Grenzgänger

Paula Schneider:

1976 in Leipzig geboren, Kindheit in Berlin. Jugend im Elfenbeinturm zwischen leidenschaftlich praktizierter Bildender Kunst und Musikgymnasium. Ab 1996 Leben lernen: USA-Aufenthalt, Marktforschung, Arbeiterin bei der Post.
2003 Diplom des Deutschen Literaturinstituts Leipzig.

Ab 2004 Freie Autorin, Prosa und Magazinjournalismus. Stipendien u.a. im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf (2004), im Stuttgarter Schriftstellerhaus (2005), Döblin-Stipendium der Akademie der Künste (2007).

Ab 2007 künstlerische Arbeit für den Hörfunk. Neuer Schaffensschwerpunkt Radiofeature und Hörspiel. 2008 Ake Blomstrom Award der EBU für das erste Radiofeature "Im dünnen Strahl der Taschenlampe steckt die ganze Welt". 2009 Kurz und Gut Preis vom Kulturradio des RBB für Hörstückreihe "Tapfere Bäume". Erfolgreiche Sendungen der letzten Jahre: 2010 "Dewotschka und toter Mann", Deutschlandfunk, 50 Minuten. 2011 "Krüppel mit Flügeln", DLF, 50 Minuten. 2012 "Rainer aus der Märchensiedlung", NDR / DLF, 55 Minuten.
Totleben. Eine russische Insel, die es nicht gibt

Gewölbe, in denen stets Nacht ist, Kammern, lange Tropfsteintunnel... Darüber zugewucherte Treppen, Geschützterrassen, enge Fensteraugen in klotzigem Beton. Ringsum wassergrauer Horizont, mit fernen Linien Land: Westlich die Insel Kotlin, Sperrgebiet bis 1996, und der nicht unumstrittene Flutschutzdamm. Östlich Sestroretsk und der Wochenendstrand des Rayon 'Kurort'. Nördlich Russlands historischer Feind: Finnland. Mitten im Finnischen Meerbusen, häkchenschmal und 700 Meter lang, liegt die Festung, die Insel - "Totleben". Pittoresk, und doch will sie keiner kennen im nahen St. Petersburg.

Das Feature hat sich trotzdem auf die Suche gemacht. Zu besonders ist dieser Name, urphilosophisch. Steckt nicht das Weltganze darin, von Anfang bis Ende? Totleben - russisch, ja. Deutsche Spuren hat er auch, ureuropäische, die über einen namhaften baltendeutsch-russischen Festungsbaumeister bis zu altem, legendärem Thüringer Adel führen. Und die Besonderheit des Namens scheint besondere Menschen anzuziehen. Einen deutschen Wirt und Abenteurer, der Leningrad als erster ein westliches Joint-Venture schenkte, und dann, als Rache für unter Jelzin eingefrorenes Vermögen, das Kunststück vollbringt, die Insel einzufrieren. Oder junge Leute, die das rostende Militärerbe ganz untypisch hegen und pflegen. Oder den mysteriösen Inselkommandanten, von dem die Wenigen, die die Insel kennen, berichten. Nur er soll sich auskennen mit Totleben. Inselbeschützer aus tiefstem Herzen soll er sein, seit der Kindheit. Maler sei er, und vielleicht ein bisschen verrückt. Keinen Alkohol soll er trinken. Vieles zur Insel geschrieben haben. Doch zeigen will er sich lange nicht. Gibt es ihn überhaupt?

Deutschlandfunk
Regie: Wolfgang Rindfleisch.
Ton: Hermann Leppich.
Redaktion: Ulrike Bajohr.
Länge: 49:52
Erstausstrahlung: 28.9.2012, 20:10 Uhr

Hörprobe

Bildergalerie

Fotos: Robby Dannenberg
Die konkrete Suche beginnt unweit Petersburgs in einem Motorboothafen von Sestroretsk.
Mit dem Motorboot zur Insel, die es nicht gibt.
Erste Schritte auf der kurzen Inselmole - Dolmetscherin, Autorin, Kapitän, Inselführer Alex Goss.
Russische Flagge vor zwei Etagen Historie - Hafen der Inselfestung.
Niemand in Piter will die Insel kennen. Doch dann direkt hinterm Granitkai - das Zentralportal des langgestreckten Fort Totleben.
Unten Fort von 1905, darüber schnellgebauter Beton von 1940.
Offener Blick in den Finnischen Meerbusen. Für den Kampf gegen Finnland wurde die Insel errichtet.
Eine gepanzerte Insel.
'Kampfstraße' auf dem Dach des Forts.
Im 2. Weltkrieg Kommandopunkt für entscheidende Seeschlachten gegen Finnland.
Kronstadt, Basis und Mutter der Inselfestungen vor Petersburg, Sperrgebiet bis 1996.
Foto: privat
Bonvivant B.Drees und 'Insel-kommandant' W. Tkachenko am Hafen von Fort Todtleben, um 1990
Alles beginnt mit der Geschichte eines Hamburger Wirts und Seebestatters, er hätte vor Jahren eine verträumte russische Insel eingefroren. Quatsch? Mehr Gespräche und Recherchen im Internet, in Bibliotheken und in Mitteldeutschland zeigen: hinter der kleinen Insel mit dem verwirrend allumfassenden Namen Totleben steckt in der Tat viel. Auch wenn sie erst 100 Jahre alt ist, und im nahen, quirligen St. Petersburg niemand diese Insel kennt. Niemand - bis auf einen mysteriösen Inselkommandanten, der Maler sein soll, und vor allem eifriger Totleben-Archivar. Die Suche nach ihm, die Verhandlung um ein Treffen mit ihm füllt die ersten Tage der Recherche in Russland im Juni 2011. Und irgendwie ist das sogar in Ordnung, denn ein russischer Inselherr, den es nicht gibt, passt zur "russischen Insel, die es nicht gibt". Passt auch zu ihrer verschlungenen, deutsch-russischen Historie. Und zusammen mit wunderbaren Petersburger Helfern öffnen sich nach und nach, in einer intensiven Hörreise, doch Türen: zur Insel, zur Festung mit ihren verwunschenen Gängen, und zum Inselkommandanten.