Gespräch im Park

Banken zwischen Systemkrise und Generalverdacht: Wege aus der Vertrauenskrise

Dr. Paul Achleitner, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank, zu Gast in der Robert Bosch Stiftung

Stuttgart, 4. März 2013 - Die Schuldenkrise in Europa ist nicht vorbei. Besonders Griechenland, Spanien und Portugal ächzen unter Massenarbeitslosigkeit und drastischen Sparmaßnahmen. Nur die Rettungsschirme der EU-Partner haben den Staatsbankrott in diesen Staaten verhindert. Die Krise der Staatshaushalte ist eine Spätfolge der Finanzkrise aus dem Jahr 2008, als die Regierungen mit Steuermilliarden systemrelevante Banken retten mussten, um einen Absturz der Realwirtschaft zu verhindern.

So stehen die Banker unverändert im Kreuzfeuer der Kritik. In ihrem Streben nach immer höheren Gewinnen und Boni sehen viele den Auslöser für den Lehman-Crash und die folgende Krisenspirale. Dabei braucht jedes Land eine funktionierende Finanzbranche. Ohne zuverlässigen Zahlungsverkehr und professionelle Kreditversorgung funktioniert auch die Realwirtschaft nicht.

Wie können die Banken das verlorene Vertrauen zurückgewinnen? Hat sich hinter den Fassaden der Banktürme wirklich etwas geändert? Das war das Thema des Vortrags von Dr. Paul Achleitner, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank beim Gespräch im Park in der Robert Bosch Stiftung. Der Titel seines Vortrags: "Banken zwischen Systemkrise und Generalverdacht: Wege aus der Vertrauenskrise".

Zunächst erläuterte Achleitner die Bedeutung des Finanzsektors für die Volkswirtschaft. Der Ausgleich von Risiken, die Bereitstellung von Kapital für große Investitionen und das Absichern der Altersvorsorge seien zentrale Aufgaben der Banken und eine Voraussetzung für unser aller Wohlstand.

Damit die Finanzinstitute diese Aufgabe erfüllen können, brauchen sie das Vertrauen ihrer Kunden. Achleitner bekannte offen, dass dieses Vertrauen gerade in die Deutsche Bank durch Rechtsverfahren, den Vorwurf der Zinsmanipulation und Gehaltsexzesse erschüttert sei. Erforderlich seinen fundamentale Änderungen in Kultur, Geschäftsmodell und Struktur der Banken. Diese Änderungen brauchten aber Zeit und eine breite öffentliche Diskussion.

Als Vergleich nannte Achleitner die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts. Genau wie die finanzielle Revolution habe diese zu fundamentalen gesellschaftlichen Veränderungen geführt, positiven und negativen. Ebenso wie in der Hochzeit des industriellen Kapitalismus habe es in den letzten Jahrzehnten des Finanzkapitalismus inakzeptable Verhaltensweisen gegeben: Von persönlicher Bereicherung über die Ausnutzung von Schwächeren bis hin zu illegalen Aktivitäten. Die Probleme der industriellen Revolution wurden durch das Zusammenwirken von gesetzlichen Rahmenbedingungen, gesellschaftlichem Druck und persönlicher Verantwortung gelöst. Dies, so deutete Achleitner an, könne auch ein Model sein für den Umgang mit den Problemen der Finanzbranche. Es komme aber darauf an, das System nicht als Ganzes auszutauschen und nicht zu übersehen, dass wohlgemeinte Einzeleingriffe des Staates auch ungewollte Nebenwirkungen haben können.

Bildergalerie

Fotos: Robert Thiele
Andreas Stoch, Minister für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg, im Gespräch mit Roland Berger
Franz Fehrenbach, Geschäftsführender Gesellschafter der Robert Bosch Industrie-Treuhand AG und Vorsitzender des Aufsichtsrats der Robert Bosch GmbH, Dr. Paul Achleitner, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutsche Bank AG, und Dr. Frank Heintzeler, Bankmanager
Dr. Paul Achleitner, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutsche Bank AG
Gäste aus Politik, Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft
Kultusminister Andreas Stoch, Unternehmensberater Roland Berger, Frau Gaby Fehrenbach, Franz Fehrenbach, Dr. Paul Achleitner, Dr. Kurt W. Liedtke
Dr. Kurt W. Liedtke, Kuratoriumsvorsitzender der Robert Bosch Stiftung
v.l.: Dr. Paul Achleitner, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutsche Bank AG, Tilmann Todenhöfer, Geschäftsführender Gesellschafter der Robert Bosch Industrie-Treuhand AG und Mitglied des
Aufsichtsrats der Robert Bosch GmbH, und Susanne Offenbach, Journalistin
Wolfgang Chur, Kurator der Robert Bosch Stiftung, und Claudia Diem, Mitglied des Vorstand der Baden-Württembergischen Bank
Dr. Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, und Kultusminister Andreas Stoch

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