Das Lektorenprogramm in Asien

2003 - Das Innovationsstipendium: Brücken bauen

Marte Sybil Kessler, seit 2011 in der Robert Bosch Stiftung unter anderem für das Lektorenprogramm zuständig, spricht über ein Instrument, das den Lektoren nach dem Lektorat den Berufseinstieg erleichtern soll.

Die ersten Innovationsstipendien wurden 2003 vergeben. Wie kam es zu dieser Idee? Und was sind überhaupt Innovationsstipendien?
Wie bei vielen Neu- und Weiterentwicklungen im Lektorenprogramm kam die Idee zum Innovationsstipendium hauptsächlich von den Lektoren, also aus dem Programm selbst heraus. Da sie überzeugte, wurde sie umgesetzt und ausprobiert und nun feiert 2013 nicht nur das Lektorenprogramm, sondern auch das Innovationsstipendium Jubiläum. Und das ist natürlich eine tolle Sache.
Zentrales Motiv des Innovationsstipendiums ist der Wunsch, die Lektoren bei ihrer Rückkehr nach Deutschland und dem dortigem Einstieg in den Beruf zu unterstützen. Das Innovationsstipendium ist dabei ein Teil eines Bündels an Maßnahmen zur Hilfe bei der (Re)Integration der Lektoren im Berufsleben. Aus ihm heraus wurde dann beispielsweise das Mentoringprogramm entwickelt, das ein weiterer wichtiger Bestandteil des Lektorenprogramms ist.

Aber um was geht es konkret beim Innovationsstipendium?
Die ausscheidenden Lektoren erhalten die Möglichkeit, sich mit einer selbstkonzipierten Projektidee für ein Innovationsstipendium zu bewerben und bei Erfolg ihre Idee eigenverantwortlich innerhalb einer selbstgewählten Institution umzusetzen. Dadurch können sie sich beruflich weiterqualifizieren, bekommen einen umfassenden Einblick in eine Organisation aus ihrem Berufsfeld und können neue Kontakte in Deutschland aufbauen. Dadurch wird der (Wieder-) Einstieg in die Berufswelt gefördert. Denn schließlich geht es häufig um Netzwerke und Kontakte. Und natürlich profitieren neben den Stipendiaten auch die Institutionen von der Erarbeitung neuer Programmelemente und den Blick von außen. Ein rundum gewinnbringendes Konzept also...

Könntest du einige Beispielprojekte aus den letzten Jahren nennen?
Gern, denn in zehn Jahren Innovationsstipendium wurden nicht nur Kontakte und Netzwerke aufgebaut, sondern es sind auch eine ganze Reihe an Innovationen und tollen Projekten entstanden.
Ganz aktuell hat 2012 zum Beispiel Özlem Gündogdu ein Projekt bei MitOst e.V. realisiert und zwar einen Ratgeber für die Zusammenarbeit von NROs aus Deutschland und Mittelosteuropa. Der Fokus liegt dabei auf der Rechtslage und -realität von NROs in Mittelosteuropa, da rechtliche Beschränkungen und Unterschiede die internationale Zusammenarbeit stark beeinflussen. Ein sehr schönes Projekt, da es praxisnah ist, für die internationale Projektarbeit relevant und MitOst als Verein direkt davon profitieren kann. Spannend war auch Christian Wocheles Projekt 2006. Er engagierte sich bei der Hochschulrektorenkonferenz, um eine Kompetenzplattform für Südosteuropa aufzubauen und war danach auch weiter bei der HRK tätig. Über sein Innovationsstipendium sagt er selbst, dass allein die Arbeit in verschiedenen Themenbereichen eine Weiterbildung war und der Kontakt zu den nationalen Abteilungen, die zum Beispiel für die Qualitätssicherung oder den Bologna-Prozess zuständig sind, es ihm leicht gemacht hat, wieder anzukommen. So habe er Deutschland nach der Lektoratszeit auch aus neuen Perspektiven entdecken können.
Eines der ersten mit einem Innovationsstipendium umgesetzten Projekte überhaupt war der Aufbau des Mentoringprogramms für das Lektorenprogramm. Das hat 2004 Stephan Bull am Osteuropazentrum in Hohenheim angestoßen und es ist heute ja ein eigenes Highlight im Jubiläum des Lektorenprogramms.
Ja und viele weitere tolle Projekte finden sich in der Wundertüte des Innovationsstipendiums, wie ein europäisches Lifelong Learning Konzept an Hochschulen, das Bosch-Alumni China.Net, ein Werkzeugkoffer für Planspiele, ein Portal für entwicklungsorientiertes technisches Wissen oder Methoden für erwachsene Akteure aus Migrationsstrukturen in der Jugendverbandsarbeit in Sachsen-Anhalt, um nur einige zu nennen.
Es zeigt sich, dass aus den Stipendien auch immer wieder Innovationen für das Lektorenprogramm entstehen, für die Arbeit der Lektoren in den Regionen, aber vor allem auch für die Alumni. Denn die Projekte im Rahmen des Innovationsstipendiums befassen sich natürlich mit Themen, die für die Lektoren relevant sind und sie spiegeln die Kompetenzen wider, die Lektoren mitbringen bzw. häufig während ihrer Lektoratszeit erworben haben.
Manche Lektoren wollen aber mit dem Innovationsstipendium auch einfach ganz bestimmte Institutionen kennen lernen, die sie für ihre berufliche Weiterentwicklung interessant finden. Sie richten dann daran ihre Projektidee aus – so war es beispielsweise bei mir, ich habe mich für die Bereiche Beratung und Hochschulmanagement interessiert und entsprechend spannend war für mich CHE Consult als Institution für ein Innovationsstipendium, andere Lektoren sind ins Auswärtige Amt gegangen und so weiter und so fort.

Welche Programmpartner gab es schon im Rahmen des Innovationsstipendiums?
Partner waren bis jetzt unter anderem MitOst e.V., die HRK und das Auswärtige Amt, aber auch die DGAP, die Universität Bremen, das Studentenwerk Bochum, die Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein, die GIZ oder das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Alles sehr interessante und unterschiedliche Institutionen wie man sieht.

Weißt du was aus einzelnen Projekten geworden ist?
Das Mentoringprogramm habe ich schon erwähnt, aber im Grunde sind alle Projekte so ausgelegt, dass sie auch nach dem Stipendium noch ihre Wirkungskraft entfalten, denn sie sind ja nicht umsonst an Institutionen angesiedelt, die ebenso wie die Lektoren ein Interesse an der Nachhaltigkeit des Projektes haben.

Du selbst hattest dich auch um ein Innovationsstipendium beworben, du hast es eben schon kurz erwähnt...
Stimmt, ich selbst habe mich nach meiner Lektoratszeit 2010 in der Ukraine für ein Innovationsstipendium beworben. Für mich bestand und besteht der Reiz des Innovationsstipendium darin, sich kreativ entfalten zu können und das im Lektorat erworbene Wissen und die Kompetenzen direkt anzuwenden, sie auch mit der Arbeitsrealität in Deutschland abgleichen zu können und – ja, auch anzupassen. Das Innovationsstipendium bietet die Freiheit der Lektoratszeit, aber gleichzeitig ein festes Netz und Strukturen, was vielen Lektoren an ihrem Standort fehlt. Das Innovationsstipendium ist damit eine perfekte Brücke zwischen Lektoratszeit und der Zeit, die danach kommt. Es ist aber viel stärker an den Bedürfnissen und Fähigkeiten des Einzelnen angepasst, da ja sowohl das Projekt als auch die Institution individuell gewählt werden.
Ich persönlich war schon immer an den Bereichen Bildungsmanagement, Lebenslanges Lernen und Partizipation im Bereich Hochschulbildung interessiert –und genau diese Bereiche haben mich auch am Lektorenprogramm gereizt. Das Programm ist ja wie ein buntes Mosaik, bei dem jeder Lektor sich seine eigenen kleinen Steine zusammen suchen kann und daraus etwas Eigenes, Neues, Buntes, Schönes gestaltet. Nach meiner Lektoratszeit wollte ich dann unbedingt das Innovationsstipendium machen, um eine Institution kennen zu lernen, die sich in Deutschland mit diesen Bereichen beschäftigt und möglichst viele Facetten abdeckt, denn bis dato hatte ich vor allem im internationalen Bereich gearbeitet und Erfahrungen gesammelt.

Was genau wolltest du machen und was ist daraus geworden?
Ich wollte das Innovationsstipendium dazu nutzen, CHE Consult als Berater von Hochschulen und Wissenschaft kennen zu lernen. Spannend war für mich dabei, dass sie wissenschaftlich und konzeptionell, aber sehr praxisnah arbeiten und sich mit hochschulrelevanten Themen und dabei vor allem mit Veränderungsprozessen und dynamischem Wandel an Hochschulen beschäftigen. Meine Projektidee war dann eine Broschüre im Bereich Diversity Management und hatte den Titel „ZeugInnenprogramm“. Ich wollte durch Interviews und mit Beispielen praxisnah den Begriff ‚strukturelle Diskriminierung’ an deutschen Hochschulen veranschaulichen, indem ich bestehende und allgemeine quantitative Daten mit qualitativen, gezielt den Diversity-Aspekt betreffenden Daten kombiniere. Statt einer wenig greifbaren Erhebung sollten die Akteure selbst zur Sprache kommen. Meiner Meinung nach eine gute Idee und wichtige Sache, aber es gab starke Konkurrenz und ich habe das Stipendium nicht erhalten.
Trotzdem war die Bewerbung ein Erfolg für mich, denn ich konnte CHE Consult überzeugen, mich für ein halbes Jahr bei sich aufzunehmen – auf deren Kosten. Im Laufe meiner Zeit bei CHE Consult hat sich mein Projekt dann auch noch verändert und ich habe, an den Bedarf des Unternehmens angepasst, eine vergleichende empirische Studie zu unterschiedlichen Perspektiven auf das Studium von Studierenden und Lehrenden durchgeführt. Auch ein sehr spannendes Projekt. Es hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt, mich für das Innovationsstipendium zu bewerben.

Was rätst du zukünftigen Lektoren, die sich um ein Innovationsstipendium bewerben wollen?
Erst einmal muss ich sagen, dass mir meine Lektoratszeit vor allem gezeigt hat, dass mit Herzblut und Engagement alles möglich ist. Das Innovationsstipendium ist dann die Möglichkeit, etwas Eigenes zu schaffen und sich gleichzeitig in festen Strukturen des eigenen Berufsfeldes auszuprobieren. Die Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder und entsprechend kann ich nur dazu raten, sich für das Innovationsstipendium zu bewerben. Meine persönliche Geschichte hat gezeigt, dass gute Ideen und Engagement sich in jedem Fall lohnen. Wenn ihr also Lust auf etwas habt, dann macht es. Man muss sich auch immer sagen, dass es bei dem Innovationsstipendium nicht darum geht, das Rad neu zu erfinden, sondern darum, dass eine Person individuell gefördert wird und sich weiterentwickeln kann und das ist einfach eine großartige Sache! Also, los geht’s!