Grenzgänger

Steffi Memmert-Lunau:

Steffi Memmert-Lunau, geboren 1962, aufgewachsen in Halle. Autorin, Übersetzerin, Dolmetscherin und Gründerin des Badischen Kulturforums Russland e. V., studierte Slawistik und Literaturgeschichte und promovierte über den russischen Futurismus. Sie arbeitete viele Jahre für internationale Unternehmen in der Schweiz und reiste seit 1981 immer wieder nach St. Petersburg. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Lörrach. Für ihr vorliegendes Buch erhielt sie 2012 ein Stipendium des Grenzgängerprogramms der Robert Bosch Stiftung.

Angelika Fischer, geboren 1947 in Berlin. Photographenlehre, danach Industrie- und Pressephotographin. Seit 1983 freischaffend tätig. Veröffentlichungen in diversen Publikationen. Parallel dazu freie künstlerische Serien in SW und zahlreiche eigene Buchveröffentlichungen, u. a. Bastionen des Lichts – 1997 von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet – sowie die kulturgeschichtlichen Reihen Spurensuche und Zwischen den Zeiten. Ihre Bilder bestimmen das ästhetische Bild der Publikationsreihen Menschen und Orte und wegmarken. Viele Einzelausstellungen, seit 2009 die Wanderausstellung Menschen und Orte, die in verschiedenen Museen gezeigt wird.
PETERSBURG – Eine literarische Zeitreise

Es gibt wohl kaum ein Land, in dem die Dichter so verehrt werden wie in Russland. Doch steckt die Geschichte der russischen Literatur voller Widersprüche. In St. Petersburg, der alten Hauptstadt des Zarenreiches, laufen ihre Fäden zusammen. Zwischen Anpassung und Rebellion gerieten Schriftsteller und Intellektuelle oft in gefährlichen Widerspruch zur Macht. Ihre Biografien sind Leidensgeschichten, geprägt von Nöten und Ausgrenzung, aber auch von hoher Verehrung und glanzvollen Auszeichnungen.

Auf den Spuren der Petersburger Schriftsteller begaben sich die Autorin Steffi Memmert-Lunau und die Fotografin Angelika Fischer auf Entdeckungsreise durch Kommunalwohnungen und Paläste, Hinterhöfe und Hotels, in die Wohnungen von Hofpoeten und Salondichtern, Romantikern und subversiven Satirikern.

Text: Steffi Memmert-Lunau
Photographien: Angelika Fischer 
Fadenheftung als Klappenbroschur
172 Seiten mit 168 Abbildungen im Duoton und einem Lageplan
Format: 17 x 24,5 cm
ISBN: 978-3-937434-51-3

Bildergalerie

Petersburg im Frühjahr 2012. Fünfzehn Tage Zeit, fünfzehn Kapitel zum Bebildern: Unseren Weg durch die Stadt bestimmten die Museumsöffnungszeiten. Wir brauchten zum Fotografieren Tage ohne Publikumsverkehr, bei den meisten Museen ist das der Montag. Leider waren nur zwei Montage in unserem Kalender. Der Erfolg des Unterfangens hing also von der Planung ab, und wir stießen bei allen Institutionen auf großes Entgegenkommen. Als dann die fünfzehn Kapitel auf fünfzehn Tage verteilt waren, und alle Zusagen mehr oder weniger verbindlich eingeholt waren, dachte ich, es könne nichts mehr schief gehen. Ich meinte, die Regeln zu beherrschen, Sprache, Alltag, Mentalität zu kennen und gegen alle Unwägbarkeiten gewappnet zu sein. Dann wurde gleich am ersten Tag das teuerste Weitwinkel-Objektiv gestohlen. Petersburg widersetzte sich unserem Plan per Taschendiebstahl. Wenn das so weitergeht, können wir ja gleich nach Hause fahren. Das Glück im Unglück: die Räume erwiesen sich als so groß, dass Angelika Fischer ihr Objektiv nicht besonders vermisste. Und sie zogen uns in ihren Bann, die Räume der Petersburger Dichter, ließen uns in eine Art visueller Trance fallen und überraschten uns jeden Tag aufs Neue. Am Ende war doch Magie im Spiel: auch wenn man die Echtheit jedes einzelnen Gegenstandes anzweifeln kann, der Zauber des Raums wirkt zuverlässig überwältigend. Was für ein Glück, in Anna Achmatowas Wohnung ganz mit den Gegenständen ihres Lebens allein zu sein, ihr Raunen zu hören, ihre Gedichte ins Gedächtnis zurückzurufen. Oder der Schauder, im Zimmer von Puschkins Kindern zu stehen und das Ausmass der Tragödie als Familientragödie zu begreifen. Oder im nabokovschen Treppenhaus mit den bunten Glasfenstern zu stehen und zu fühlen, wie die Nabokov-Kinder übermütig die Treppe hinabgesprungen sind. In allen Häusern wurde unser Anliegen unterstützt, die Mitarbeiter kamen extra an ihrem freien Tag, um uns einzulassen, aber manchmal war das Entgegenkommen besonders berührend: als die barsche Wächterin am Ende unserer Arbeit auftaute und uns alle Räume des Nabokov-Hauses einschliesslich Keller und Garage zeigte. Oder als uns Ksenija in der Kunstkammer auf die Balustrade des Turmes hinaussteigen ließ, ohne nach Vorschriften zu fragen, und uns damit einen ganz besonderen Ausblick ermöglichte. Und Darja, Mitarbeiterin im Sostschenko-Museum, uns auf Entdeckungsreise durch die Zeitschichten eines Elitehauses mitnahm, von den letzten Spuren der 30er durch den Kommunismus bis zur Luxussanierung in der Gegenwart. Sie war es auch, die das Geheimnis der Stadt auf einen Punkt brachte: In Petersburg geht nichts verloren, es ändert nur seinen Zustand.

Und so tauchten wir, Autorin und Fotografin, tief ein in die Realität einer Stadt, die sich nach allen historischen Brüchen gerade wieder selbst findet. Wir erlebten die Arbeit der Miliz und die der Kleinkriminellen und fanden Vergnügen daran, verborgene Dinge aufzuspüren. Fünfzehn Tage lang genossen wir die Fülle des Lebens zur Zeit der weißen Nächte, erfuhren die Freundlichkeit und Großzügigkeit der Menschen in dieser Stadt und hörten so viele neue Geschichten, dass ich mir sicher bin: Das Material für ein zweites Petersburg-Buch ist bereits zusammengetragen.