Grenzgänger

Dorothee Schmitz-Köster:

1950 in Bergisch Gladbach geboren, in einer katholischen Großfamilie aufgewachsen. Dreizehn Jahre Schule, Abitur 1969. Studium der Germanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Bonn, 1976 Erstes Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien. Redakteurin bei einer Bonner Auto-Zeitschrift. 1983 Promotion über DDR-Literatur, Ebert-Stipendiatin. Umzug nach Bremen, Referendariat und Zweites Staatsexamen Lehramt.

Seit 1985 freiberufliche Hörfunk-Journalistin (RB, BR, NDR, DLR, SWR) und Buch-Autorin (Rowohlt, Aufbau, Piper Verlag). Verschiedene Lehraufträge an der Universität Bremen, drei Jahre Dozentin für Journalistik an der Hochschule Bremen.

Mitglied des Bremer Medienbüros von 1997 bis 2008. Feature-Preis Bremer Hörkino 2006 für das Stück „Kind L 364“.
Der Weinberg des neuen Herrn
Wie ein Siebenbürger Sachse auf altem Königsboden investiert

„Zurück“ nach Bogeschdorf will er nicht, der 50jährige Helmuth Gaber. Schließlich lebt er wie die meisten Siebenbürger Sachsen seit Jahrzehnten in Deutschland und ist hier zu Hause. Aber jedes Mal, wenn er in seine rumänische Kinder-Heimat fährt, kommen ihm kurz vor Băgaciu, wie Bogeschdorf heute heißt, die Tränen. Dann spürt er, wie stark er mit dem Ort, seiner Tradition und seiner Geschichte verbunden ist.

Vor sieben Jahren hat der Bremer Geschäftsmann in Bogeschdorf Land gekauft, das vor 1945 den Siebenbürger Sachsen gehört hat. Seit 2011 lässt er darauf – zusammen mit einem Ko-Investor – drei neue Weinberge anlegen: das Untere und das Obere Pfaffenstück und den Südhang. Früher war die Region berühmt für ihren „Kokeltaler“, aber nach der Wende sind die Rebhänge verkommen, die Bogeschdorfer Kellerei ist mittlerweile eine Ruine. Der Besitzer, ein rumänischer Großpolitiker, hat kein Interesse daran.

Natürlich will Helmuth Gaber mit Rheinriesling und Chardonnay, Grauburgunder und Feteasca Regală irgendwann Geld verdienen. Aber der Weinanbau soll auch den Bogeschdorfern helfen. Deshalb arbeitet er – anders als die französischen und italienischen Investoren in der Nachbarschaft – mit einheimischen Arbeitskräften, mit Rumänen, mit Roma – und mit einem jungen Betriebsleiter, dessen „sächsische“ Mutter in Rumänien geblieben ist.

„Sie haben auf uns gewartet“, davon ist Gaber überzeugt, schließlich herrscht im Dorf eine enorme Arbeitslosigkeit, die junge Leute monatelang zur Saisonarbeit ins Ausland treibt. Der rumänische Bürgermeister von Bogeschdorf war anfangs skeptisch und meinte: „Die kaufen uns auf!“ Und er warnte Gaber vor den Schwierigkeiten mit der rumänischen Bürokratie. Mittlerweile merkt er, dass durch den neuen Arbeitgeber Geld in die Gemeindekasse fließt … und ist es zufrieden.

Trotzdem bleibt die Frage: Kann die Entwicklung der Region auf diese Weise gelingen – oder geht es vor allem um billige Arbeitskräfte und Subventionen von der EU? Sind Rumänen und Roma wirklich angesehene Mitarbeiter – und wie zuverlässig sind sie auf lange Sicht? Erinnert Gabers Projekt nur an die frühere Führungsrolle der Siebenbürger Sachsen – oder kehren die alten „Herren“ zurück, um das Kommando zu übernehmen?

Produktion: Radio Bremen/Deutschlandradio Kultur/NDR 2013
Erstausstrahlung: 18.08.2013, 9:05 bis 10:00 Uhr (Radio Bremen/Nordwestradio)
Wiederholung: 21.08.2013, 19:05 bis 20:00 Uhr (Radio Bremen/Nordwestradio),
15.09.2013, 11:05 bis 12:00 Uhr (NDR Info) und 
21.09.2013, 18:05 bis 19:00 Uhr (Deutschlandradio Kultur)

Hörprobe

Weitere Informationen

Bildergalerie

Foto: Dorothee Schmitz-Köster
Bogeschdorf im September 2012
Foto: Dorothee Schmitz-Köster
Häuserzeile in der Großen Straße von Bogeschdorf (September 2012)
Foto: Dorothee Schmitz-Köster
Im Südhang wird die Lage der Rebzeilen ausgemessen (Frühjahr 2013)
Foto: Krisztina Molnar
Mit dem Pflanzfuchs werden die Löcher für die Reben gebohrt (Frühjahr 2013)
Foto: Dorothee Schmitz-Köster
Schulkinder beim Gummi-Twist-Spielen in der Pause
Foto: Dorothee Schmitz-Köster
Zwei Zimmerchen und ein Dach, ohne Wasseranschluss, aber mit Strom
„Vor Ort sein – das ist immer das wichtigste: spannende Gesprächspartner finden, sich mit dem Mikrophon auf die Suche nach Atmos machen, Fotos schießen, die hinterher an Stimmungen, Begegnungen, Situationen erinnern. Zweimal – im Spätsommer 2012 und im Frühjahr 2013 – konnte ich nach Bogeschdorf/Băgaciu reisen, das kleine siebenbürgische Dorf, das eine lange Tradition hat und das auf einen neuen Aufschwung zu warten scheint. Ich konnte mit dem Bürgermeister sprechen und eine Roma-Familie in ihrem Mini-Haus besuchen (ein Eindruck von Armut, den ich so schnell nicht vergessen werde), mit einem alten Siebenbürger Sachsen das Wiedersehen mit seinem Dorf miterleben und Schulkinder beim Unterricht, Teenager bei der Tanz-Probe, Priester und Kirchgängerinnen beim Gottesdienst beobachten ... Und den Aufbau der Weinberge begleiten: die mühevolle Handarbeit, die von Tagelöhnern geleistet wird, die weitsichtige Organisation des jungen Betriebsleiters, das Wachsen der Rebstöcke ... Und dort hat mir zum ersten Mal der Mut eines Investors imponiert, der Geld, Zeit und Energie aufwendet, um im ökonomisch schwachen Rumänien etwas auf die Beine zu stellen, das nicht nur ihm Geld einbringt, sondern seinem alten Heimatdorf wieder auf die Füße hilft“.