Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Sigrid Brinkmann:

Sigrid Brinkmann wurde 1958 in Hannover geboren und studierte Romanistik in Montpellier, Berlin und Paris. Prosa- und Essayübersetzungen aus dem Französischen für Rowohlt und Matthes & Seitz. DAAD-Stipendium für Recherchen in Paris. Seit 1987 arbeitet sie als Literaturkritikerin und Autorin für Literatur- und Feature-Redaktionen des Hörfunks der ARD und beim Deutschlandradio Kultur, seit 1989 auch als Moderatorin von Magazin-Sendungen (RIAS, NDR Kultur, Deutschlandradio). Sie moderiert Autorengespräche für die Jüdische Volkshochschule, die Literaturhandlung und das Institut Français in Berlin. In den vergangenen acht Jahren hat sie ausgedehnte Reportagereisen in Israel unternommen und ein Basiswissen der hebräischen Sprache erworben. Sigrid Brinkmann lebt in Kleinmachnow bei Berlin.
Die Hölle war nicht traurig. Schriftsteller und Literaturvermittler in Marokko.

Mit dem Tod von Hassan II. begann 1999 eine neue Zeitrechnung in Marokko. Namhafte Schriftsteller hatten seit den 60er Jahren das Land verlassen. Andere fanden erst im Ausland den Mut, zu schreiben – so Mahi Binebine und Youssouf Amine Elalamy. Binebine kehrte nach zwei Jahrzehnten in Paris und New York zurück und lebt seither als Romancier und Maler in Marrakesch. Es war ihm unmöglich, die Geschichte seines Bruders zu erzählen, der 19 Jahre lang in einem unterirdischen Wüstenverlies eingekerkert überstand. Doch in fast jedem seiner Bilder ist der Bruder präsent.

Elalamy, heute Generalsekretär des PEN in Marokko, umkreist in seinen Fiktionen die bedrückende Wirklichkeit derer, die in Marokko stranden: als afrikanische Bootsflüchtlinge und einheimische Slumbewohner.

Layla Chaouni verlegt seit 1987 ein anspruchsvolles geisteswissenschaftliches Programm, auf Französisch und Arabisch. In Frankreich wurde sie für ihre Verdienste um die französische Sprache mit einem Orden geehrt. In Marokko verkauft sie selbst von prämierten Werken allenfalls 2000 Exemplare. Nur jeder Zweite im Land kann lesen und schreiben – und deshalb bepackt die Buchhändlerin Jamila Hassoune regelmäßig ihren Wagen mit Büchern und bricht in Begleitung von Schriftstellern und Grafikern in abgelegene Dörfer des Atlasgebirges oder in die Wüste auf.

DLR Kultur
Regie: Clarisse Cossais
Redaktion: Barbara Wahlster
Länge: 55:00
Erstausstrahlung: 02.06.2013, 00:05 Uhr

Hörprobe

Königstreue, Kunstliebhaber und Weintrinker. Jüdisches Leben in Marokko.

Als der mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Algerier Boualem Sansal 2012 zur Internationalen Buchmesse nach Jerusalem eingeladen wurde, diffamierte ihn die Hamas sofort als Verräter; wenig später legten mehrere algerische Lyriker, Filmemacher und der Direktor der Nationalbibliothek Sansal nahe, das Angebot auszuschlagen. Der Schriftsteller ließ sich nicht einschüchtern und suchte in Jerusalem das Gespräch mit israelischen Kollegen und Lesern. Im Nachbarland Marokko ist so ein Vorfall undenkbar. Israelis können jederzeit ohne Visumpflicht einreisen. Jeden Sommer kommen viele Juden aus den USA und Israel nach Marokko, um die Gräber von als Heilige verehrten Rabbinern zu besuchen.

Als Reaktion auf den Umsturz in Tunesien 2011 wurde im Juni desselben Jahres in Marokko per Referendum eine neue Verfassung verabschiedet. Darin wird das jüdische Erbe explizit hervorgehoben, denn Juden leben im Westen des Maghreb seit mehr als 2000 Jahren. Sie waren lange vor den Arabern da.

Gespräche mit Serge Berdugo, dem Reisebotschafter von König Mohamed VI. wie mit dem Mäzen Jacques Toledano und der muslimischen Kuratorin des einzigen jüdischen Museums in der muslimischen Welt, Zhor Rehihil, sowie mit dem Schuldirektor eines jüdisch-muslimischen Gymnasiums in Casablanca und einer Historikerin, die eng mit dem Präsidenten der jüdischen Gemeinden in der Region Marrakesch zusammen arbeitet, vermittelten den Eindruck, dass die kleine Gemeinde von etwa 5000 Juden in Marokko keinen Zweifel daran hat, am richtigen Platz zu leben. 300.000 jüdische Marokkaner haben das Land im 20. Jahrhundert verlassen.

NDR Info
Regie: Sigrid Brinkmann
Redaktion: Dr. Claus Roeck
Länge: 19:00
Erstausstrahlung: 21.02.2013, 20:30 Uhr

Hörprobe

Bildergalerie

Sigrid Brinkmann reiste im Februar 2013 als Grenzgänger-Stipendiatin nach Marokko. Verabredungen mit den meisten Interviewpartnern in Casablanca, Rabat und Marrakech wurden vor der Abreise getroffen. Seit den 1990er Jahren vertraut mit den schwierigen Verhältnissen in Algerien, verblüffte sie die Offenheit, mit der marokkanische Kulturschaffende sowohl Kritik an der Gesellschaft üben als auch patriotische Bekenntnisse ablegen.