Aktuelles
Aktuelle Themen 2013

Medien als "Soft Power" einsetzen

Von Dima Romashkan

Wie kann ein Land seinen Einfluss auf andere Staaten ausbauen? Natürlich durch harte Faktoren wie Wirtschaftskraft, geostrategische Vorteile oder militärische Überlegenheit. Doch es gibt auch subtilere Instrumente, um nationale Interessen im Ausland zu artikulieren.

In Zeiten des Internets und globaler Kommunikation können besonders Medien als "Soft Power" eingesetzt werden. Bisher lagen die internationalen Medienmärkte in westlicher Hand. Doch insbesondere die aufstrebenden BRICS-Staaten - Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika - schalten sich immer stärker in die globale Meinungsbildung ein. China baut seinen größten TV-Kanal CCTV nach dem Vorbild von Al-Jazeera zu einem multinationalen Network aus. Auch Russland investiert jährlich eine halbe Milliarde in internationale Medienkampagnen.

Welche Folgen haben diese Aktivitäten für die internationale Politik? Welche Konsequenzen entstehen für den Journalismus? Nach welcher Logik suchen sich die BRICS-Staaten neue Medienmärkte aus und wie reagieren die etablierten Player aus dem Westen?

Diese und weiterführende Fragen diskutierten Medienforscher, Journalisten und Politologen beim 9. FoME Symposium in Berlin. Die Robert Bosch Stiftung lud gemeinsam mit dem Forum für Medien und Entwicklung zum Austausch unter dem Titel: "Promoting Alternative Views in a Multipolar World: BRICS and their Evolving Role in Developing Media Markets". Wir sprachen mit den internationalen Experten noch einmal über ihre Kernthesen und Eindrücke vom Symposium. Die Interviews finden Sie hier:
Thussu_220.jpg
Daya Thussu ist Professor für Internationale Kommunikation an der University of Westminster in London und Co-Direktor des Zentrums für indische Medien. Seine Publikationen zur Internationalisierung der Medienwelt zählen zu den einflussreichsten Arbeiten auf diesem Feld.
"Wir stehen erst am Anfang von etwas völlig Neuem"
Professor Thussu über den internationalen Einfluss Bollywoods und was passiert, wenn eines Tages alle Inder und Chinesen online sind.

Herr Thussu, Sie als indischer Intellektueller und Akademiker, wie finden Sie Bollywood-Filme?

Wirr und wundervoll.

Eine Ihrer Kernaussagen beim Symposium war, dass Bollywoodfilme als Kulturexport immer präsenter und somit auch Indien immer einflussreicher wird.

Ja, das glaube ich. Denn diese Filme erreichen ein unglaublich großes Publikum auf der ganzen Welt. Und das liegt nicht nur an der indischen Diaspora. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die indische Politik versteht, welch enormes Kommunikations-Instrument ihr da eigentlich zur Verfügung steht.

Wie meinen Sie das?

Sehen Sie: Bereits jetzt gibt es mehr indisches Material als englischsprachige Videos auf YouTube. Dabei haben gerade mal dreizehn Prozent der Inder einen Internet-Zugang. Auch Chinas Bevölkerung ist längst noch nicht flächendeckend online. Wenn eines Tages alle Inder und Chinesen online sind, wird sich das Internet gravierend wandeln.

Inwiefern?

Das kann ich auch noch nicht genau voraussagen. Ich gehe aber davon aus, dass das Internet dann bestimmt nicht mehr Englisch sprechen wird. Das Internet als ein primär amerikanisch bestimmtes Medium wird es nicht mehr geben.

Auf dem Symposium wurde viel darüber diskutiert, dass Russland immer mehr international operierende Medien finanziert, um das eigene Image aufzubessern und China sich massiv in afrikanische Medien einkauft. Wie sehen Sie diese Entwicklungen?

Ich persönlich war zum Beispiel sehr froh, als ich in London die russische Sicht zum Syrienkonflikt sehen konnte. Ganz ohne westliche Färbung. Klar, es ist Staatsfernsehen und arbeitet regierungstreu. Trotzdem: Allein in der Verfügbarkeit verschiedener Sichtweisen liegt ein großer Fortschritt. Zumindest solange man sich der Quelle der Informationen bewusst ist. Daher halte ich diese Entwicklungen für begrüßenswert. Natürlich läuft noch einiges schief. Aber diese Prozesse brauchen Zeit. Wir stehen hier am Anfang von etwas ganz Neuem.
Shi_220.jpg
Anbin Shi ist unter anderem Professor für Kultur- und Medienstudien an der Tsinghua Universität in Beijing. Er ist stellvertretender Dekan der "International Development School of Journalism and Communication". Außerdem hat Shi inzwischen mehr als 10.000 chinesische Politiker im "richtigen öffentlichen Auftreten" geschult.
"Die Globalisierung muss neu gedacht werden"
Das internationale Mediensystem ist zu westzentriert und stellt China fast immer unfair dar. Deshalb muss sich China mit einer globalen Medienoffensive verteidigen – findet Professor Anbin Shi.

Herr Shi, Chinas größter Fernsehsender CCTV hat international stark an Bedeutung gewonnen und sendet in immer mehr Länder. Gleichzeitig investiert China horrende Summen in ausländische Medien. Das klingt nach einer ziemlich aggressiven chinesischen Medienoffensive.

Ich würde eher von einer chinesischen Defensive sprechen. Die internationale Berichterstattung über China war dermaßen negativ und dämonisierend, dass wir uns gezwungen sahen, uns selbst zu Wort zu melden und zu zeigen, welche Werte China tatsächlich wichtig sind.

Welche Werte sind China denn wichtig?

Sehen Sie, damit geht es ja schon los. China ist ein riesiges Land mit unglaublich vielen Strömungen und kulturellen Entwicklungen. DIE chinesischen Werte gibt es nicht. Es geht gerade eine ungeheure Modernisierung vor sich - ein neues China entsteht. Wie dieses am Ende aussehen wird, wissen wir selbst noch nicht. Aber das sind alles Dinge, die von westlichen Medien einfach nicht wahrgenommen werden.

Ist die internationale Medienwelt zu westzentriert?

Das Motto ist doch immer noch: "Highlight the west, neglect the rest" (Den Westen zelebrieren, den Rest kritisieren). Die Globalisierung muss neu gedacht werden. Warum wird beispielsweise so wenig über chinesische Social Media Projekte berichtet. WeChat (eine chinesische Nachrichtenapp für Smartphones) ist besonders in Entwicklungsländern ein riesiger Erfolg. Keiner im Westen will darüber berichten. Weshalb?

Hat Ihnen das Symposium mit den vielen westlichen Kollegen denn trotzdem gefallen?

Aber natürlich hat es das. Es gibt in Europa so viele Veranstaltungen, auf denen über China gesprochen wird und wo nicht ein einziger Chinese zu Wort kommt. Es wird fast immer über und nicht mit uns gesprochen. Daher freut es mich wirklich sehr, direkt an diesem spannenden Ideenaustausch teilzunehmen.
Dolinskiy_220.jpg
Alexey Dolinskiy leitet das Beratungsunternehmen Ward Howell Institutes. Er berät auch die russische Regierung und arbeitete selbst einige Jahre als russischer Diplomat. Zudem lehrt er "Public Diplomacy" an der Moskauer Staatsuniversität.
"Russland muss mehr zuhören"
Alexey Dolinskiy über Russlands Imageproblem im Ausland und die Medienoffensive, um es zu lösen.

Herr Dolinskiy, wie steht es um Russlands Ruf in der Welt?

Russland ist relativ unbeliebt. Die meisten Länder glauben, Russland habe einen schlechten Einfluss auf die Welt. Auch die niedrigen Touristenzahlen sprechen dafür, dass Russland ein eher unpopuläres Reiseziel ist.

Sie arbeiten unter anderem als Berater für die russische Regierung. Gibt es innerhalb der russischen Führung überhaupt Bestrebungen, das eigene Image aufzupolieren?

Natürlich, sogar sehr große. Russland fühlt sich ungerecht wahrgenommen. Außerdem wird in ein Land mit schlechter Reputation zwangsläufig weniger investiert. Deshalb steckt die russische Regierung jährlich fast eine halbe Milliarde in Medienprojekte, die international auf Sendung gehen und die russische Sicht der Dinge vermitteln sollen.

Welche Projekte zum Beispiel?

Allein die Zeitung "Russia - beyond the headlines" wird jährlich mit 100 Millionen vom Staat gefördert. Sie erscheint weltweit als Beilage in den renommiertesten Blättern wie der New York Times oder der Süddeutschen Zeitung. Der Radiosender Voice of Russia ist ein Beispiel. Ebenso Ria Novosti, die russische Agentur für internationale Informationen. Hinzu kommen noch Aktivitäten in der Public Diplomacy und Investitionen in den internationalen akademischen Betrieb.

Wie würden Sie den bisherigen Erfolg der russischen "Charme-Offensive" einstufen?

Sagen wir es mal so: Da ist noch Luft nach oben.

Woran krankt es Ihrer Meinung nach?

Die einzelnen Medienprojekte für sich arbeiten schon ziemlich gut. Aber sie müssten viel mehr miteinander kommunizieren. In gewisser Weise kämpft jeder für sich. Es fehlt einfach eine gemeinsame Strategie.

Das eigene Verhalten besser zu erklären, ist das eine. Aber kann man einen Ruf verbessern, ohne die eigenen Handlungen zu hinterfragen?

Nein, das kann man nicht. In dieser Hinsicht zeigt sich Russland noch zu sehr als stets missverstandene "weiße Unschuld" und drängt sich zu sehr in die Opferrolle. Wir müssen selbst mehr Bereitschaft zum Zuhören signalisieren, damit auch Russland wieder zugehört wird.
Wasserman_220.jpg
Herman Wasserman ist Direktor der Rhodes Universität in Südafrika und lehrt Journalismus sowie Medienwissenschaften. Auch an Universitäten in Großbritannien und den USA dozierte er bereits. Vor seiner akademischen Laufbahn arbeitete Wasserman selbst als Journalist.
"China gibt Südafrika die Chance medial zum Global Player aufzusteigen"
China investiert Milliarden in südafrikanische Medien. Gefahr oder Chance für den kleinsten der BRICS-Staaten?

Herr Wasserman, China investiert sehr viel Geld in südafrikanische Medien. Kritiker sprechen bereits vor einer Neukolonialisierung. Teilen Sie diese Kritik?

Ich denke, dass man sehr vorsichtig mit solchen Begriffen wie Neukolonialisierung sein sollte. China kommt ja nicht als Unterdrücker mit Peitsche und Pistole, sondern völlig legitim als Investor. Diese enormen ökonomischen Ressourcen eröffnen unserem Mediensystem ganz neue Möglichkeiten.

China investiert das Geld ja nicht einfach so. Dem riesigen Land geht es doch vor allem um geopolitischen Einfluss. Haben Sie keine Angst um die Unabhängigkeit der südafrikanischen Medien?

Natürlich verfolgt China dabei auch imperialistische Interessen. Aber nichts anderes tun die USA, wenn sie investieren. Man sollte also allen die gleichen kritischen Fragen stellen, auch dem Westen.

Wie sehen Südafrikas Journalisten diese Entwicklung?

Natürlich gibt es Stimmen die sagen, dass wir unsere publizistische Unabhängigkeit gefährden. Aber meine Studien zeigen, dass die meisten Journalisten die Zusammenarbeit mit China vorsichtig optimistisch sehen.

Vorsichtig optimistisch?

Viele südafrikanische Medienmacher sehen in der Kooperation vor allem eine Chance. Wenn westliche Medien über Südafrika berichten wollen, schicken Sie kurz ihre Leute, machen die Story und verschwinden wieder schnell. Chinesische Medien verlassen sich dagegen viel öfter auf südafrikanische Journalisten. Die ja tatsächlich meist sachkundiger und lokal viel besser vernetzt sind. Chinesische Medien lassen uns also für uns selbst sprechen, anstatt nur über uns zu sprechen.

Gibt es weitere positive Effekte?

Natürlich. Es ist doch nicht nur so, dass China nur auf uns Einfluss nimmt. Es bestehen ganz viele Wechselwirkungen. Auch Südafrika investiert in den chinesischen Medienmarkt. Das führt zum Beispiel dazu, dass unsere Berichterstattung über China um einiges präziser wird. Vielleicht ist unsere Berichterstattung jetzt schon besser als die, die etablierte westliche Medien bieten. Südafrika kann letztlich durch die Kollaboration mit China medial ein globaler Player werden. Das ist eine riesige Chance.

Weitere Informationen