Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Johanna Diehl:

Johanna Diehl (Jg. 1977) studierte Fotografie bei Timm Rautert an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Studienaufenthalte führten sie an die École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris, in die Klassen von Jean-Marc Bustamante und Christian Boltanski, sowie nach Odessa mit dem Gastprofessor Boris Mikhailov. Ihr Meisterschülerstudium absolvierte sie bei Tina Bara (HGB). Sie erhielt zahlreiche Stipendien (Kunstfonds Bonn, DAAD, Schloss Solitude u.a.) und realisierte Projekte u.a. in Italien, Zypern und Frankreich. Ihre Arbeiten wurden in vielen nationalen und internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt und befinden sich u.a. in der Sammlung der Bundesrepublik Deutschland, der DZ Bank Kunstsammlung und in der Sammlung für zeitgenössische Fotografie Ann und Jürgen Wilde.
Ukraine Series

Die Arbeit „Ukraine Series“ der Künstlerin Johanna Diehl untersucht die Räume früherer Synagogen in der heutigen Ukraine. Nach der vielfachen Zerstörung durch die deutsche Besatzung, wurden diese in der Sowjetunion insbesondere zu Fabriken, Kinos, Sporthallen oder Warenlagern umgewandelt. Seit der Unabhängigkeit der Ukraine wurden nur wenige Synagogen restituiert, viele dieser Orte verbleiben in den Funktionen, verfallen oder werden etwa zu Geschäften, Wohnhäusern, Krankenhäusern umfunktioniert. Die Bilder dieser Serie arbeiten mit den vorgefundenen „Inszenierungen“. Sie verhandeln die Geschichte der Synagogen in der Ukraine als spezifische Kulturräume, in denen sich der Zugriff von Macht auf das Subjekt der jeweils regierenden Ideologie konstituiert. Heute zeigt sich in den ehemaligen Synagogen auch eine globale Realität: in ihnen werden Waren produziert, oder zum Kauf angeboten. In anderen wird das sowjetische Erbe erhalten oder mit grellen Farben übermalt, andere finden keine Verwendung mehr. Die ursprünglich nach Osten ausgerichteten Räume zeugen von dem abgeschnitten Faden religiöser und kultureller Identität, von Identitätssuche vor dem Hintergrund eines unbewältigten europäischen Traumas.

Für den Textbeitrag im Buch konnte Diehl den ukrainischen Schriftsteller Juri Andruchowytsch („Perversion“, „Zwölf Ringe“, Suhrkamp Verlag) gewinnen, der viele internationale Preise, u.a. 2006 den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung erhalten hat. Er besuchte auf Grundlage der Bilder einige Orte und verfasst sogenannte Miniaturen, in denen sich die darin vorkommenden ehemaligen Synagogenräume wie Metaphern lesen lassen.

Fotoband mit Texten von Juri Andruchowytsch und Bernhard Maaz
23,6 x 27 cm
160 Seiten, Hardcover
72 Abbildungen
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-944874-14-2 (Deutsch)
ISBN 978-3-944874-35-7 (English)

Pressestimmen
„Johanna Diehls fotografischer Blick ist konzeptuell. Erst formt sie eine Idee, ein Thema. Dann geht sie auf die Suche nach ihren Motiven und auf Reisen entstehen dann ihre konzentrierten Werke. (...) Die Kunst der Fotografie, Schärfe, Licht und Perspektive präzise einzusetzen, erreicht bei Johanna Diehl den perfekten Grad. Sie ist eine Ausnahmefotografin“. (Swantje Karich, FAZ)
Fotos: Johanna Diehl
Braclav, 2013
Chernivtsi I, 2013
Halyc, 2013
Horodenka I, 2013
Kovel I, 2013
Kyiv II, 2013
Novoselitsia I, 2013
Sharhorod I, 2013
Shepetivka, 2013
Zmerynka, 2013
Johanna Diehl realisierte 2012/2013 mithilfe des Robert Bosch Grenzgänger Stipendiums eine umfangreiche Recherche über die Räume der früheren Synagogen in der heutigen Ukraine. Dabei unternahm sie mehrere Autoreisen, um vor allem auf dem Gebiet zwischen europäischer Grenze und dem Dnjepr die Zeugen einer einst sehr reichen jüdischen Kultur aufzusuchen. Die oft bis zur Unkenntlichkeit umgewandelten und oft unzureichend dokumentierten Häuser erforderten oft eine sorgfältige Analyse der Ortsstrukturen, der Ausrichtungen und Fassaden sowie persönliche Gespräche bevor sie als ehemalige Synagogen identifiziert werden konnten. Gemeinsam mit einer Übersetzerin (Diana Lembak/Chernivtsi, sowie Maria Herchak/Kiev) kam es so zu einem wichtigen Austausch mit den Menschen vor Ort. Die inhaltliche Recherche beinhaltete eine Zusammenarbeit mit jüdischen Gemeinden und Stiftungen, Institutionen, Museen, Archiven, ukrainischen Wissenschaftlern und Kulturschaffenden. Die Anwesenheit als Fotografin, das Verbringen von Zeit und Zurücklegen von Distanz, und das Mittel der analogen Großformatkamera, das zur Verlangsamung führte, waren wichtiger Teil des künstlerischen Prozesses. Neben der zu publizierenden fotografischen Serie entstanden auch Filmarbeiten, die im Rahmen von Ausstellungen gezeigt werden.