Grenzgänger

Andrea Diefenbach:

Andrea Diefenbach (*1974) hat 2006 ihr Studium mit der Serie SPID Aids in Odessa an der Fachhochschule Bielefeld beendet. Die Arbeit wurde bei der Plat(t)form 2007 des Fotomuseums Winterthur ausgewählt und ehrenvoll erwähnt, gewann den Wüstenrot Dokumentar Förderpreis 2007/2008 und wurde 2008 als Buch bei Hatje Cantz veröffentlicht. Es folgten Einzel- und Gruppenausstellungen, u.a. in Hamburg, Mannheim und New York. Andrea Diefenbach arbeitet für diverse Magazine, sowie 2009 und 2010 als Artist in Recidence auf Einladung des Goethe Instituts Sarajevo. 2010 wurde sie mit der Serie „LAND OHNE ELTERN“ für die Ausstellung MOVING WALLS 18 des Open Society Institute, New York, ausgewählt, sowie Finalistin beim W. Eugene Smith Award. 2012 wurde die Arbeit mit dem n-ost Reportagepreis 2012 ausgezeichnet.
Land ohne Eltern

Andrea Diefenbach beschreibt in ihrer Serie „Land ohne Eltern" die Lebenssituation von Arbeitsmigranten aus Moldawien, einem der ärmsten Länder Europas. Ihre Fotografien verdeutlichen geradezu schmerzhaft die Distanz zwischen zwei räumlich voneinander getrennten Welten: die der in der Heimat zurückgelassenen Kinder und jene der Eltern in der Ferne.

„Als ich im April 2008 in der ersten Klasse der Schule eines kleinen Dorfs im Südosten der Republik Moldau stand, wo die Lehrerin fragte, 'Wessen Eltern leben in Italien?' und etwa zwei Drittel der Kinder mit einer Mischung aus Stolz und Verlegenheit aufzeigten, war ich erschrocken. Es ist etwas völlig anderes, all die Statistiken über Arbeitsmigranten und Rücküberweisungen zu lesen, als in einem kalten Klassenraum vor 30 Sechsjährigen mit Wollmützen zu stehen und zu wissen, diese Kinder haben ihre Eltern oft seit Jahren nicht gesehen ...“

Kehrer Verlag, Oktober 2012,
124 Seiten, 73 Farbabbildungen,
Texte von Nicola Abé, Dumitru Crudu, Grigore Vieru
ISBN: 978-3-86828-337-2

Pressestimmen

„Es gibt Bücher, die sind so gut, dass sie ein schmerzhaftes Glücksgefühl verursachen. Der Fotoband „Land ohne Eltern“ von Andrea Diefenbach ist solch ein Buch. Hier stimmt alles: Das Thema, das sich unserer aktuellen Wirklichkeit stellt. Die inhaltliche und formale Umsetzung, die so überlegt und erkenntnisreich ist, dass der Band trotz der Tragödie, die er erzählt, Genuss bereitet.“

Anette Schneider, NDR Kultur

Weitere Informationen

Bildergalerie

Republik Moldau, Italien (2008 bis 2012)

Insgesamt 10 Reisen von jeweils zwei bis vier Wochen in die Republik Moldau und nach Italien, in denen die Fotografin die moldauischen Migranten in Italien und deren in Moldau zurück gebliebenen Kinder begleitet und fotografiert hat.

Rückblickend resümiert die Fotografin ihre Recherche: „Mein Hauptproblem war, die Eltern in Italien bei der Arbeit zu fotografieren. Häufig hatten die Migranten selbst nichts dagegen, haben sich sogar bei ihren Chefs dafür eingesetzt - und einmal sogar geweint, weil es nicht geklappt hat - aber die italienischen Arbeitgeber. Egal, ob es die Verwandten der alten Leute waren, der Chef in der Pizzeria oder eine Familie, wo geputzt wurde - viele haben einfach Angst, wenn sie Illegale beschäftigen, auch wenn man ihnen zusichert, dass Stadt und Ort nicht zu erkennen sein wird.

Zum Glück ist es mir dann doch bei einigen Fällen gelungen, Migranten auch während der Arbeit zu fotografieren. Das war wichtig, denn genau das ist ja der Grund für die Migration und macht den Hauptteil des Lebens der moldawischen Eltern in Italien aus.

Ansonsten gab es das Problem, dass alles wahnsinnig langsam geht und man oft versetzt wird. Aber ich glaube inzwischen, das gehört dazu - und besonders in Osteuropa. Meistens passiert dann doch irgendwas, und ziemlich oft ist es viel spannender als das, worauf man verzweifelt hingearbeitet hat.“