Grenzgänger

Loredana Nemes:

  • 1972 Geboren in Sibiu (Hermannstadt), Rumänien
  • 1986 Flucht aus Rumänien und Übersiedlung nach Aachen
  • 1993 bis 1999 Studium der Germanistik und Mathematik an der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule (RWTH) Aachen
  • 2001 Umzug nach Berlin; seither als freie Fotografin tätig
  • seit 2006 Lehraufträge für Fotografie an der Kunsthochschule Weißensee, Berlin
  • 2006 Arbeit für Richard Serra für den Katalog zur Ausstellung Richard Serra Sculpture. Forty Years, The Museum of Modern Art, New York
  • 2008 Lehrauftrag für Fotografie an der Zeppelin University, Friedrichshafen
  • 2009 und 2010 Workshops für Fotografie und Porträtfotografie in Almaty, Kasachstan – auf Einladung des Goethe Instituts
  • 2011 Geburt der Tochter Alma Maria
Beautiful

In Beautiful setzt sich Loredana Nemes mit Hermannstadt, dem Ort ihrer glücklichen Kindheit, auseinander, die sie vierzehnjährig jäh verlassen musste.

Beautiful – der Titel ist Programm und schwingt immer mit bei den Aufnahmen aus dem Alltagsleben. Da ist der Priester, der ein Auto weiht, die zweiundneunzigjährige Frau vor dem Spiegel ihrer Sommerküche oder der alte Mann mit den drei Löchern im Jacket. Mit einem Augenzwinkern und voller Sympathie porträtiert Loredana Nemes das Hermannstädter Leben. Die Aufnahmen werden begleitet von poetischen Texten der Autorin, in denen sich die Künstlerin kritisch auseinandersetzt mit ihren Kindheitserinnerungen.

Fotoband mit Fotografien und Texten 2002 bis 2013
136 Seiten in Duotondruck
Hardcover in Leinen
81 Fotografien / 16 Texte
Deutsch, Englisch, Rumänisch
mit Übersetzungen von Donal McLaughlin und Alexandru Sahighian in einem separaten Einleger
Hatje Cantz Verlag
ISBN: 978-3-7757-3653-4

Weitere Informationen

Bildergalerie

Loredana Nemes reiste zwischen 2002 und 2013 nach Hermannstadt und Umgebung.

„Sibiu, gelegen in Siebenbürgen oder Transsilvanien, ist die Stadt meiner Geburt. Dort wurde ich 1972 als erstes Kind junger Eltern in einem sozialistischen Land, dessen politische Radikalität sich ins Unfassbare steigern sollte, geboren. Sibiu ist Stadt und Land und Fluss und Berge. Sibiu ist alt und leise, rumänisch, deutsch und ungarisch. Sibiu ist meins und Glück und Kindheit.

Als ich vierzehnjährig meine Heimat verließ, war ich noch ein Kind, ein glückliches. Meine Kindheit hätte in meinen Augen nicht schöner verlaufen können. Die Sommerferien auf dem Bauernhof meiner väterlichen Großmutter, die Winter in den schönsten Bergen, die die Welt zu bieten hat, stets umringt von der Liebe und Gastfreundlichkeit, von der die Menschen dieser Region anscheinend so viel besitzen, dass ihnen der großzügige Umgang damit leicht fällt. Es war eine Kindheit, zu der der Kampf um den Platz als Klassenbeste ebenso dazu gehörte wie das Spiel mit den Löchern in den Straßen meiner Stadt, die mir bald so vertraut waren, dass sie mir nie zur Gefahr hätten werden können. Eine Kindheit in einem Land, das für die Eltern Gefahr bedeutete und das sie verlassen wollten, denn ihre Realität war eine andere.

Um diese Realität zu verstehen und die ungebrochene Liebe zu diesem Herzensort aufs Neue zu hinterfragen, beginne ich 2002 meine Annäherung an Sibiu auf fotografischem Wege. Die Kamera schafft eine Distanz und einen Ausschnitt, sortiert für mich das Viele und erlaubt mir die nötige Langsamkeit, um Menschen und Ort ausgiebig zu erkunden. Auf meinen Reisen begegnen mir die globalisierten Teenager, die gläubigen Frauen, die immer noch auf der Straße spielenden Jungs, die siebenfache Mutter Anfang vierzig und die einfache Anfang vierzehn, die schönste Zweiundneunzigjährige, die die Welt je gesehen hat, mit ihrem erkrankten Mann, dessen Gesicht nur dann leuchtet, wenn es in ihres blickt. Ich schaue jährlich wieder auf den alten Mann mit den drei Löchern in der Jacke, der den Marktplatz von Sibiu abschreitet, täglich und immer gegen den Uhrzeigersinn, und freue mich darüber, dass es ihn noch gibt, nicht nur für mich.

Für mich war diese Arbeit ein Sortieren des Alten, Unklaren und Zurückgelassenen, im Ergebnis jedoch ein Bild des heutigen Sibiu, was zur Kulturhauptstadt avancieren durfte und sich nun stolz in frischem Farbkleid und ebensolchem Straßenpflaster ohne altvertraute Löcher zeigt.“