Das Lektorenprogramm in Asien

2008 - Rückzug aus den EU-Ländern

Spätestens seit 2008 zeichnet sich eine deutliche Veränderungen ab, was die geografische Verteilung der Lektorate und die Auswahl der Programmländer betrifft. Markus Lux, Gruppenleiter in der Robert Bosch Stiftung und dort seit 2002 für das Lektorenprogramm zuständig, äußert sich zu den Hintergründen.


Warum hat das Programm sich seit 2008 verstärkt Osteuropa, Zentralasien und China zugewandt?
Es zeichnet das Lektorenprogramm aus, dass es innerhalb der Robert Bosch Stiftung oft eine Vorreiterrolle bei neuen Entwicklungen im Bereich der Völkerverständigung einnimmt – ob es sich um neue regionale oder inhaltliche Schwerpunkte handelt, fast immer leiten das Programm und seine Lektoren neue Entwicklungen ein oder begleiten sie zumindest. Dies galt bereits für Russland oder Südosteuropa und umso mehr für China: Als in der Stiftung beschlossen wurde, einen China-Schwerpunkt einzurichten, war eine der ersten Überlegungen, inwieweit das Lektorenprogramm auch in China ein geeignetes Instrument sein könnte. Nach dem erfolgreichen Start 2008 mit vier Lektoraten erfolgte der zügige Ausbau des Programms im Reich der Mitte. Schnell wurde das Lektorenprogramm imagebildend für die Stiftung in China, es trug so zur Integration der neuen Region in die Stiftungsarbeit bei – die Ausdehnung des Programms auf China war also von strategischer Bedeutung für die Stiftung. Die Erweiterung ging einher mit einem stärkeren Engagement im asiatischen Raum der ehemaligen Sowjetunion – Anfragen aus dem Fernen Osten Russlands und aus Zentralasien gab es zu diesem Zeitpunkt bereits. Wichtig war uns, dass eine Flankierung des Lektorenprogramms durch weitere Maßnahmen gewährleistet war, vor allem um die Netzwerkbildung zu gewährleisten. Neben dem Theodor-Heuss-Kolleg, dem Kulturmanagerprogramm in Russland und dem Traineeprogramm in China, spielten dabei auch Einzelmaßnahmen wie das Opernprojekt in Wladiwostok, die Deutsch-Kasachische Universität in Almaty oder die Veranstaltungsreihe „Deutschland und China in Bewegung“ eine große Rolle.

Eine immer wieder geäußerte Vermutung unter den Lektoren war, dass für diesen Schritt die mittel- und südosteuropäischen Lektorate gestrichen  wurden...
Diese Vermutung wurde meines Erachtens durch eine zeitliche Parallelität der Ereignisse ausgelöst, die so gar nicht existierte. Zum einen hatte der Ausbau in Zentralasien und dem Fernen Osten Russlands bereits zwei, drei Jahre früher begonnen, zu einem Zeitpunkt, als noch nicht einmal eine Recherchereise nach China stattgefunden hatte. Eine erste große Reduzierung der Lektorate in Mitteleuropa geschah bereits 2000 – 2003, übrigens als vor allem in Südosteuropa neue Lektorate eingerichtet wurden. Der größte „Aderlass“ fand dann ab 2006 statt, als die Weiterbildungsprofile eingeführt wurden und wir aus personellen, aber auch finanziellen Gründen die ursprüngliche Anzahl der Lektorate nicht mehr aufrechterhalten konnten und uns für mehr Qualität im Programm zu Lasten der Quantität entschieden haben. Und China war 2008 ein Pilotversuch mit nur vier Lektoraten, bei dem wir nicht absolut sicher sein konnten, dass er auch erfolgreich sein würde – dafür hätten wir sicherlich nicht Mittel- oder Südosteuropa „geopfert“. Vielmehr war es stets ein Ziel des Programms, den Lektoren zu ermöglichen, Auslandserfahrung an Standorten zu sammeln, die ohne Unterstützung durch das Programm nicht so einfach zu erreichen gewesen wären. Und hier wurde zunächst Mitteleuropa, später aber auch Teile Südosteuropas, zum Opfer des eigenen Erfolgs: Denn Polen, das Baltikum oder Kroatien waren nicht nur einfach zu erreichen, sondern boten zunehmend jungen Deutschen wegen gesteigerter Lebensstandards die Möglichkeit, für ein Ortsgehalt dort zu leben und zu unterrichten. Dies ist aber in den meisten der heutigen Programmländer nach wie vor undenkbar. Und weil es in Osteuropa, Zentralasien und China so viele spannende, aber in vielerlei Hinsicht schwer zu erreichende Hochschulorte gibt, haben wir uns entschlossen, das Lektorenprogramm in diese Richtung zu verschieben. Es soll niemand glauben, dass uns diese Schließungen leicht gefallen sind: Das erste Lektorat, dessen Schließung ich nach Eintritt in die Stiftung befürwortet habe, war dasjenige in Riga, an dem ich 1996 meine Tätigkeit als Boschlektor begonnen hatte.

Wie gestaltete sich der Rückzug aus den Programmländern?
Reduktionen hatte es schon immer im Programm gegeben, so sank die Zahl der Lektorate in Polen von mehr als 20 auf zuletzt eines, neu war diesmal der Aspekt der unwiderruflichen Beendigung der Programmarbeit in einem Land bzw. mehreren Ländern gleichzeitig. Allerdings haben wir bei jeder Schließung eine klare Priorisierung: Zunächst einmal ist der jeweilige Lektor in unserem Fokus, dann die Hochschule und an dritter Stelle die Stadt, Region oder das Land. Konkret bedeutet dies, dass wir nach Möglichkeit keine Lektorate schließen, an denen der Lektor noch ein weiteres Jahr bleiben möchte, dass wir ihm als erstem diese Schließung kommunizieren und uns gemeinsam Gedanken über das weitere Vorgehen machen. Dann informieren wir die Hochschule und halten über örtliche Tandemlektoren den Kontakt weiterhin aufrecht, natürlich geht dies nur in reduzierter Form. Neben den Tandemlektoren versuchen wir weitere Stipendiaten der Stiftung, z.B. die Kulturmanager, und ebenso die Alumni vor Ort in die Netzwerkarbeit einzubinden, MitOst ist uns hierbei eine große Unterstützung. Über die Netzwerkbildung und die Einrichtung neuer Programme in den betroffenen Ländern hinaus sehe ich aber weder viele Möglichkeiten noch Verpflichtungen für das Programm. Wir sind natürlich offen für Vorschläge unserer Lektoren und Partnerhochschulen, doch manche gut gemeinte Idee scheitert auch: So planten wir den Abschied aus der Region Mitteleuropa mit einem Festakt in Białystok/Polen zu begehen, zu dem wir u.a. alle ehemaligen Lektoren der EU-Region eingeladen haben – leider machten eine ungünstige Terminplanung und ein Schneesturm den Besuch dieser Veranstaltung für die meisten unmöglich. Größere Erfolgsaussichten hat die Initiative zweier Lektorinnen aus Südosteuropa, die das germanistische Doktoranden-Netzwerk Westlicher Balkan ins Leben gerufen haben, das von uns als Abschlussmaßnahme gefördert wird, da es an viele Projekte in der Region anknüpft, die von Bosch-Lektoren in den vergangenen Jahren durchgeführt wurden.

Gibt es auffällige Nachwirkungen des Lektorenprogramms in Mittel- und Südosteuropa?
Die Messbarkeit der mittel- und langfristigen Wirkungen des Lektorenprogramms an den jeweiligen Hochschulen oder sogar in den Gastländern erweist sich als äußerst schwierig, weil der Anteil des Programms an universitären Entwicklungen nur sehr schwer zu bestimmen ist: Wurde die Germanistik an einem Standort geschlossen, weil kein deutscher Muttersprachler mehr vor Ort ist? Läuft das Career Center einer anderen Universität deshalb so gut, weil es von einem Boschlektor in der entscheidenden Aufbauphase unterstützt wurde? Eine eindeutige Antwort schiene mir in beiden Fällen anmaßend. Wenn ich allerdings MitOst, das Theodor-Heuss-Kolleg, die Kulturmanagerprogramme, n-ost uvm. betrachte, die alle mehr oder weniger vom Lektorenprogramm beeinflusst wurden, dann sehe ich schon Folgewirkungen.