Grenzgänger

Karla Krause:

Dr. Karla Krause, Jahrgang 1942, ist Radio- und Fernsehjournalistin, Dramaturgin und Buchautorin. Sie entwickelte Massenmedienkampagnen für UNICEF in Jakarta, produzierte preisgekrönte Reportagen aus indonesischen Dörfern und beschäftigte sich intensiv mit den Folgen des letzten Balkan-Krieges.

Als Filmproduzentin und -dramaturgin in München und Berlin war sie zuständig für Entwicklung und Produktion anspruchsvoller Fernsehprogramme wie „Klemperer – ein Leben in Deutschland“ oder die internationale Kinoproduktion „Bonhoeffer, Agent of Grace“.

Seit 2000 arbeitet sie wieder ausschließlich als freie Journalistin, vor allem für das Radiofeature. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Menschengeschichten zur medizinischen Ethik, z. B. „Tödliches Erbe / Ein Gen spielt Schicksal“ (Robert Geisendörfer Preis 2008), zuletzt „Sternenkind / Das kurze Leben der Lilli Lion“ (DRK-Medienpreis 2013, Hörfunkpreis der Theodor Springmann Stiftung 2013).

Selber ein Kriegskind, beschreibt sie in mehreren Arbeiten das „Leben nach dem Überleben“ in Bosnien, Serbien, Kroatien, z. B. „Je höher der Zaun, desto besser der Nachbar / Begegnungen in Srebrenica“ (BR/HR/SR 2010), „Herr Schmidt baut ein Haus. In Bosnien“ (DRadio/SWR 2004), „Nachhause in die Fremde / Dinkas Geschichte“ (DRadio 1999, Robert Geisendörfer Preis 2000).

Karla Krause lebt in Berlin.
Bosnien-Blues
Nigel Osborne und die Kinder des Krieges

Sarajevo, Sommer 2012: Anton Pesikan, alias Tony Bongo schleppt einen riesigen Sack mit Trommeln, Bongos, Kongas zum Bus, der ihn nach Pula bringen soll. Und von dort auf die istrische Insel Briuni. Dort wird er, zusammen mit dem britischen Komponisten Nigel Osborne, mit behinderten Kindern Musik machen. Nigel und Tony sind sich während des Krieges begegnet. Überzeugt von der heilenden Kraft der Musik, die Grenzen überwindet, sammelte Osborne mit einer Gruppe couragierter Musiker die verstörten Kinder von Sarajevo und trommelte, sang und tanzte mit ihnen in Kellern und Luftschutzräumen. Tony war eines dieser Kriegskinder. Er ist seinen Rettern, Nigel Osborne und den Trommeln, treu geblieben.

Drei Autostunden von Sarajevo entfernt, in Srebrenica, packen auch die Gymnasiasten Filip, Verica, Aleksandra, Tijana für ihre Reise nach Briuni. 8 Jahre alt waren sie, als die „Musiker ohne Grenzen“ in ihre Stadt kamen. Damals haben sie Nigel und Tony kennengelernt und dann selbst, mit 15, die kreative Arbeit mit Kindern weiter geführt. Eine ungeheure Kraftanstrengung in einer Stadt, in der die Erinnerung an den Genozid an 8000 muslimischen Jungen und Männern die Stimmung beherrscht und ein Miteinander verhindert.

Pula. Zentrum für behinderte Kinder. Nigel Osborne hat ein Thema vorgeschlagen: Das Meer. Aus dem Chaos finden sich Töne zu einer Melodie, Wörter zu einem Vers zusammen. Ein Rhythmus setzt sich gegen einen anderen durch, ein Refrain ist erkennbar. Die freiwilligen Helfer von überall her haben mit den „children, with special needs“ Gruppen gebildet und entwickeln mit ihnen Lieder nach der „Menue-Methode“. Und tatsächlich entsteht in einer knappen Woche ein musikalisch-theatralisches Programm, das sich sehen und hören lassen kann und auf der Insel Briuni bei einem furiosen Fest mit Tanz und Wein gefeiert wird.

Für wenige Wochen wird Nigel Osbornes Vision von der Musik, die alle Grenzen überschreitet, Wirklichkeit. Hier musizieren alle zusammen: orthodoxe Serben, katholische Kroaten, muslimische Bosniaken, Nigel Osbornes Studenten aus allen Teilen Europas, Profis und Laien, Behinderte und Gesunde.

Filip, Tijana, Verica, Aleksandra aus Srebrenica wissen spätestens nach der Rückkehr: ihre Wirklichkeit sieht ganz anders aus. „Aber“, sagt der 18jährige Filip, „manchmal reicht schon ein einziger Mensch, der an dich glaubt – und du hast wieder frische Energie“.

Produktion: NDR/DLF/RBB 2013
Regie: Giuseppe Maio, Ton Kai Schliekelmann und Markus Freund 
Redaktion: Ulrike Toma
Länge: 50:24
Erstausstrahlung: 04.06.2013, 20:00 Uhr (NDR Kulturforum) 
Wiederholungen: 07.07.2013, 14:04 Uhr (RBB Kulturradio) 
und 16.07.2013, 19:15 Uhr (DLF) 

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„Das Wichtigste: Zeit, Geduld und langer Atem. Monate lange Ungewissheit über Termine, Spendenaufkommen, Programm, Beteiligte. Hastiger Aufbruch nach Pula. Zwei kreative und kommunikative Wochen mit Nigel Osborne auf der Insel Briuni, zig Stunden Tonaufnahmen, der Regisseur Giuseppe Maio konnte als 2. Tonmann dabei sein! Und immer wieder die Bitte: „Besucht uns in Srebrenica.“ Dort, nach dem Sommer, nach den Wahlen: Trostlosigkeit, Dauerregen, Kälte. Die wichtigsten Projekte wegen Misswirtschaft gestoppt. Eine Protagonistin will gar nicht mehr reden, die übrigen sind sehr zurückhaltend, vor allem was meine Fragen zur „Vergangenheitsbewältigung“ betrifft. Sie sind im Abitur. Die Zukunft hat Vorrang. Aber ich habe Zeit zu bleiben: die jüngst vom Bosniaken Namir Poric gegründete Musikschule ist aktiv. Und in Sarajevo macht Tony Bongo, das Kriegskind, mit Waisenkindern Rockmusik.

Fazit: luxuriöse Arbeitsbedingungen mit inhaltlichen Hürden.

Ergebnis: ein Hörstück mit Fallhöhe. Drei Akte, drei Stimmungen. Kein Happy End, eher trotziges Dennoch. Wie im richtigen Leben.“