Gespräch im Park

Wahlverhalten und Wertewandel in der Gesellschaft

Meinungsforscherin Renate Köcher zu Gast im Robert Bosch Haus

Wie reagieren die Deutschen auf Eurokrise, Energiewende und den Demographischen Wandel? Verstehen Sie die komplizierten Themen? Glauben sie, mit ihrer Wahlentscheidung Einfluss nehmen zu können, oder wenden Sie sich immer mehr von der Politik ab? Das waren zentrale Fragen, mit denen sich Professor Renate Köcher am 10. Dezember 2012 beim Gespräch im Park in der Robert Bosch Stiftung beschäftigte. Der Titel ihres Vortrags: „Der überforderte Souverän – Kapitulieren die Bürger vor der Komplexität der Probleme?“

Renate Köcher hat ihren Finger seit rund 35 Jahren am Puls der Meinungen in Deutschland. Als Geschäftsführerin des renommierten Allensbacher Instituts für Demoskopie untersucht die promovierte Volkswirtin nicht nur Vorlieben der Deutschen für bestimmte Produkte und Medien, sondern auch das Wahlverhalten und den Wertewandel in der Gesellschaft.

An der Schulden- und Finanzkrise zeigte Köcher beispielhaft wie sehr Komplexität die Bürger überfordert: Dreiviertel der Deutschen verstehen weder die Ursachen der Krise noch die vorgeschlagenen Rettungsmaßnahmen. Mehr als die Hälfte der Bürger hat deshalb resigniert. Sie sagt in den Befragungen, dass sie das Thema gar nicht mehr richtig verfolgt, weil sie ohnehin keine Einflussmöglichkeiten sieht. Diesen ernüchternden Zahlen stehen jedoch Umfrageergebnisse gegenüber, die ein optimistischeres Bild zeigen. So zweifeln die Deutschen trotz der Krise mehrheitlich nicht an Europa, und sie stellen die Rolle Deutschlands als größter Nettozahler der EU kaum in Frage. Das verwundert umso mehr, als dass die befragten Bürger nie den Aussagen glaubten, Griechenland werde seine Schulden zurückzahlen.

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Frau Professor Dr. Renate Köcher, Geschäftsführerin, Institut für Demoskopie Allensbach, beim Eintrag in das Gästebuch
Frau Professor Dr. Renate Köcher, Geschäftsführerin, Institut für Demoskopie Allensbach im Gespräch mit Dr. Kurt W. Liedtke, Vorsitzender des Kuratoriums der Robert Bosch Stiftung
Frau Professor Dr. Renate Köcher, Geschäftsführerin, Institut für Demoskopie Allensbach (Mitte) im Gespräch mit Dr. Kurt W. Liedtke, Vorsitzender des Kuratoriums der Robert Bosch Stiftung und Frau Dr. Ingrid Hamm, Geschäftsführerin, Robert Bosch Stiftung
Frau Dr. Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, im Gespräch mit Ministerpräsident a.D. Erwin Teufel und Rechtsanwalt Dr. Gerhard Wirth
Ministerpräsident a.D. Erwin Teufel (re.) und Wolfgang Chur, Mitglied des Kuratoriums der Robert Bosch Stiftung
v. re.: Ministerpräsident a.D. Erwin Teufel, Professor Walter Sigle, und Dr. Wolfram Freudenberg, Vorsitzender des Gesellschafterausschusses der Freudenberg Gruppe
Dr. Werner Struth, Geschäftsführer Robert Bosch GmbH (re.) und Stefan Schott, Leiter der Kommunikation der Robert Bosch Stiftung
Frau Professor Dr. Köcher spricht über „Der überforderte Souverän – Kapitulieren die Bürger vor der zunehmenden Komplexität der Probleme?"
Aufmerksame Zuhörer während der Reden im Robert Bosch Haus
Frau Professor Dr. Renate Köcher und Ministerpräsident a.D. Teufel
Herr Franz Fehrenbach, Vorsitzender des Aufsichtsrat der Robert Bosch GmbH, Herr Professor Mark Dominik Alscher, Ärztlicher Direktor, Robert-Bosch-Krankenhaus GmbH, Frau Professor Dr. Renate Köcher und Wolfgang Chur, Mitglied des Kuratoriums der Robert Bosch Stiftung
Lebhafte Diskussionen beim Abendessen
Spannende Impulse von der Gastrednerin und lebhafte Diskussion mit den Gästen im Robert Bosch Haus
Generell erkennt Köcher in Deutschland drei Tendenzen, die ihr in Hinblick auf die demokratische Ordnung Deutschlands Sorgen bereiten. Zum einen zeigen die Umfragen ein wachsendes Ohnmachtsgefühl bei den Bürgern. Das gilt in besonderem Maße für Entscheidungen, die auf europäischer Ebene getroffen werden. Dieses Ohnmachtsgefühl ist eng verbunden mit der zweiten Tendenz: der Entkopplung von Kompetenzen und dem Interesse der Menschen. Während immer mehr wichtige Fragen in Brüssel entschieden werden, bleibt das Interesse der Bürger fokussiert auf die regionale und nationale Politik.

Als dritten Faktor beschreibt Köcher eine Veränderung im Informationsverhalten, die die Meinungsforscher insbesondere bei jüngeren Menschen beobachtet haben. Die habituelle Information, etwa durch regelmäßiges Zeitunglesen, nimmt immer mehr ab. Stattdessen informieren sich besonders Menschen unter dreißig im Internet ganz gezielt zu Themen, die sie interessieren. Relevante Inhalte wie Politik oder Wirtschaft werden auf diese Weise vielfach ausgeblendet.

Als eine Folge dieser Entwicklungen rechnet Köcher in den kommenden Jahren mit immer stärkeren Schwankungen im Wahlverhalten. Aufregerthemen können eine wahlentscheidende Durchschlagskraft entwickeln, weil sie die wachsende Gruppe der eigentlich unpolitischen Wähler mobilisieren. Vor diesem Hintergrund ist das Ergebnis der nächsten Bundestagswahl nach Einschätzung von Köcher völlig offen.

(Dezember 2012)