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Aktuelle Themen 2016

Indien kennen und verstehen lernen

Sexuelle Gewalt gegenüber Frauen, der Konflikt mit Pakistan und die Smogbelastung in Großstädten - wenn in deutschen Medien über Indien berichtet wird, geht es meist um diese Themen. Die gefestigten Länder-Stereotype werden dem Vielvölkerstaat mit insgesamt rund 1,3 Milliarden Einwohnern jedoch kaum gerecht.

Acht deutsche Journalisten bekamen nun Gelegenheit, Indien während eines dreimonatigen Aufenthaltes besser kennen zu lernen. Als Stipendiaten des Programms "Medienbotschafter Indien - Deutschland" hospitierten sie zwei Monate in indischen Redaktionen und gingen dabei auch eigenen Projektideen nach. Zuvor erhielten sie während eines vierwöchigen Lehrgangs am Asian College of Journalism in Chennai eine intensive Einführung in das moderne Indien und aktuelle gesellschaftliche Debatten.
 

Das Interview

Medienbotschafter Fabian Kretschmer erzählt im Interview, wie es um die Pressefreiheit in Indien bestellt ist und warum Länder-Stereotype manchmal auch ein "notwendiges Übel" sind. Kretschmer arbeitet als freier Journalist in Seoul. 2013 nahm er bereits am Austauschprogramm "Medienbotschafter China - Deutschland" teil. Während seines Aufenthaltes in Indien hospitierte Kretschmer bei der englischsprachigen Zeitung "The Tribune" in Chandigarh.

Medienbotschafter Fabian Kretschmer
  • Das Programm Medienbotschafter Indien-Deutschland soll Wissen und Verständnis der deutschen und indischen Journalisten für das jeweils andere Land vertiefen. Herr Kretschmer, haben Sie Indien in den vergangenen drei Monaten besser verstehen gelernt?

Kretschmer: Indien wirklich "verstehen" zu wollen ist nicht weniger als eine Lebensaufgabe. Der Subkontinent ist schlicht zu komplex, um sich auf Anhieb ein kohärentes Bild zu machen. Während des Medienbotschafter-Programms haben wir beispielsweise mit vielen Regierungsvertretern gesprochen, die vor allem die friedfertigen Wurzeln der indischen Gesellschaft betont haben, in der die verschiedensten Religionen und Kulturen weitgehend harmonisch miteinander leben. Menschenrechtler hingegen beschreiben Indien als eine zutiefst von Gewalt traumatisierte Gesellschaft, in der Folter und sexueller Missbrauch nicht selten auch von Polizisten begangen wird. Es ist also immer eine Frage der Perspektive, zu welchen Schlüssen man kommt.

Gerade als Journalist sollte man sich diese Skepsis über die eigene Urteilskraft stets präsent halten - und nicht der Versuchung erliegen, allzu voreilige Schlüsse zu ziehen. Dennoch glaube ich, dass der extrem intensive erste Monat des Medienbotschafter-Programms am Asian College of Journalism ein perfekter Einstieg ist, um seriös über das Land berichten zu können.

  • Welche Themen vermissen Sie in der Berichterstattung über Indien?

Gerade als freier Journalist muss man regelmäßig gegen das vorgefertigte Indien-Bild einiger Redakteure andiskutieren. Dabei möchte ich die vorherrschenden Klischees jedoch nicht per se verurteilen, sondern betrachte sie viel mehr als "notwendiges Übel": Sie bilden schließlich einen ersten Anknüpfungspunkt für den Leser. Zudem hat man als Journalist die Möglichkeit, mit seinen Texten diese Stereotype ein wenig aufzudröseln.

Natürlich gibt es auch inhaltliche Themenbereiche, die ich in der Berichterstattung über Indien vermisse. Meine vorrangige Kritik betrifft jedoch eher einen formalen Aspekt: Ein Großteil der Berichterstattung speist sich aus nüchternen Agenturmeldungen - notgedrungen, da nur mehr wenige feste Korrespondenten im Land sind. Doch selbst bei den Korrespondentenberichten lesen sich einige Texte,  als wären sie "kalt" vom Schreibtisch geschrieben worden. Ich würde mir mehr Reportagen wünschen, die möglichst viel "gelebte Realität" der Inder transportieren.

  • Zu welchen Themen haben Sie während Ihres Aufenthalts im Land recherchiert?

Ich habe versucht, die gerade erwähnten Vorurteile ein wenig aufzulösen, indem ich die erste Busfahrerin Delhis porträtiert habe. In der Geschichte wird natürlich auch die Gruppenvergewaltigung von 2012 angerissen, die sich ja in einem Bus in der indischen Hauptstadt zugetragen hat - ein Vorfall, der nicht nur die Gesellschaft zutiefst erschüttert, sondern auch das Indien-Bild im westlichen Ausland stark geprägt hat. Gleichzeitig lässt sich anhand des Themas jedoch sehr viel mehr erzählen: etwa wie Frauen aus ländlichen Gegenden in die Großstädte ziehen und sich gegen patriarchale Widerstände ihren Platz in der Arbeitswelt erkämpfen. Der Beruf des Busfahrers ist in Indien bislang eine absolut männliche Domäne.

Die wohl emotionalste Recherche während der letzten drei Monate habe ich im südlichen Punjab geführt, wo ich den hohen Suizidraten unter der Landbevölkerung auf den Grund gehen wollte. Die Schicksale waren geradezu erschütternd: Oftmals saß ich im Hof mit Familien, in denen praktisch nur mehr die Witwen und Töchter am Leben waren. Viele Männer haben sich angesichts wachsender Schulden und fehlender Perspektiven das Leben genommen. Trotzdem haben sich die Hinterbliebenen mir in einer Offenheit anvertraut, wie ich es bislang selten erlebt habe. Besonders erfreulich: Nach der Publikation hat sich ein Leser aus Österreich gemeldet, der die Schulden eines der interviewten Bauern tilgen möchte.

Saritha Vankadarath ist Delhis erste Busfahrerin. Für viele Menschen ist sie auch Wegweiserin in eine gleichberechtigte Gesellschaft.
  • Wie unterscheidet sich die Arbeit eines Journalisten in Indien von der seiner westlichen Kollegen?

Tatsächlich überwiegen die Gemeinsamkeiten. Das ist, wie ich finde, eine sehr inspirierende Erfahrung: Auch wenn man in ganz unterschiedlichen Gegenden der Welt sozialisiert wurde, teilt man dennoch die gleichen beruflichen Hoffnungen, Wünsche und Sorgen. Gerade aus deutscher Perspektive blicke ich fasziniert auf die schiere Größe des indischen Zeitungsmarkts: Von Printkrise ist dort - zumindest noch - keine Spur. Und die meisten Publikationen können Auflagen vorweisen, bei denen jeder deutsche Verleger vor Neid erblassen würde.

  • War die Pressefreiheit während Ihres Aufenthaltes ein Thema? Die NGO Freedom House stuft den Status der Presse in Indien als "partly free" ein, das Ranking von Reporter ohne Grenzen listet Indien auf Platz 133 unter 180 Staaten.

Die Problematik war stets präsent und zog sich wie ein roter Faden durch das gesamte Programm: Zunächst wurde sie von den vortragenden Kollegen am Asian College of Journalism in Chennai thematisiert. Später konnten wir die Situation natürlich auch in den Redaktionen während unseres Job Shadowing miterleben. Nicht zuletzt haben die indischen Fellows beim gemeinsamen Feierabendbier über die omnipräsente Selbstzensur und den vorauseilenden politischen Gehorsam geklagt. Im Vergleich zu meiner Zeit als Gastjournalist in China ist die Situation für indische Journalisten jedoch weitaus angenehmer.

  • Was kann ein Austauschprogramm zur Verbesserung der Situation beitragen?

Das Austauschprogramm kann natürlich Bewusstsein für das Thema schaffen, indem wir deutschen Kollegen über die politischen Repressalien in der Medienbranche für unsere Heimatredaktionen berichten. Allerdings wären wir da wieder bei den Klischees: Da Indien vornehmlich als weltweit größte Demokratie gilt, passt die Problematik der unterdrückten Medien nicht so recht ins Bild. Gerade als Freelancer wäre dies daher ein Thema, das sich nicht ganz so leicht absetzen lässt.

  • Teil des Programms ist ein Alumni-Netzwerk, das sich im Laufe der nächsten Jahre vergrößern soll. Was wünschen Sie sich für die Zusammenarbeit mit Ihren deutschen und indischen Kollegen?

Mein größter Wunsch ist, dass das Alumni-Netzwerk in den nächsten Jahren spannende Rechercheprojekte ermöglicht. Ich persönlich habe beispielsweise noch eine ganze Reihe an Reportage-Themen, die ich am liebsten im Team mit indischen Kollegen umsetzen möchte. Zudem wird es sicher regelmäßig spannende Vortrags- und Netzwerkabende geben.

  • Was werden Sie für Ihre tägliche Arbeit, aber auch ganz privat mitnehmen aus den drei Monaten in Indien?

Beruflich wie auch privat hat mir das Programm definitiv Aufwind gegeben. Allein den ersten Monat in Chennai, wo wir praktisch täglich Diskussionen mit wirklich inspirierenden Persönlichkeiten aus allen Bereichen der Gesellschaft geführt haben, habe ich als extremes Privileg empfunden. Die restlichen zwei Monate hatte ich - gestützt durch das Stipendium sowie dem Netzwerk des Medienbotschafter-Programms - komplett freie Hand, mich meinen Recherchen zu widmen.

Zudem kannte ich Asien bislang vor allem aus der Perspektive Chinas und Südkoreas. Die Zeit in Indien war daher ein weiteres Puzzleteil, um diesen spannenden Kontinent besser zu verstehen und globale Zusammenhänge zu erfassen. Vor allem aber habe ich zu vielen indischen Kollegen Freundschaften knüpfen können. Deshalb bin ich mir sicher, in naher Zukunft wiederzukommen.

(Interview: Philipp Knichel, Dezember 2016)

Das Programm

Die aktuellen Medienbotschafter in Indien
Das Austauschprogramm "Medienbotschafter Indien - Deutschland"  organisiert die Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit dem International Media Center (IMC) der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Ziel des Programms ist es, den Journalisten eine tiefergehende Kenntnis des jeweils anderen Landes zu vermitteln und so zu einer differenzierten Berichterstattung beizutragen. Gegenseitigen Vorurteilen und Stereotypen soll auf diese Weise entgegengewirkt und die Völkerverständigung zwischen Indien und Deutschland gefördert werden. (Foto: Petra Sorge)