Das Jubiläum
9. April 2014

Polen - Deutschland und die Nachbarn im Osten

"Sag ihnen, dass es uns gibt"
  • Das Verhältnis der EU zu seinen osteuropäischen Nachbarn steht durch die Ukraine-Krise ganz oben auf der politischen Agenda. Welche Rolle spielt dabei die deutsch-polnische Zusammenarbeit? Darüber diskutierten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion "Polen – Deutschland und die Nachbarn im Osten" anlässlich des 40. Jubiläums der Förderung dieser besonderen Nachbarschaftsbeziehung durch die Robert Bosch Stiftung.

Als vor Jahrzehnten der Eiserne Vorhang Europa durchschnitt, glaubten nur wenige Menschen an Versöhnung, Verständigung und Austausch zwischen Ost und West. Richard von Weizsäcker war einer von ihnen. Prof. Joachim Rogall, Geschäftsführer der Robert Bosch Stiftung, dankte dem ehemaligen Bundespräsidenten, der zur Veranstaltung gekommen war, in seiner Eröffnungsrede: "Sie haben als Kurator maßgeblich dazu beigetragen, dass die Stiftung vor vierzig Jahren diesen Weg einschlug".

Anfangs ging es vor allem darum, zwischenmenschliche Begegnungen zu ermöglichen und die Grenzen durchlässiger zu machen, sagte Rogall. Mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung kamen zum Beispiel über 1700 polnische Germanisten für Fortbildungen nach Westdeutschland, auch zahlreiche Schüler- und Studentengruppen konnten sich gegenseitig besuchen. Der polnische Botschafter, Dr. Jerzy Margański, sagte in seinem Grußwort: "Die Stiftung ist eine der wichtigsten Schaltstellen in den deutsch-polnischen Beziehungen: Sie etablierte eine Dialogkultur, schuf Strukturen und hinterließ Akteure auf beiden Seiten, auf die man sich verlassen kann". Als aktuelle Beispiele nannte er die deutsch-polnischen Medientage, die Einrichtung einer polnischen Gastprofessur an der Universität Mainz sowie die im Suhrkamp-Verlag erschienene 50-bändige "Polnische Bibliothek", koordiniert vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wandelte sich das deutsch-polnische Verhältnis. Das spiegelte sich in den Programmen der Stiftung wider, fortan ging es darin auch um die Unterstützung Polens auf dem Weg in die EU und die NATO. Polen wurde von einem Förderempfänger zu einem Förderpartner der Stiftung. "Dies ist heute eine Partnerschaft auf Augenhöhe!", betonte Joachim Rogall. Gemeinsames Anliegen sei vor allem die Förderung der Zusammenarbeit mit anderen osteuropäischen Ländern wie der Ukraine, Weißrussland oder Russland.

Sorgen um die Entwicklung in der Ukraine

Besonders der Ukraine-Konflikt und das Verhältnis zu Russland waren Thema der anschließenden Podiumsdiskussion vor etwa 150 Gästen, moderiert von Bettina Klein vom Deutschlandfunk. Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, ob die von Deutschland angeregten direkten diplomatischen Gespräche zwischen Russland, der Ukraine und der EU zu einer Deeskalation der Krise führen werden.

Sowohl der österreichische Journalist, Schriftsteller und Übersetzer Martin Pollack, als auch der russischsprachige, ukrainische Autor Andrei Kurkow und Günter Verheugen, ehemaliger Vize-Präsident der EU-Kommission, äußerten sich skeptisch. Kurkow ist der Meinung, Putin wolle den Osten der Ukraine gezielt destabilisieren, um so ein militärisches Eingreifen zu rechtfertigen. Verheugen beklagte das enorme Tempo der Destabilisierung: "Viele Regierungen begreifen nicht, das die Ukraine in Gefahr ist, auszubluten. Das würde eine gefährliche wirtschaftliche und soziale Abwärtsspirale auslösen." Er unterstrich, dass die territoriale Integrität der Ukraine in gesamteuropäischer Verantwortung liege.

Lediglich Marek Prawda, Polens Botschafter bei der EU, hielt mit ein wenig Optimismus dagegen. Er beobachte, dass es seit etwa einem halben Jahr, seit Zuspitzung des Konfliktes zwischen Russland und der Ukraine, ein gemeinsames europäisches Thema gebe, für das auch gemeinsame Lösungen gesucht würden. Dies stimme ihn optimistisch. Dabei hob er besonders das "Weimarer Dreieck" hervor, also die enge Zusammenarbeit zwischen Frankreich, Deutschland und Polen. Günter Verheugen pflichtete ihm bei: "Paris, Berlin, Warschau - das ist die eigentliche Stabilitätsachse in der EU".

"Die Idee der Europäischen Einheit gehört nicht uns allein, sie gehört uns allen!"

Verheugen warnte davor, Russland ein Vetorecht bei der EU- und NATO-Osterweiterung einzuräumen. "Das ist nicht unsere oder Russlands Entscheidung, darüber müssen souveräne Staaten selbst entscheiden". Außerdem dürfe es keine Pause bei der EU-Erweiterung geben. "Nachbarschaft ist ein evolutionärer Prozess. Die Idee der Europäischen Einheit gehört nicht uns allein, sie gehört uns allen!" Andrei Kurkow sagte, dass Visafreiheit viel wichtiger sei als Militärhilfen: "Europa muss für Ukrainer offen bleiben."

Martin Pollack kritisierte grundsätzlich, dass viele Menschen im Westen kaum etwas über die Nachbarn im Osten, ihre Sprache sowie die kulturelle und politische Situation wüssten. Deshalb seien Programme, wie sie die Robert Bosch Stiftung seit Jahrzehnten fördere, so wichtig. "Die Krise ist auch eine Chance für die ukrainische Literatur und Kultur, weil man sich dafür zu interessieren beginnt." Marek Prawda erzählte von einer Begegnung mit einem ukrainischen Schriftsteller. Er fragte ihn vor einigen Jahren, was er im Westen über die Ukraine erzählen solle. "Sag ihnen, dass es uns gibt", war dessen Antwort. So forderte Polens EU-Botschafter zum Abschluss der Diskussionsrunde: "Wir sollten ihren Träumen einen Namen geben, ihre Sprache verstehen, sie ernst nehmen, weil ihre Werte auch unsere Werte sind."

(David Weyand, April 2014)

Online-Special

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Seit 40 Jahren engagiert sich die Robert Bosch Stiftung für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Was als Pionierleistung begann, führte zu einem engen, bis heute tragfähigen Netzwerk. Eine multimediale Entdeckungsreise.

Audio-Statements

Jerzy Margański, Polens Botschafter in Deutschland
Marek Prawda, Polens Botschafter bei der EU
Günter Verheugen, ehemaliger Vize-Präsident der EU-Kommission
Andrei Kurkow, ukrainischer Autor
Martin Pollack, Journalist, Schriftsteller und Übersetzer
Joachim Rogall, Geschäftsführer Robert Bosch Stiftung

Kontakt

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Bildergalerie

Fotos: Smilla Dankert 
Marek Prawda, Botschafter der Republik Polen bei der EU, begrüßt Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker und Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung