verübte 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat in Moskau. Sterns Bruder, ein Revolutionär aus Odessa, gab sich den Untergrundnamen Petrowski. Ein Urgroßvater gründete in Warschau ein Waisenhaus für taubstumme jüdische Kinder.

Wenn aber schon der Name nicht mehr gewiss ist, was kann man dann überhaupt wissen?

Statt ihren gewaltigen Stoff episch auszubreiten, schreibt die Autorin von ihren Reisen zu den Schauplätzen, reflektiert über ein zersplittertes, traumatisiertes Jahrhundert und rückt Figuren ins Bild, deren Gesichter nicht mehr erkennbar sind. Ungläubigkeit, Skrupel und ein Sinn für Komik wirken in jedem Satz dieses eindringlichen Buches.

Roman
285 Seiten, gebunden 
Suhrkamp Verlag, 10.03.2014
ISBN: 978-3-518-42404-9

Bildergalerie

Katja Petrowskaja unternahm zwischen 2010 und 2012 zahlreiche Reisen nach Kiew und Warschau und reiste außerdem noch nach Moskau, Wien und nicht zuletzt nach Washington.

"Ich wusste, dass es in meiner Familie sieben Generationen von Sprach-Lehrern gibt, die taubstummen Kindern das Sprechen beigebracht haben. In Wien, Kalisz, Koło, Krakau, Limanów, Lwiw, in einigen Schteltl Galiziens sowie in Kiew gründeten sie Schulen und Waisenhäuser. Ich hatte bereits in Kiew einige Informationen finden können und hatte gehofft, in Warschau noch einige weitere Spuren meiner Familie finden zu können. Zufall und unerwartete Entdeckungen haben aber eine immer größere Rolle bei der Recherche gespielt und dadurch wurden nicht nur die Reise-Routen, sondern auch die Herangehensweise überdacht."

"Bei meinen Recherchen stieß ich häufig an Grenzen: Zu bestimmten Personen waren gar keine Spuren mehr auffindbar (Ljolja Krzewina). In anderen Fällen suchte man monatelang, las Dutzende Bücher, suchte in Archiven und fand nichts (Heller). In anderen Fällen bekam man aus politischen Gründen nur einen eingeschränkten oder sogar gar keinen Zugang zu Dokumenten (Semjon Petrowskij, Judas Stern, Wil Petrowskij). In wieder anderen Fällen entdeckte man die Dokumente allmählich, sie wurden mit großen Pausen geschickt, als ob es eine gewisse fortlaufende Entwicklung gäbe und es ist dann schwierig, eine solche Recherche abzuschließen (Wasiliji Owdijenko) – oder man wartet jahrelang auf neue Erkenntnisse (Judas Stern). Solche oder ähnliche Sackgassen beeinflussen den gesamten Prozess des Schreibens – je weniger Fakten ich kannte, desto gelöster, literarischer, vielleicht auch reflektierter wurde der Text. Ich hatte am Anfang eine Reihe 'historischer Novellen' geplant, die durch kleine Beobachtungen darüber, wie man recherchiert, miteinander verzahnt oder gebrochen werden, wie kleine Intermezzi, aber das Schreiben hat sich dann immer mehr zu einem Prozess einer Suche entwickelt, in dem weniger das Ergebnis, als die Suche selbst zum Ziel wird. Negative oder fehlende Ergebnisse sind in diesem Sinne auch Ergebnisse und wurden in die Texte für mein Buch integriert. Daraus ergab sich die Frage, wie viel Recherche und wie viel Wissen eigentlich 'genug' ist beim Schreiben von Non-Fiktion, die sich der Fiktion annähert? Wie viel muss man wissen, um sich das Schreiben 'erlauben zu können'? Die Geschichte meiner Familie gab in meinem Fall den Impuls zur Suche danach, wo wir, die heutigen 'modernen Menschen', mit unserem Geschichtswissen und unserer Familienkonstellation stehen, und ob es überhaupt möglich ist, eine Geschichte zu erzählen."