Die Zukunft der Arbeitswelt

Die Zukunft der Arbeitswelt - Auf dem Weg ins Jahr 2030

Übergabe der Studie an Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (v.l.n.r.): Peter Hausmann, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes, der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE); Wolfgang Goos, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstandes des Bundearbeitgeberverbdandes Chemie e.V.; Prof. Dr. Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employbility an der Hochschule Ludwigshafen; Prof. Dr. Thomas Lobinger, Direktor des Instituts für Bürgerliches Recht, Arbeitsrecht und Insolvenzrecht an der Rubrecht-Karls-Universität Heidelberg; Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen; Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE; Dieter Berg, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung
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Deutschland ist bisher vergleichsweise gut durch die weltwirtschaftlichen Turbulenzen gekommen. Es erntet dabei auch die Früchte von Reformen der Vergangenheit sowie seiner starken Position im internationalen Standortwettbewerb. Doch mit den erreichten Erfolgen verbinden sich neue Herausforderungen, die nicht nur in der Verschiebung der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung und der Bewältigung der europäischen Schuldenkrise, sondern auch in der demographischen Zeitenwende in Deutschland begründet liegen.

Um sich den Veränderungen in der Arbeitswelt in einem umfassenden Sinn zu nähern, hat die Robert Bosch Stiftung die Kommission „Die Zukunft der Arbeitswelt“ in enger Zusammenarbeit mit Frau Professor Dr. Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability der Hochschule Ludwigshafen, einberufen. Die Kommission hat einen mehrdimensionalen Ansatz gewählt und die verschiedenen auf die Arbeitswelt einwirkenden Teilbereiche wie Unternehmen, Sozialpartner, Soziale Sicherung, Arbeitsrecht, Arbeitsmarkt und Bildung in die Betrachtung einbezogen und vor allem die sich ergebenden Wechselwirkungen berücksichtigt. Dabei beschränkt sich die Kommission nicht auf eine Sicht ausschließlich im Lichte der demographischen Veränderungen. Auch andere Trends und Entwicklungen wurden einbezogen wie etwa die Globalisierung, der gesellschaftliche Wertewandel, die Stellung der Frauen, der Umgang mit Vielfalt oder der Übergang zu einer Innovations- und Wissensgesellschaft.

Von Anfang an war angestrebt, nicht nur rein theoretische Erörterungen anzustellen. Vielmehr wurden im Sinne eines praxisorientierten Vorgehens auch Hinweise für Umsetzungsmaßnahmen gegeben, mit denen die negativen Folgen des demographischen Wandels gemildert oder verhindert werden können.

Der Kommission "Die Zukunft der Arbeitswelt" gehören an: Professor Dr. Jutta Rump, Professor Heinz Fischer, Peter Hausmann, Dr. Hans-Peter Klös, Professor Dr. Thomas Lobinger, Professor Dr. Bernd Raffelhüschen, Professor Dr. Susan Seeber und Michael Vassiliadis. Bis zu seinem überraschenden Tod am 31. August 2012 leitete Professor Dr. Norbert Walter die Kommission. Danach hat Herr Dr. Klös die Rolle des Sprechers der Kommission übernommen.

Studie

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Die Zukunft der Arbeitswelt - Auf dem Weg ins Jahr 2030

Bericht der Kommission "Zukunft der Arbeitswelt" der Robert Bosch Stiftung mit Unterstützung des Instituts für Beschäftigung und Employability IBE.

Kontakt

Institut für Beschäftigung und Employability (IBE)
Frau Professor Dr. Jutta Rump
Direktorin
Ernst-Boehe-Str. 4
67059 Ludwigshafen

Kontakt in der Stiftung

Dr. Bernadette Klapper
Telefon 0711 46084-880

Bildergalerie

Foto: Tobias Bohm
Vorstellung der Studie in der Berliner Repräsentanz
Foto: Tobias Bohm
Begrüßung durch Dieter Berg, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stiftung
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Podiumsdiskussion mit Dr. Hans-Peter Klös, Prof. Dr. Susan Seeber, Moderatorin Judith Schulte-Loh, Prof. Dr. Thomas Lobinger und Prof. Dr. Jutta Rump
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Im Gespräch: Dr. Hans-Peter Klös und Prof. Dr. Susan Seeber
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Prof. Dr. Thomas Lobinger
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Diskussionsrunde mit den anwesenden Gästen
Auf dem Weg in die Arbeitswelt der Zukunft

Was muss geschehen, um auch in zwanzig Jahren die Leistungsfähigkeit der Arbeitsmärkte und der sozialen Sicherungssysteme zu erhalten? Wie sieht Arbeit in den kommenden Jahrzehnten überhaupt aus? Unter dem Motto "Die Zukunft der Arbeit. Auf dem Weg ins Jahr 2030" hatte die Robert Bosch Stiftung vor zwei Jahren in Zusammenarbeit mit Professor Dr. Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability der Hochschule Ludwigshafen eine Kommission ins Leben gerufen, die diese Fragen in einer Studie untersuchte.

Als Mitglieder der Kommission wirkten Prof. Heinz Fischer, Peter Hausmann, Dr. Hans-Peter Klös, Prof. Dr. Thomas Lobinger, Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen, Prof. Dr. Jutta Rump, Prof. Dr. Susan Seeber und Michael Vassiliadis sowie der 2012 überraschend verstorbene Prof. Dr. Norbert Walter. Sie leiteten die aus mehr als 30 Experten bestehenden Arbeitsgruppen zu den einzelnen Teilbereichen Unternehmen, Sozialpartnerschaft, Soziale Sicherung, Arbeitsmarkt, Bildung und Arbeitsrecht.

Anfang März wurde der Kommissionsbericht Arbeitsministerin Ursula von der Leyen übergeben. Am 19. März stellte die Stiftung die wichtigsten Ergebnisse der Kommissionsarbeit der Öffentlichkeit vor. Moderiert wurde die Veranstaltung von Judith Schulte-Loh.

Mehr als nur Demografie

"Der Bericht füllt eine Lücke", betonte Dieter Berg, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung, in seiner Begrüßung. Die meisten Untersuchungen zum Wandel der Arbeitswelt hätten vor allem die demografische Entwicklung im Auge. Doch dabei gelte es, auch andere Megatrends der gesellschaftlichen Entwicklung in die Betrachtung mit einzubeziehen - und entsprechend weit gefächerte Antworten auf die Herausforderungen zu finden. Das leiste der Kommissionsbericht.

Eben jene Megatrends, die sich parallel zum demografischen Wandel abzeichnen, stellte Prof. Dr. Jutta Rump anschließend dar: Globalisierung und Individualisierung etwa von Lebensumständen lösen gewohnte Arbeitsmuster auf. Eine zunehmend wissensbasierte und in höchstem Maße digitalisierte Wirtschaft zwingt die Menschen zu lebenslangem Lernen und macht Bildung immer wichtiger. Feminisierung und "Diversity" werden Deutschland künftig ebenso prägen wie die Erfahrungen von Menschen mit Migrationshintergrund und mit höchst individuellen Lebensentwürfen. Insbesondere die Arbeitsbiografien von Frauen werden sich von denen unserer Zeit fundamental unterscheiden: Sie stellen die Arbeitskräfte der Zukunft.

Erwerbsquote erhöhen, Arbeitsvolumen vergrößern

Worum es geht, machte anschließend Dr. Hans-Peter Klös deutlich, Sprecher der Kommission und Leiter des Wissenschaftsbereichs Bildungspolitik und Arbeitsmarktpolitik des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Verläuft die demografische Entwicklung wie bisher, dann fehlen im Jahr 2030 6,1 Millionen Menschen im sogenannten Kernerwerbsalter zwischen 20 und 65 Jahren. Das sind gut 12 Prozent weniger als heute.

Klös stellte drei Szenarien vor, wie Quantität und Qualität des Arbeitskräfteangebotes gewährleistet werden können. Und stieg damit in die Vorstellung jener konkreten Handlungsempfehlungen ein, die zu entwickeln Aufgabe der Kommission war. Geprüft und berechnet wurden die Effekte dreier arbeitsmarktpolitischer Stellschrauben: Eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung ("Köpfe"), die Ausweitung des Arbeitsvolumens ("Zeit") und die Steigerung der Produktivität.

Vor allem Justierungen in den Feldern "Köpfe" und "Zeit" haben große Auswirkungen. Um die Erwerbsbeteiligung insgesamt zu erhöhen ("Köpfe"), müssen mehr Frauen, Ältere, Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch qualifizierte Einwanderer für den Arbeitsmarkt gewonnen werden. Darüber hinaus - eine der Kernforderungen - wird es nicht ohne eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit gehen, was in der Praxis ein späteres Renteneintrittsalter bedeutet. Die Arbeitszeit pro Erwerbsperson erhöht sich unter anderem durch die Verringerung von Teilzeitstellen und die Erhöhung der Stundenzahl in Teilzeitjobs.

Die gute Nachricht: "Wenn wir jetzt handeln, können wir das Arbeitsvolumen bis 2030 auf dem jetzigen Niveau halten", sagte Klös, verbunden mit einer Warnung: "Danach fangen die Probleme erst richtig an." Will heißen: Dann gehen die Babyboomer in Rente und der Arbeitskräftemangel schlägt voll durch. Für die Übergangszeit bis dahin gelte es nun, die Weichen zu stellen.

Arbeitsziel: Konkrete Handlungsempfehlungen

In der anschließenden Podiumsrunde erläuterten einige Kommissionsmitglieder weitere Handlungsempfehlungen. Prof. Dr. Susan Seeber, Professorin für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung an der Universität Göttingen, forderte eine bundesweit verpflichtende Sprachstandsprüfung schon bei Dreijährigen mit anschließender verpflichtender Sprachförderung auf hohem Niveau. Zudem verwies sie auf die zukünftige Bedeutung des Weiterbildungssektors. Lebenslanges Lernen gelinge nur, wenn die öffentlichen Bildungsstrukturen dieses ermöglichten und sich dabei der vielfältigen Hintergründe der Lernenden bewusst seien.

Prof. Dr. Thomas Lobinger, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Heidelberg, verwies auf die regulatorischen Möglichkeiten des Gesetzgebers. Potential sah Lobinger zudem in einem neuen, bundesweiten Bildungsurlaubsrecht, das Arbeitskräften die fortwährende Weiterbildung erlaubt - eventuell gebunden an Anreiz- und Förderungsmaßnahmen. Der Anspruch auf Vaterschaftsurlaub könnte das Rollen- und Arbeitsverhalten von Eltern ändern, und Elterngeld müsse so berechnet werden, dass es auch für Männer finanziell interessant ist, eine Auszeit zu nehmen. Einstellungshürden für Ältere können gesenkt werden, indem Alter beim Kündigungsschutz weniger ins Gewicht fällt. Eine neue Feiertagsregelung könnte die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ins Arbeitsleben erleichtern, die - im Tausch gegen Urlaubstage - eine Freistellung an jeweils zwei höchsten nicht-christlichen Feiertagen gewährt.

Dr. Hans-Peter Klös skizzierte die wichtigsten Maßnahmen am Arbeitsmarkt und zur sozialen Sicherung. Zum einen müsse es möglich sein, länger arbeiten zu können. Das bedeute eine verlässliche Betreuung für unter Dreijährige und mehr Ganztagesschulen. Familiennahe Dienstleistungen sollten ausgebaut werden. Mit Blick auf qualifizierte Zuwanderer schlug er ein Punktesystem zur Steuerung von Einwanderung vor, das andere Länder schon lange mit Erfolg anwenden. Eine der wichtigsten Forderungen: Um das Gesundheitssystem leistungsfähig zu erhalten, soll eine Bürgerprämie eingeführt werden. Mit ihr tragen alle Bevölkerungsgruppen - einschließlich Beamte und Selbständige - zur Finanzierung der Gesundheit bei

Zwang zum Wandel

Die abschließende Publikumsdiskussion war unter anderem von der Sorge geprägt, dass das Vorliegen von Erkenntnissen und Handlungsempfehlungen deren Umsetzung nicht garantiere. Was solle etwa Unternehmen motivieren, für die Vereinbarkeit von Angehörigenpflege und Arbeit zu sorgen? Wie kann es gelingen, dass alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteure an einem Strang ziehen? Prof. Dr. Jutta Rump gab hier eine Antwort, die vielleicht am besten den Optimismus der Kommissionsmitglieder begründet und zugleich als Fazit der Veranstaltung dient. Sie verwies auf die wachsende Bedeutung der Ressource Arbeit und die Verlagerung von gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen: "Dinge bewegen sich immer dann, wenn etwas knapp wird und wenn sich Machtverhältnisse ändern."

(Jost Burger, 20.03.2013)