Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Anila Wilms

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2013 

1971 in Tirana, Albanien, geboren und in der Hafenstadt Durrës aufgewachsen. Von 1989 bis 1993 studierte sie Geschichte und Philologie an der Universität Tirana. Als DAAD-Stipendiatin kam sie 1994 nach Berlin und lebt dort seither als Autorin und Publizistin. Ihren ersten Roman Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens schrieb sie auf Albanisch und auf Deutsch.

Auszeichnungen:
Stuttgarter Krimipreis für das beste Debüt, 2013
Comburg-Stipendium, 2014


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Leseprobe

Dass Nini Komneni nach zehn Jahren im amerikanischen Exil nach Albanien zurückgekehrt war, das war nicht seine, sondern Bischof Dorotheus’ Idee gewesen, seines Mentors und väterlichen Freundes aus alten Bostoner Tagen. […]
„Du musst dich unserer Sprache widmen, die alte Volkskunst erwartet dich, sie muss gesammelt und aufgeschrieben werden, bevor sie verloren geht. Es spricht für dich, wenn du dich Amerika verpflichtet fühlst, doch bedenke, dass dieses Land dich nicht braucht. Es hat seine eigenen Söhne. Es ist groß und mächtig. Aber dein Vaterland, das unglücklich und geschunden ist, schreit nach dir.“
Nun war Nini nach langem Zögern und Zweifeln dem Ruf gefolgt. […]
Vor drei Wochen hatte er das Schiff bestiegen, das ihn von Amerika in die albanische Heimat zurückbringen sollte.
Eines Morgens, anmutiges Licht brachte die weißen Tischdecken des Frühstückssaals zum Leuchten, war ihm ein Buch aufgefallen, das einer der Passagiere gerade las: „Die dalmatinische Küste. Ein Reiseführer“. Obwohl er sonst eher schüchtern war, hatte er ihn angesprochen: „Sie wollen nach Dalmatien? Auf dem Weg dorthin liegt mein Land: Albanien.“
„Was gibt es denn in Albanien Schönes zu entdecken?“
[…]
„Sie werden dort keine herrschaftliche Architektur vorfinden oder große technische Errungenschaften“, hatte er etwas verlegen die Frage des Fremden beantwortet. „Die letzten Jahrhunderte war mein Land zu einer weit abgelegenen Provinz eines vorderasiatischen Großreichs geworden, das zum Schluss dahinsiechte. Doch die Sprache, die mein Volk spricht, ist mehrere tausend Jahre alt, ein wahrer Schatz.“
Der junge Amerikaner, der sich als Dan Marvin vorstellte, hatte ihn aufmerksam gemustert. „Da ich von Sprachen nichts verstehe“, sagte er, „erzählen Sie mir von den Menschen.“
„Nun, wenn die Sprache zu herausragenden Werken fähig ist, so auch die Menschen, die sie sprechen. Wie könntet ihr an seinen Ufern vorbeifahren, ohne dieses Land sehen zu wollen? Wollt ihr nicht erleben, wie ein Volk aus jahrhundertelangem Schlaf erwacht, also gewissermaßen von den Toten aufersteht?“
Dan Marvin hatte gelacht. „Gut, gut, überredet. Ich glaube, wir werden in Albanien Station machen. Was meinst du, Greg?“

Aus: Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens. Transit Buchverlag, Berlin 2012

Bücher

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Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens.
Roman. Transit Verlag, Berlin 2012

Kontakt für Lesungen

Transit Verlag
Rainer Nitsche
Tel. 030 / 69401811