Blickwechsel International. Junge Forscher gestalten neues Alter

Blickwechsel-Studienreise 2013 nach Dundalk, Irland

Im Alter möglichst lange eigenständig und selbstbestimmt leben - das wünschen sich die meisten von uns. Aber wie kann das gelingen? Mit dieser Frage beschäftigen sich die jungen Forscher des Programms "Blickwechsel - Junge Forscher gestalten neues Alter". Und wenn die Blickwechsel-Stipendiaten zusammentreffen, wird interdisziplinär diskutiert. Architekten, Psychologen, Soziologen, Informationstechniker, Sport- und Ernährungswissenschaftler tauschen sich aus, lernen voneinander und erweitern so ihren Blick auf das Leben im Alter.

"Der Titel Blickwechsel passt sehr gut. Bevor ich zur Gruppe kam, hatte ich meine technisch-wirtschaftliche Perspektive. Durch die Diskussionen mit den anderen, bekommt man einen besseren Blick dafür, welche Bedürfnisse ältere Menschen haben." Stipendiat Bastian Dinter, Wirtschaftswissenschaftler, Fachhochschule Düsseldorf / Universität Magdeburg

"Age-friendly environments"


Wie kann eine altersfreundliche Wohn- und Stadtplanung ein langes selbständiges Leben ermöglichen? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Blickwechsel-Studienreise vom 3. bis 6. Juli 2013 nach Irland. Nach zwei Akademietagen gab es jetzt im irischen Dundalk "geballte Praxis" zum Thema "age-friendly environments". Die Stadt nahm zusammen mit dem Dundalk Institute of Technology 2006 an der "Global Age-friendly Cities" Initiative der WHO teil und entwickelte wichtige Kriterien für ein aktives und gesundes Altern in Städten. "Wir müssen Alter neu denken", sagte Dr. Rodderick Bond, Direktor am Dundalk Institut, in seiner Begrüßung.

An zwei Tagen gab es für die Stipendiaten viele neue Impulse. Am Netwell Centre und am CASALA Centre des Instituts erforscht man den Einsatz modernster Technik und gemeinschaftsorientierte Ansätze für eine altersfreundliche Umgebung. Und im County Louth werden die Erkenntnisse der WHO-Initiative bereits auf die regionale Ebene übertragen.

(Christine Werner, Juli 2013)
1. Tag: Dundalk Institute of Technology
Das Living-Lab

Mit einer großen 3D-Brille auf der Nase steht man in einem virtuellen Flur, links geht es ins Bad, rechts in die Küche. Man muss nur ein bisschen am Joy-Stick drehen und schon fliegen einem Bad und Küche um die Ohren, die Räume bewegen und verändern sich, Türen werden breiter, Hängeschränke rutschen nach unten. Wir sind in einer virtuellen Wohnung im "Living Lab" des CASALA Centre am Dundalk Institute of Technology.

Am Modell wird getestet wie altersgerechtes Wohnen aussehen kann. Architekten, Techniker und Designer können zusammen mit älteren Menschen Alltagssituationen simulieren, Probleme erkennen und altersgerechte Lösungen entwickeln. Ein weiterer Raum ist wie ein Apartment eingerichtet und mit modernster Technik ausgestattet. An den Decken sind Sensoren angebracht, an den Wänden hängen Monitore, verschiedene Alarm- und Kontrollsysteme wurden einprogrammiert. So testen die Altersforscher, was die Technik dazu beitragen kann, dass ältere Menschen länger selbständig leben können und sich in ihren Wohnungen sicher fühlen.

Great Northern Haven

Weg vom Virtuellen ins Reale. "The Great Northern Haven" ist eine kleine Wohnanlage mit 16 altersgerechten Wohnungen. CASALA-Manager Andrew MacFarlane führt durch die Anlage und die Musterwohnung. Hier wurden Erkenntnisse umgesetzt, hier ist die Technik schon im Einsatz.

Man geht durch breite Türen, durch die auch Rollstühle problemlos hindurchpassen, in der Küche gibt es eine höhenverstellbare Spüle, eine Matte im Bett überprüft Körperfunktionen, Sensoren an den Decken können Bewegungsprofile aufzeichnen und überall gibt es Alarmknöpfe, die mit einer Notruf-Zentrale verbunden sind. Die technischen Funktionen und Möglichkeiten können je nach Wunsch und Situation des Bewohners angepasst werden.

"Beeindruckend fand ich die Wohnungen im Great Northern Haven, die mit Sensoren ausgestattet sind. Aus Deutschland kenne ich einige Projekte, aber die sind noch im experimentellen Stadium. Hier wohnen die Menschen schon drin."
Julia Rahe, Psychologin, Universität Vechta

Wichtig ist auch: die Wohnanlage liegt Mitten in Dundalk, sie ist nicht isoliert, sondern in den Ort eingebunden. Um die Ecke findet man kleine Geschäfte, ein typisch irisches Pub, die Kirche ist nicht weit. Außerdem gibt es in der Stadt ein großes Angebot an altersgerechten Freizeitangeboten und Projekten, die alle Bestandteil des Konzepts sind. Auch diese sozialen Projekte werden am Dundalk Institute koordiniert und sind ein wichtiger Forschungszweig.

(Christine Werner, Juli 2013)
2. Tag: Louth - the first age-friendly county
Louth - ein altersfreundliches County

Großer Empfang in der County Hall der Gemeinde Louth. "Councillor" Declan Breathnach begrüßt die Blickwechsel-Stipendiaten und präsentiert im Ratssaal das Konzept des County. Louth hat, als erstes irisches County, in Zusammenarbeit mit Dr. Rodderick Bond das WHO-Konzept für altersfreundliche Städte auf die regionale Ebene übertragen. Man wollte ältere Menschen wieder stärker in das Gemeindeleben integrieren, sie am sozialen und kulturellen Leben beteiligen und ihnen ein langes selbständiges Leben ermöglichen. Dafür holte man alle wichtigen Partner an einen Tisch und schloss eine "Age-friendly Alliance".

Ohne eine übergreifende Zusammenarbeit funktioniert es nicht, betont Declan Breathnach. Eingebunden in die Allianz sind die Gemeinde, die Polizei, der Health Service, verschiedene Dienstleister, das Dundalk Institut - und die älteren Menschen selbst. Diese stehen im Mittelpunkt aller Bemühungen, sie sind Teil des Prozesses. Die "Age-friendly Alliance" handelt nach dem Grundsatz: Alle Pläne und Vorhaben werden mit älteren Menschen entwickelt, nicht nur für sie.

LOPF - "Louth Older Peoples’ Forum"

"Ältere Menschen brauchen eine Stimme", sagt Mary Deery, die Projekt-Managerin des County. Dafür gibt es das "Louth Older Peoples’ Forum", das aktiv in die Allianz eingebunden ist. Das Forum hat in Zusammenarbeit mit dem Dundalk Institute of Technology Projekte initiiert, wie "Good Morning Louth" und "Men’s Sheds":

"Good Morning Louth" ist ein kostenloser Telefon-Service. Ältere Menschen werden zu einer vereinbarten Zeit von freiwilligen Helfern zuhause angerufen. Die Freiwilligen fragen wie es geht, ob Hilfe benötigt wird. "Men’s Shed" ist ein spezielles Projekt für ältere Männer. Ihnen fehlt im Alter häufig die praktische Arbeit und der soziale Kontakt. In ihrem "Schuppen" können sie gemeinsam hämmern, sägen, werken. Fester Bestandteil der Konzepte sind die Freiwilligen. Ohne sie wären all die Projekte nicht machbar.

"Ganz besonders wertvoll war der Einblick in praktische Projekte. In meinem Forscher-Alltag schaue ich eher auf die Daten, hier konnte ich sehen, was man konkret tun kann, um die Lebensqualität älterer Menschen zu verbessern."
Martina Miche, Psychologin, Universität Heidelberg

"Wir alle sind ständig in einem Prozess des Älterwerdens. Wir müssen früher über altersgerechte Umgebungen nachdenken", sagt Projekt-Managerin Mary Deery. Ein Besuch in Ardee, einer altersfreundlichen Kleinstadt der Gemeinde, zeigt den Stipendiaten weitere Ergebnisse. Hier führte das Konzept dazu, dass es in der Stadt neue Zebrastreifen und Fußgängerüberwege gibt, es wurden neue Wege angelegt und Bänke aufgestellt. In Ardee soll man "gut und gerne" alt werden können.

(Christine Werner, Juli 2013)

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Kontakt

Kristina Maurer
Telefon 0711 46084-770