Grenzgänger

Pepa Hristova:

Pepa Hristova, geboren 1977 Bulgarien, lebt und arbeitet heute in Hamburg. Sie studierte Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie bei Prof. Ute Mahler an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Hamburg. Die Fotografin ist seit 2006 Mitglied der Agentur Ostkreuz, Berlin.

Sie erhielt für ihre Arbeit zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, u.a. 2011 das VG Bild Kunst Stipendium, 2010 das Grenzgänger Stipendium der Robert Bosch Stiftung, 2009 den Otto-Steinert-Preis für subjektive Fotografie; 2008 den C/O Berlin Talents Preis, das Gabriel-Grüner Stipendium und das Stipendium der Akademie der Künste Berlin/Sektion Film- und Medienkunst. Ihre Arbeiten wurde u. a. in den Deichtorhallen Hamburg, bei C/O Berlin und der Akademie der Künste Berlin ausgestellt.
Im Norden Albaniens leben bis heute die „Sworn Virgins“,
die letzten Mann-Frauen Europas


Eine mündlich überlieferte Gesetzessammlung aus dem Mittelalter erlaubt Familien, die ihr männliches Oberhaupt – nicht selten durch Blutrache – verloren haben, eine Frau aus der Verwandtschaft als Stellvertreterin zu bestimmen. Voraussetzung aber ist, dass diese ein unwiderrufliches Gelübde ablegt: Sie muss schwören, ihre Jungfräulichkeit für immer zu bewahren. Diese so genannten Schwur-Jungfrauen werden in den Familien geachtet und erhalten den Status von Männern. Sie leisten Männerarbeit, kleiden und verhalten sich wie Männer, sind aber keine Männer im sexuellen, sondern in einem gesellschaftlichen und sozialen Sinn. Die „Sworn Virgins“ füllen ihre Rolle so perfekt aus, dass sie im Laufe der Zeit außerhalb der Familie nicht mehr als Frauen erkannt werden.

„... Am Kai im Hafen von Durrës sitzen in einer Reihe mehrere Fischer. Eine einzige Person steht aufrecht und breitbeinig zwischen ihnen. Sie trägt eine tief ins Gesicht gezogene Schirmmütze und einen zweiteiligen Badeanzug, in dessen Hose ein Messer steckt. Es ist ein bisschen verwirrend, wenn man dabei die männliche Haltung der Person sieht. Ich nähere mich der Fischergruppe – man hört nur eine Stimme, die von Diana. Mit halb vollem Mund erzählt sie ununterbrochen und laut Witze. Neben ihr steht ein Eimer voller frisch gefangener Fische; überall liegen Reste von Seekrabben. Während sie spricht, wirft sie sich die lebenden Krabben wie Nüsse in den Mund ...“
Danail Yankov

KEHRER Verlag April 2013
Herausgeber: F.C. Gundlach
Text: Sophia Greiff, Danail Yankov
Design: -SYB-
Festeinband, 136 Seiten und 13 Booklets
138 Farb- und S/W-Abbildungen
Englisch
ISBN: 978-3-86828-347-1

Zusätzlich zur Verlags-Auflage erscheint auch eine Collector’s Edition mit 2 Prints (bestehend aus einem Portrait (wählbar von zwei) und einer Landschaft). Blattformat ca. 22 x 26,5 cm, in einer Auflage von 50 + 5 Exemplaren. Nähere Informationen bei der Autorin.

Ausstellung
Pepa Hristova „Sworn Virgins“
Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen Magdeburg
27.02.2013 bis 26.05.2013
Eröffnung am 27. Februar um 19 Uhr

Fotos aus „Sworn Virgins" von Pepa Hristova

Aus einem Interview mit Katja Jührend:

„Dreimal reiste ich zwischen 2008 und 2010 nach Albanien, am Schluss hatte ich dreizehn Burrneshas gefunden, begleitet und fotografiert.

Das Leben in den abgelegenen Bergregionen Nordalbaniens hat sich seit Jahrhunderten kaum verändert. Die Beziehungen der Menschen untereinander sind vom Gewohnheitsrecht aus dem Mittelalter geprägt. Die Ehre einer Familie ist dabei das Wichtigste. Die Gegend ist derart unzugänglich, oft gibt es gar keine Straßen, sodass wir für 90 Kilometer mit dem Jeep manchmal fast neun Stunden gebraucht haben.

Ich habe die Burrneshas als glückliche Menschen empfunden. Weil sie ein stolzes Leben in Würde führen durften, ein Leben, das ihnen als Frau verwehrt geblieben wäre.

Die Frage, wie eine Frau solch einen Zwiespalt ein Leben lang erträgt, ist eine sehr westliche Frage. Die Leute sprechen dort anders über Dinge, sie reden nur über die Welt, aber nicht über sich selbst. Grübeln, sich analysieren, seinen Weg suchen, sich selbst finden, Probleme ausdiskutieren – so etwas kennen die Menschen nicht. Wenn man sie danach fragt, blockieren sie. Die Entscheidung, eine Burrnesha zu werden, ist so hart, da gehe es um die Existenz, um die Ehre der Familie, ums Überleben. Die Frauen werden zu Männern, weil sie einen existenziellen Grund dafür haben, und danach machen sie sich keine Gedanken mehr darum. Ihr Frausein spielt keine Rolle mehr, weil sie es nicht leben. Hätten die Frauen sich verliebt, hätte ihnen das ihre Ehre genommen. Man kann durch die psychische Einstellung alles verändern.“