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"Gerade jetzt ist unsere Arbeit wichtig"

Angela Verweyen lebt als Robert Bosch Kulturmanagerin in Ägypten, wo sie Kulturveranstaltungen konzipiert und organisiert. Bei einem Gespräch in der Robert Bosch Stiftung erzählt sie, was sich seit dem Sturz Mubaraks geändert hat und weshalb Flyerwerbung in Ägypten nicht funktioniert.

In Ägypten gilt zurzeit eine abendliche Ausgangssperre, immer wieder gibt es gewalttätige politische Proteste. Wie kann unter diesen Umständen überhaupt Kulturarbeit stattfinden?


Für meine beiden Robert Bosch Kulturmanager-Kollegen und mich ist es tatsächlich aktuell ein bisschen schwierig, weil unser Büro in Kairo liegt. Dort ist aber nicht unser Arbeitsgebiet. In meinem Fall liegt das im Nildelta, bei meinen Kollegen in Oberägypten, und es ist nicht wirklich klar, ob die Wege dorthin frei sind. Das heißt, dass wir im Moment etwas abgeschnitten sind von den Orten, an denen wir Kulturarbeit machen.

Auch die Planbarkeit ist eingeschränkt. Es ist derzeit schwierig zu entscheiden, ob man beispielsweise in drei Wochen ein Festival durchführen kann, weil man nicht weiß, wie sich die Lage in den nächsten drei Wochen entwickelt. Das gilt auch, wenn man einen Gast aus Deutschland eingeladen hat. Man übernimmt in den Projekten nicht nur für sich große Verantwortung, sondern auch für Partner und Gäste.

Prinzipiell findet in den Städten schon noch etwas statt, zum Beispiel Filmvorführungen. Aber es ist schwieriger geworden, weil man sehr genau schauen muss, welche Bedürfnisse es gibt: Nach schweren Ausschreitungen will man am nächsten Tag nicht unbedingt eine Kulturveranstaltung machen.

Andererseits habe ich gerade jetzt das Gefühl, dass die Arbeit wichtig ist, und wir nicht aufhören sollten. Das soll nicht auf Kosten meiner eigenen Sicherheit gehen, aber es ist doch zu wichtig, als dass ich den Kopf in den Sand stecken würde. Denn wir bekommen viel positives Feedback, wenn wir jetzt Veranstaltungen durchführen, vielleicht in kleinerer Form, ohne ausländische Gäste. Man kann zumindest noch Kontaktperson sein. Und ich hoffe natürlich, dass es sich wieder so weit entspannt, dass wir normal arbeiten können.

Sie kennen Ägypten bereits aus einem Aufenthalt im Jahr 2005. Was hat sich seit dem Sturz Hosni Mubaraks 2011 verändert?

Vieles, im positiven wie im negativen Sinn. Manches ist natürlich gleich geblieben: Kairo als Stadt ist immer noch chaotisch und wird es auch immer bleiben. Doch ich finde es sehr positiv, dass viele Themen, auch gerade politische, offener diskutiert werden. Ich habe ganz erstaunt wahrgenommen, dass mein Freundeskreis im Café sitzt und sich über politische Themen austauscht. Das war früher nie der Fall. Es war ein Thema, über das man öffentlich nie sprach. Warum auch, es war ja klar, dass man nichts beeinflussen konnte. Das ist anders geworden. Ich merke, dass nicht nur Politik, sondern auch andere Dinge thematisiert werden wie sexuelle Belästigung. Das Interesse und das Gefühl sind geweckt, dass man Politik beeinflussen kann. Das ist eine ganz neue Erkenntnis, gerade auch für junge Ägypter.

Welche Projekte führen Sie als Kulturmanagerin im Nildelta durch?

Meine Rolle besteht sehr stark darin, überhaupt irgendetwas anzubieten, was über Wasserpfeiferauchen im Café hinausgeht. Seit Anfang des Jahres gibt es z. B. einen deutschen Filmclub, wo ich einmal im Monat hinfahre, einen deutschen Film zeige und im Anschluss mit dem Publikum darüber diskutiere. Das wird gut angenommen, da es bisher wenig Zugang zu europäischem Kino gibt. Wir hatten ein Breakdanceprojekt mit einigen Workshops, die im September in ein Festival münden sollen. Auf dem sollen Breakdancer, aber auch andere Underground- Künstler ihr Können präsentieren, z. B. Hip Hopper oder Rapmusiker. Es ist aber gerade völlig unklar, ob das überhaupt stattfinden wird.

Ein landesweit ausgeschriebener Comicwettbewerb zum Thema „Ein Held in meiner Heimatstadt“ sollte zur Auseinandersetzung mit der eigenen Stadt anregen – weil in Ägypten sonst alles auf Kairo fokussiert ist. Dieser Wettbewerb mündete in einen Workshop, bei dem wir einen deutschen Comiczeichner zu Gast hatten, der mit zwölf Zeichnern aus der gesamten ägyptischen Provinz ein Wochenende lang gemeinsam an Comics gearbeitet hat.

Wie kommen Sie zu diesen Projektideen?

Vieles hängt davon ab, was vor Ort gewünscht wird. Am Anfang meiner Tätigkeit bin ich sehr viel unterwegs gewesen und habe Kulturschaffende und mögliche Partnerinstitutionen getroffen. Ich habe sehr bewusst lange einfach nur zugehört, welche Themen die Leute bewegen. In Mansoura ist Film ein Schwerpunkt. Es gibt ein paar junge Filmemacher und viel filminteressiertes Publikum. So hat sich herauskristallisiert, dass ich dort kontinuierlich etwas anbieten möchte: den Filmclub. Dann gibt es Projekte, die ich gemeinsam mit meinen beiden Kollegen entwickle. Manches sind Experimente: Beim Breakdance war mir vorher nicht klar, ob es überhaupt jemanden gibt, den das interessieren könnte. Jetzt habe ich eine siebenköpfige Gruppe gefunden, die in Mansoura Breakdance macht.

Oft laden Sie Künstler aus Deutschland ein. Wie wählen Sie die aus?

Für uns ist nicht relevant, dass jemand in Deutschland bekannt ist, denn in Ägypten ist er eh nicht bekannt. Mir sind Leute wichtig, die bereit sind, sich auf die Realitäten vor Ort einzulassen. Im Nildelta sind die Strukturen eher einfach; das Publikum ist fachlich vielleicht nicht so weit wie anderswo. In einer Lesung wird nicht so sehr über literarische Feinheiten diskutiert als vielmehr darüber, wer der Autor eigentlich ist und wieso er schreibt.

Wir überlegen, wer ein Kandidat zum Anfassen ist, wer Lust hat, sich einzulassen und nicht erschrickt, wenn sich viele Leute um ihn scharen. Das Goethe-Institut berät uns hier in fachlicher Hinsicht und empfiehlt Künstler. Auch müssen es Themen sein, mit denen die Leute vor Ort etwas anfangen können. Im Januar 2014 werden wir zum Beispiel den deutschen Autor Hussain al-Mozany zu Gast haben. Er hat sich sehr viel mit Themen der Fremde auseinandergesetzt. Damit, wie es eigentlich ist, wenn ich als Fremder nach Deutschland komme. Ich finde es eine spannende Kombination, ihn mit den vielen jungen Leuten in den Städten zusammenzubringen, die glauben, Deutschland sei das Ziel, das sie erreichen müssten, damit ihr Leben ganz fantastisch wird.

Wer kommt zu Ihren Veranstaltungen: Leute, die sowieso ein Interesse an Europa haben und zu einer gebildeten Schicht gehören?

Es sind vor allem Studenten zwischen 18 und 23 Jahren. Darüber hinaus kommen auch andere, vor allem ältere Herren, z. B. zu Literaturveranstaltungen. Es ist sicherlich ein kulturinteressiertes und eher gebildetes Publikum. Wir kommen nicht ran an die ganz Armen oder an die unteren Bildungsschichten. Das ist schwierig zu bewerkstelligen, wenn auch grundsätzlich natürlich möglich. Aber die Kerngruppe besteht aus Studenten, die z. B. Medizin studieren und irgendwann mal in Deutschland arbeiten möchten. Sie finden es toll, dass überhaupt jemand aus Deutschland kommt, dem man Fragen stellen kann.

Und wie machen Sie das Publikum auf Ihre Veranstaltungen aufmerksam?

Zum einen über lokale Partner, die auch den Veranstaltungsort bieten. Ich arbeite in Mansoura mit einer Buchhandlung zusammen, in deren Räumlichkeiten ich Filme zeige oder Lesungen veranstalte. Darüber kommt viel Publikum. Wir haben aber auch eine Facebookseite, auf der wir unsere Arbeit vorstellen und Veranstaltungsankündigungen veröffentlichen. Facebook ist die Hauptplattform, über die wir uns nach außen präsentieren und gezielt einladen. Gerade in der ägyptischen Provinz ist das ein wichtiges Medium. Flyer und Poster funktionieren nicht so gut. Es ist einfach nicht bekannt, dass in einem Café Flyer ausliegen und man sich die mitnimmt. Das meiste läuft über Facebook und – gerade in der ägyptischen Provinz – viel über persönliche Beziehungen.

Haben Sie schon Kritik oder Anfeindungen erlebt?

Nein, im Nildelta nicht. Wenn ich bei staatlichen Institutionen vorstellig wurde, war das Interesse an einer Kooperation vielleicht nicht immer so groß. Aber das war nie negative Kritik, sondern einfach eine sachliche Feststellung: Wir haben unser eigenes Programm und sehen keinen großen Gewinn in einer Kooperation. Ansonsten ist das Nildelta eine sehr dankbare Umgebung. Es ist nicht so, dass neben mir noch die Briten, die Franzosen oder die Italiener mit Angeboten zur Kulturarbeit kommen. Wir sind die einzigen, die im Nildelta aktiv sind. Sonst fokussiert sich alles auf Kairo und Alexandria. Die Angebote, die ich mache, fallen auf, sind interessant. Manchmal auch gar nicht sehr, weil man sich explizit für diesen Film interessiert, sondern, weil „die Deutsche“ da ist.

(Julia Rommel, September 2013)

Bildergalerie

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