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Aktuelle Themen 2013

Von der Lust und Qual des Schreibens

Foto: Yves Noir
Von Feridun Zaimoglu

Der Redakteur einer Zeitschrift bat um eine Liebesgeschichte – zwölftausend Anschläge, Abgabe in zwei Tagen. Monatsende, knappes Geld, ich nahm den Auftrag an. Auf einen Zettel schrieb ich: Frau, knapp über fünfzig, wird von einem Mann, den sie flüchtig kennt, auf der Straße angesprochen. Sie ist in Eile, es erbost sie, sie lehnt seine Einladung zum Gabelfrühstück schroff ab. Schnitt, Tage später. Sie sieht ihn in der Stadt eine überschminkte Frau auf den Mundwinkel küssen; sie wird sehr wütend….Ich zerriss den Zettel, warf die Schnipsel auf den Boden. Draußen ging der angekündigte Regen nieder, kurzer Schauer, ich schaute am Fenster auf die tropfenden Äste, und auf die großen Vögel, die ihre Schnäbel an den nassen Zweigen wetzten. Liebe, dachte ich, eine Fünfzigjährige, schön und ernst, sie ist aus der Zeit gefallen. Ich schlüpfte in meine schwarzen Nahkampfstiefel, machte am Wasser einen Gewaltmarsch, blickte blind auf die Schaumkronen. Ein entgegenkommender Mann stieß gegen meine Schulter, er rief: Du hast wohl ’n Loch in der Serviette….Die Frau meiner Geschichte hasste Männer, die den Zipfel der Serviette in den Ausschnitt stopften. Soßenspritzerschutzlätzchen. Nein, streichen. Ich dichtete ihr eine falsche Eigenheit an. Wieder zurück nach Hause, Wäsche waschen, der Wäscheständer klemmte beim Aufklappen, zwei Scharniere verrostet, ich schlug dagegen und verletzte mich am Handballen, Blut, dachte ich, sie hat Blut gespendet, legt sich hin, schläft ein und träumt von ihrem Mann selig, der ihr nie im Traum erschien. Und dann? Ich hielt die Hand unter den Wasserhahn, starrte auf die blassroten Schlieren im Waschbecken, beschaute die Wunde: Sie sah aus, als hätte mich ein kleines Raubtier gebissen. Tier. Hund. Meine Eltern hatten einen Teacup-Pinscher, großäugiger Wiesel, zerkauter Gardinensaum und Teppichfransen. Nicht abschweifen. Frau und Hund – nein. Socken aufhängen. Zwei Paar Strümpfe mit Löchern an den Fersen warf ich weg. Spülte ab, bügelte Hemden, schnitt mir die Fingernägel. Halber Tag vergangen, keine Zeile geschrieben: Ich war unbrauchbar und untauglich, ich versagte als Lohnschreiber. Schreiende Kinder, mahnende Mütter, schweigende Väter, Passanten am Feiertag, sie zogen unter meinem Fenster vorbei. War sie geschieden – unerheblich, sie lebte allein, es verdross sie nicht. Wie führe ich sie zu dem Mann, in den sie sich verliebt? Wird sie aus ihrem Alltag heraus gerissen? Es ist Wochenende, dachte ich, sie schläft aus, macht sich ausgehfein…Das Telefon klingelte, ich sprach mit meiner Schwester in Berlin, sie erzählte: Am Neptunbrunnen am Alexanderplatz saßen alte Damen, sie glichen ruhenden Gespenstern; es waren ehemalige Trümmerfrauen, sie konnten nicht fassen, was damals geschah, und sie konnten nicht glauben, was sie heute sahen.

Ich telefonierte mit Journalisten und einem Bekannten, der mich für die Sprecherrolle eines düsteren Vorortgauners gewinnen wollte. Er sagte: Es gibt kein Geld, aber Unsterblichkeit ist dir sicher… Ich spannte ein Blatt Papier in die Walze der Schreibmaschine, trommelte mit den Daumen in die Mulden neben der Tastatur. Eine halbe Stunde später sprang ich auf – keine einzige Zeile geschrieben. Verdammt, verdammt, verdammt. Ein Schriftsteller, dem nichts einfiel, was ein furchtbares Klischee. Ich rauchte die Schachtel Zigaretten leer, duschte kalt, rieb mich trocken, band mir das Badetuch um die Hüften, grübelte halbnackt vor dem Spiegel: Die Frau wird dem Mann am Anfang die Liebesgeschichte von ihrer Kindheit erzählen. Sie schlug mit einem Stecken in die Büsche, ein kleiner Vogel flog unverletzt davon, sie sprach an jenem Tag, an der Bettkante kniend, ein Dankgebet….Nein, streichen. Ich durfte nicht dichten in Worten wie Katzengoldsplitter, wie kleine vergoldete Blechstücke. Nachts, kurz vor Mitternacht, keine Erlösung, ich fror und mein Kopf glühte, ich durfte mich nicht schlafen legen, ich hatte den Schlaf nicht verdient. Draußen schrien junge Männer, die viel tranken, um unbekannten Frauen etwas von der Liebe auf den ersten Blick zu lallen. Brunftlaute, zerbrechende Flaschen, aufheulende Kerle. Heraus aus dieser Gegenwart, dichte ich, hinein in eine andere Welt. Ich trank ein eiskaltes Wasser, setzte mich hin und schrieb den ersten Satz: Die sittsame Dame erwachte im Morgengrauen…Ich schrieb und schrieb die Liebe aufs Papier.

(Erschienen im Magazin "Sprache" der Robert Bosch Stiftung)

Feridun Zaimoglu wurde 1964 in Bolu/Türkei geboren und wuchs in Berlin, München und Bonn auf. Seit 1985 lebt er in Kiel. Zaimoglu arbeitet als Schriftsteller, Drehbuch- und Theaterautor und Journalist. 2005 wurde ihm der Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung verliehen. Zuletzt erschienen seine Romane "Hinterland" (2009), "Ruß" (2011) und "Der Mietmaler: eine Liebesgeschichte" (2013).
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