Das Lektorenprogramm in Asien

1999 - Auslagerung des Lektorenprogramms nach Hohenheim

Seit 1999 wird das Lektorenprogramm gemeinsam mit dem Osteuropazentrum der Universität Hohenheim koordiniert. Dr. h.c. Jochem Gieraths beantwortet als Geschäftsführer des Osteuropazentrums die Fragen im folgenden Interview:

Wie kam es dazu, dass die Koordination des Lektorenprogramms 1999 am Osteuropazentrum angesiedelt wurde?
Die ganze Geschichte zu erzählen würde wohl zu weit führen, in aller Kürze hier nur soviel: Das Osteuropazentrum wurde 1995, im Anschluss an das 175-jährige Jubiläum der Universität Hohenheim gegründet. Im Jubiläumsjahr 1993 hat die Universität nicht nur ihrer Gründerin,  der Zarentochter Catarina Pavlovna und späteren Königin von Württemberg gedacht, sondern in neuer Form auch Kontakte zu Hochschulen in Moskau und St. Petersburg geknüpft. Nach dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion bestand dann zunächst die Aufgabe darin, wissenschaftliche Kooperationen zu den großen postsowjetischen Agraruniversitäten aufzubauen. Begonnen haben wir hier zum Beispiel mit der Organisation von 2-wöchigen Hohenheimer Osteuropawochen, zu denen wir jährlich jeweils 30 junge Agrarwissenschaftler eingeladen haben. Osteuropawochen auch für Journalisten waren dann der nächste Schritt. Einer der Förderer dieser Themenwochen war u.a. die Robert Bosch Stiftung. Ende der neunziger Jahre überlegte sich die Stiftung, das Lektorenprogramm, das seit seiner Gründung sehr stark gewachsen war, auszulagern. In einem Bewerbungsprozess haben wir uns dann gegen Mitbewerber durchsetzen können. Gesehen wurde von Seiten der Stiftung sicherlich auch, dass wir bereits Ende der neunziger Jahre erfolgreich einige größere EU-Projekte eingeworben hatten.

Wie sah Ihre erste Begegnung mit den Lektoren aus?
In der Vorphase der Bewerbung konnte ich das Programm, um ehrlich zu sein, noch nicht so richtig greifen. Da las ich eines Morgens in der Zeitung, dass die Bosch-Lektoren sich zum Bilanzseminar im Straßenbahnerheim in Degerloch trafen. Ich bin natürlich hingefahren. Dort saß ich in der letzten Reihe und  bin aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen.  "Mein Gott, was ist das für ein grandioses Programm!" Man muss vielleicht hinzufügen, dass ich selbst Geisteswissenschaftler bin, aber die Aufgabe habe, ein Zentrum an einer Universität aufzubauen, die ihre Schwerpunkte in den Natur-, Agrar- und Wirtschaftswissenschaften hat. Und hier saßen mir nun auf einmal Geistes- und Sozialwissenschaftler gegenüber, die voller Begeisterung von ihrer Lehrtätigkeit in Osteuropa berichteten.

Wie haben Sie dann Ihre Universitätsleitung davon überzeugt, dass es Sinn macht, ein solches Programm an einer Universität ohne eine eigene geistes- und sozialwissenschaftliche Fakultät zu koordinieren?
Ja, das war nicht ganz leicht. Ich war von Anfang an davon überzeugt, dass  die Transformationsprozesse  in den mittel-, südost- und osteuropäischen Ländern nur zu begreifen sind, wenn man deren geschichtlichen und kulturellen Hintergrund kennt und  mitreflektiert. Insofern kann  auch die wissenschaftliche, technische und wirtschaftliche Zusammenarbeit nur bei einem beiderseitigen kulturellen Verständnis erfolgreich sein. In dieser Hinsicht konnte das Rektorat überzeugt werden, dass das Lektorenprogamm diese Kompetenzen ein Stück weit in die Universität hereinholen könnte.

Welche Aufgaben sehen Sie zukünftig für das Lektorenprogramm?
Das Lektorenprogamm hat viele Häutungen hinter sich und diese Veränderungsbereitschaft zeichnet das Programm auch bis heute aus. Ich denke, es ist aktuell in der Verbindung von Lehrtätigkeit, Projektarbeit und Weiterbildung an einem sehr guten Stand angekommen. Eine der Fragen für die Zukunft ist für mich, wie kann – auch vor dem Hintergrund des aktuellen Weiterbildungsangebots – noch stärker die Vermittlung von spezifischen Länderkompetenzen erfolgen? Also, was muss ich von Russland und seiner Geschichte und Kultur konkret begriffen haben, um als Lektor dort verantwortlich in Universitäten handeln und dann auch beraten zu können? Was muss ich  von China und seiner Geschichte, den politischen Prozessen verstanden haben, um spiegelbildlich darauf bezogen, auch die Besonderheiten seines Erziehungssystem besser zu verstehen?

Was ist Ihr Geburtstagswunsch?
Vor einigen Jahren habe ich auf der schwäbischen Alb mit den Herren Rogall und Lux aus der Robert Bosch Stiftung und den damals für die Koordination verantwortlichen Mitarbeitern zusammengesessen, als es darum ging, ein dem Programm adäquates Weiterbildungsprogramm auf den Weg zu bringen. Damals habe ich den Wunsch geäußert, dass, so lange ich in Hohenheim bin, auch das Lektorenprogramm vom Osteuropazentrum koordiniert wird. Nun werde ich im Herbst das 20. Jubiläum des Lektorenprogramms  noch mitfeiern dürfen, dann aber im darauffolgenden Jahr in den Ruhestand gehen. Vor dem Hintergrund einer mehr als erfolgreichen Zusammenarbeit mit der Stiftung und mehreren Generationen von Lektoren habe ich die Hoffnung, dass das Programm auch dann noch von Hohenheim aus koordiniert wird, wenn sich die Stiftung mit diesem Pilotprogramm in einigen Jahren noch in anderen Ländern und Regionen dieser Erde engagieren wird.