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Kämpfer gegen Kinderarbeit: Satyarthi zu Gast in Stuttgart

Beim ersten "Stuttgarter Gespräch" beeindruckt Kailash Satyarthi tausend Gäste im Theaterhaus. Joachim Dorfs von der Stuttgarter Zeitung und Kinderreporter befragten den charismatischen Friedensnobelpreisträger über seinen Kampf gegen Kinderarbeit.
Noch immer verrichten 168 Millionen Kinder Vollzeitarbeit – in Textilfabriken, Steinbrüchen, auf dem Feld. "Jedes Jahr werden 1,2 Millionen Kinder wie Tiere verkauft", sagte Kailash Satyarthi als erster Gast der Veranstaltungsreihe "Stuttgarter Gespräche", die von der Robert Bosch Stiftung und der Stuttgarter Zeitung initiiert worden ist. Aber "wir kommen voran". Wenn es so weitergehe wie in den vorigen 25 Jahren, "können wir dieses Elend beenden". Viele von ihm befreite Kindersklaven seien heute selbst Befreier und Lehrer. "Das ist das Schönste an dieser Arbeit."

Das Auftreten des charismatischen 61-Jährigen ist unprätentiös und bescheiden, herzlich und humorvoll. Zu jungen Menschen findet er besonders leicht Kontakt: ein Plausch und ein "Selfie" vor Beginn – ein Kinderspiel ist das. Joachim Dorfs, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, fragte zunächst nach den Umständen seiner riskanten Arbeit. "Viele Kinder haben nie das Licht der Sonne gesehen", schilderte Satyarthi. Manche würden vor ihrer Entdeckung an Erschöpfung sterben. Sie arbeiteten auf Kakaoplantagen, hätten aber noch nie Schokolade gegessen. Mitunter sei es ihr einziger Traum, einmal gegen einen Fußball zu treten: "Das Wichtigste ist, den Kindern ihre Träume wiederzugeben", betonte Satyarthi.

"Wenn ich ein Kind befreie, befreie ich mich selbst"

Es sei gefährlich, sie zu befreien, "aber irgendjemand muss es tun". Jede der vielen Narben seines Körpers sei eine Geschichte des Widerstands gegen Sklavenhalter und korrupte Polizisten. Seine Wirbelsäule war verletzt, einen Arm kann er heute nur noch schwer heben. "Aber wenn ich ein Kind befreie, befreie ich mich selbst – das ist ein spirituelles Gefühl." Und wenn er in das Gesicht einer Mutter sehe, der er ihr Kind wiederbringe, "sehe ich den Blick Gottes". Er ist gelernter Elektroingenieur. Doch seit der Kindheit habe er gewusst, dass es nicht seine Mission sei, Geld in so einem Beruf zu verdienen. Er wollte etwas verändern.

Am 10. Oktober 2014 war Satyarthi gemeinsam mit der pakistanischen Kinderrechtlerin Malala Yousafzai der Friedensnobelpreis zuerkannt worden. Zunächst stand er im Schatten der jungen Frau, die mit inzwischen 18 Jahren die jüngste Preisträgerin der 115-jährigen Nobelpreisgeschichte ist. Heute strömen die Menschen zu ihm. Im Juni erst zog der passionierte Prediger in der Schleyerhalle Tausende Kirchentagsbesucher in seinen Bann.

Assistiert wurde Moderator Dorfs von Kinderreportern aus der dritten und vierten Klasse der Heusteigschule, die den Gast auf der Bühne interviewten. Eric Ferdinand (7) wollte wissen, ob sich dessen Leben seit der Preisverleihung geändert hätte. "Ein kleines bisschen", sagte Satyarthi. Er habe die gleichen Kleider an, bewohne wie bisher seine Zwei-Zimmer-Wohnung, esse weiterhin vegetarisch, rauche und trinke nicht – rede aber "im Namen der Kinder" mit den Mächtigen der Welt. 17.000 Einladungen habe er binnen zwölf Monaten schon erhalten. Um alle abzuarbeiten, brauche er noch 92 Jahre. Meriam Hammami (9) fragte, ob er einmal in Lebensgefahr gewesen sei. "Viele Male", antwortete Satyarthi. Selbst ist er zweifacher Vater, auch sein Sohn – heute Rechtsanwalt – wurde mit schweren Folgen attackiert.

Keine kleinen Zukunftspläne

Alle Fragen hatten sich die Heusteigschüler gemeinsam überlegt. So erkundigte sich Mathilde Kohlrausch (9) nach seinen Zukunftsplänen. Demzufolge hat der Inder nichts Geringeres im Sinn, als mit den Kindern – den "Champions von heute" – eine globale Welle der Begeisterung auszulösen, "um die schönste und friedlichste Welt zu errichten". Das ganze Publikum rief er dazu auf, sein Anliegen sogleich per Facebook weiter zu verbreiten und sensibel zu sein für menschenwürdig hergestellte Produkte. Auf weitere Fragen von Erwachsenen machte Satyarthi das Kastensystem, das Gefälle von Stadt und Land sowie die Unterschiede in der Digitalisierung des Landes für die Kinderdiskriminierung vor allem in Indien verantwortlich.

Mit den "Stuttgarter Gesprächen" wollen Robert Bosch Stiftung und Stuttgarter Zeitung herausragende Persönlichkeiten nach Stuttgart holen, sagte die Geschäftsführerin der Stiftung, Uta-Micaela Dürig. Der Auftakt hat Maßstäbe gesetzt: Der Preisträger der Herzen wurde mit stehenden Ovationen und lautem Jubel verabschiedet.

(Matthias Schiermeyer, Stuttgarter Zeitung, Oktober 2015)