Grenzgänger

Adam Jaromir:

Seit 27 Jahren in Hannover ansässig, betätigt er sich als Autor, Verleger und Übersetzer. Seine Zarafa, die in märchenhaften Bildern von der Reise einer Giraffe ins Paris des 19. Jahrhunderts erzählt, ist von der polnischen IBBY (International Board on Books for Young People) als eines der schönsten Bücher des Jahres 2010 in der Kategorie „Literatur“ ausgezeichnet worden. Fantje, sein zweites Buch, wurde indes beim Bologna Ragazzi Award 2011 lobend erwähnt (Honourable Mention) und vom Polnischen Verlegerverband PTWK als eines der schönsten Bücher des Jahres 2010 gewürdigt. Adam Jaromir wurde zweimal für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert: 2012 als Übersetzer von Blumkas Tagebuch (Text und Illustrationen: Iwona Chmielewska), 2014 als Autor von Fräulein Esthers letzter Vorstellung.

Für Fräulein Esthers letzte Vorstellung erhielt Adam Jaromir zusammen mit der Illustratorin Gabriela Cichowska und der Grafikerin Dorota Nowacka 2014 den Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher.

Adam Jaromir studierte an der Universität Hannover und der Università degli Studi di Firenze Germanistik und Italianistik. Seine Bücher erscheinen sowohl in Polen als auch in Deutschland.

Fräulein Esthers letzte Vorstellung

Ein Buch über die letzten drei Monate des Waisenhauses von Janusz Korczak, in dessen Zentrum nicht etwa der Alte Doktor steht, sondern die „namenlosen“ Kinder und Erzieher des Dom Sierot, aber auch jene Menschen, deren Schicksal besonders schwer auf Korczaks Herzen lastete: die Straßenkinder des Warschauer Ghettos.

Und so ist Fräulein Esthers letzte Vorstellung unvermeidbar ein trauriges Buch, das von Leiden, Hunger, Krankheit und Tod spricht, aber auch von der Hoffnung auf ein besseres Morgen, – einer Hoffnung, dass sich – der erdrückenden Realität des Krieges zum Trotz – in den unscheinbaren Ritualen des Alltags manifestiert: im Pflanzen von Blumen, im Hebräisch-Unterricht, im Morgengebet, im samstäglichen Wiegen, im Tagebuchschreiben und in der Beschäftigung mit der Kunst …

Um dies alles glaubhaft zu beschreiben, habe ich mich entschlossen, das Geschehen aus zwei Perspektiven darzustellen: aus der Perspektive Korczaks, der auf seinen täglichen Gängen durch das Ghetto das Elend der Menschen schmerzlich nah erlebt, und aus der Sicht eines seiner Zöglinge, der 12-jährigen Gienia, die uns aufgrund der erzwungenen Isolation hauptsächlich einen Einblick in den Alltag des Dom Sierot gewähren kann, die aber – wie jedes dieser Kinder – die grausame Realität osmotisch, durch die dicken Mauern hindurch wahrnimmt.

Ich hatte das Glück, mit Gabriela Cichowska eine hochtalentierte Illustratorin für dieses Buchprojekt zu gewinnen, die bereit war, das von mir entworfene Storyboard künstlerisch umzusetzen. Da dieses zum Teil auf historischen Aufnahmen basiert, die – dies kann nicht deutlich genug unterstrichen werden – Menschen aus Fleisch und Blut zeigen, bestand die Herausforderung darin, Ausdrucksmittel zu finden, die es erlauben würden, die Realität eindringlich darzustellen, und doch mit dem gehörigen Respekt für jede der abgebildeten Personen.

Als besonders schwierig erwies sich die Frage: Wie eine Erzählung beenden, deren tragisches Ende sich jeder Beschreibung entzieht und das doch in aller Klarheit benannt werden muss? Da eine bildliche Darstellung dessen, was am 6. August 1942 geschah, für mich nicht in Frage kam, entschloss ich mich, das Buch am Abend der Aufführung von Tagores „Postamt“ enden zu lassen, in einem Augenblick, wo Korczaks Kinder in ihrer Begeisterung über das Schauspiel für einen flüchtigen Augenblick vergessen, was vor der Tür geschieht. Wir sehen noch Gienia, wie sie, wach geworden, in ihrem Bett von ihrer Zukunft als Tänzerin träumt. Ein Vorhang schiebt sich langsam hoch. Der letzte Blick, der uns gewährt wird, zeigt den leeren Schlafsaal und eine halboffene Tür. Es scheint, als ob die Kinder diesen Raum soeben verlassen hätten ...

Warschauer Ghetto, Mai 1942. Eine Zeit äußerster Not.
Bereits anderthalb Jahre zuvor musste Korczaks Waisenhaus ins Ghetto übersiedeln.
Das lichtdurchflutete Haus in der Krochmalna,
das Recht auf eigenen Raum und Bewegung,
die fröhlichen Sommerkolonien im idyllischen „Röschen“ …
– all dies scheint jetzt nur noch ein Traum.
Korczak ebenso wie seine Mitarbeiter sind verzweifelt.
Wie unter diesen Umständen Ruhe bewahren?
Wie Trost und Zuversicht spenden?
Im Traum kommt Korczak die Idee, die Kinder ein Theaterstück
des indischen Dichters Rabindranath Tagore aufführen zu lassen.
Während der Alte Doktor im Ghetto um Lebensmittel für seine Kinder bettelt, üben diese unter Anleitung von Fräulein Esther ihre Rollen ein,
vergessen dabei Krankheit und Hunger …

Eine ergreifende Hommage an die Zöglinge und Mitarbeiter des Dom Sierot, Menschen wie die 12-jährige Gienia, denen der Traum vom Theater – wenn auch nur für wenige Stunden – eine Flucht bot, in eine bessere Welt, oder wie Fräulein Esther, die selbst in der Stunde großen Sterbens nicht versäumte, für die Schwächsten da zu sein und die, genau wie sie, von einem „schönen Leben“ träumte, einem Leben „weder lustig noch leicht“.

Text und Storyboard: Adam Jaromir
Illustrationen: Gabriela Cichowska
144 Seiten, farbig illustriert, gebunden
Gimpel Verlag 2013
ISBN: 978-3-9811300-8-9
Bestellbar im Buchhandel ab dem 21. Januar 2013

Weitere Informationen

Bildergalerie

Illustration: Gimpel Verlag
Illustration: Gimpel Verlag
Illustration: Gimpel Verlag
Illustration: Gimpel Verlag
Illustration: Gimpel Verlag
Illustration: Gimpel Verlag
Illustration: Gimpel Verlag
Foto: Jüdisches Historisches Museum, Warschau
Foto: Jüdisches Historisches Museum, Warschau
Foto: privat
Die Arbeit an Fräulein Esthers letzte Vorstellung umfasste drei Phasen:
1. Recherchen, 2. Arbeit am Storyboard / Text, 3. Zusammenarbeit der Illustratorin.

Dank des Grenzgänger-Stipendiums konnte ich 2010 für längere Zeit nach Warschau reisen, um im Archiv des Jüdischen Historischen Museums nach Fotos zu suchen, die später die Grundlage für viele der Illustrationen* bilden sollten, aber auch um mit jenen Menschen zu sprechen, die Janusz Korczaks Leben und Werk kennen und mich bei auftauchenden Fragen beraten konnten.

In den letzten zwei Jahren bin ich mehrmals nach Krakau, Łódź und Warschau gereist, um mit der Illustratorin Gabriela Cichowska und der Grafikerin Dorota Nowacka über die künstlerische Umsetzung dieses Projekts zu sprechen. Die Fertigstellung dieses Buches hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen, was aber alleine die beeindruckede Anzahl der Illustrationen – es sind über 70 – rechtfertigt.

* Den Übergang von einer historischen Illustration über mein Storybord, das größtenteils aus Collagen besteht, zu einer fertigen Illustration dokumentieren einiger meiner Blog-Beiträge auf meiner Website.