Grenzgänger

Irina Liebmann:

Irina Liebmann, geboren 1943 in Moskau als Tochter des deutschen Journalisten Rudolf Herrnstadt und der russischen Germanistin Valentina Herrnstadt, studierte Sinologie in Leipzig. Von 1966 bis 1975 arbeitete sie als Redakteurin für die Zeitschrift "Deutsche Außenpolitik". Seit 1975 lebt sie als freie Schriftstellerin in Ost-, seit 1988 in Westberlin. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Preise, u. a. den Aspekte-Literaturpreis und den Berliner Literaturpreis.
Drei Schritte nach Russland

„Ich wollte wissen, was Russland ist, ich kannte nur die Sowjetunion.“ In drei Reisen geht Irina Liebmann dieser Frage nach. Es ist ein Buch entstanden, in dem von anfänglich großer Distanz schrittweise Nähe erzählt wird.

Keine Meinungen oder Interviews werden hier beschrieben, sondern tiefe emotionale Eindrücke und Fragen, in der Absicht, auch dem Leser einen Zugang zu Russland zu vermitteln.

Erzählung
160 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag 
Berlin Verlag
ISBN: 978-3-8270-1138-1


Leseprobe
Die Russen. Siebzig Jahre lang eingeschlossen, abgesperrt, vergessen. Von uns jedenfalls vergessen, ich weiß es genau, es war mir nicht angenehm, daß wir im Osten manchmal über sie sprachen, als ob es sie gar nicht mehr gibt: „Bei denen“.

„Bei denen ist es natürlich noch schlechter“. Es hatte so zu sein, daß es ihnen schlechter ging als uns, daran hatten wir uns gewöhnt. Wir haben nie wirklich nach ihnen gefragt.

Wir blickten nach Westen. Und jetzt? Was Westen war, hat seine Leuchtkraft verloren. Aber angenehm ist es im Westen noch. Ich sitze in einer großen Wohnung, seit acht Wochen ist Winter mit Schnee und Eis wie niemals zuvor, und doch sind die Geschäfte sind voller Waren, die Heizung warm, nur die Zahlen auf meinem Bankkonto muß ich im Auge behalten, diese Zahlen sind der Kilometerzähler meines Lebens geworden, und nicht meines alleine, denn schon sitzen alle Regierungen Tag und Nacht zusammen und reden über nichts anderes als die Zahlen auf ihren eigenen Kilometerzählern, wir können abstürzen, rufen sie, abstürzen, ins Meer fallen, in ein Meer der wertlosen Scheine, die kein Konto wahrnehmen wird, keinen Meter wird es mehr anzeigen als zuvor, keine Zahl dafür in die Höhe treiben, wir fallen, wir fallen – und die da, die Russen? Die sehen zu.

Sollen wir zu ihnen blicken? In ihre Richtung? Was ist denn dort? Was? Und was waren das für Jahre, die letzten zwanzig? Was war das für ein Glanz, dem wir nachliefen? War es überhaupt Licht? War es Glitzerkram? Haben wir einen Fehler gemacht? Wann? Warum? Was ist geschehen?

Diese Frage muß man in Rußland nicht stellen. In Rußland springt sie einem von jedem Büchertisch entgegen, an jedem Zeitungskiosk brüllen sie regelrecht, diese Schlagzeilen: Wann? Warum? Was ist geschehen? Was ist mit uns geschehen?!

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Bildergalerie

© Irina Liebmann
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© Irina Liebmann
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Meine Reisen nach Russland führten mich zuerst nach Moskau im Mai, genauer gesagt zum Ersten Mai, den Moskau aber vergessen hatte. Nicht vergessen war der Tag des Sieges am 9.Mai, den ich auch erlebte und die ersten Frühlingstage. Danach besuchte ich Russland im Winter, und zwar wollte ich die Ikone der Muttergottes von Kasan sehen, die seit der Revolution von 1905 als verschwunden gilt, seit kurzem aber nach Russland zurückgekehrt sein sollte. Sie hängt nun wieder in Kasan. Ich reiste also in das winterliche Kasan, danach aber zurück nach Moskau, wo ich inzwischen Menschen kannte und mit denen auch den Jahreswechsel erleben durfte. Die dritte Reise führte mich an den Stadtrand von Moskau im Sommer, in eine Vorstadtgegend voller Datschen, denn ich wollte den Zauber des russischen Sommers verstehen, und das Leben auf der Datscha, das die Russen immer schon brauchten für ihr Familienglück.