Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Jörn Klare:

Jörn Klare wurde 1965 in Hagen/Westfalen geboren und studierte Psychologie und Theaterwissenschaft in Berlin. Seit 1995 ist er als freier Autor für Reportage- und Feature-Redaktionen im Hörfunk der ARD und beim Deutschlandradio tätig und für verschiedene Printmedien (u.a. ZEIT, FAZ, SPIEGEL, SZ) aus mehr als 30 Ländern in den Themenbereichen Politik, Soziales, Kultur. 2008 erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis der EKD für das Radio-Feature (DLF/NDR) "Der Weltgerechtigkeitsbasar" und 2012 für "Herr Meyer fährt jetzt fern" (NDR). 2012 ist er für den Medienpreis der Kindernothilfe "Kinderrechte in der Einen Welt" mit dem Beitrag "Geld oder Leben - Krebspatienten in Moldawien" (DRadio Kultur) nominiert. Die ARD hat sein Grenzgänger-Feature "Die makellose Professionalität des Andrej Smolenskij. Vom alltäglichen Leben in Transnistrien" für den Prix Italia 2013 nominiert.
Jörn Klare lebt in Berlin.
Made in Moldavia
Vom Nierenhandel in Europa

Sergej sitzt in einem Apartment in der moldawischen Hautstadt Chişinău. Seinen Nachnamen will er nicht nennen. Der 35-jährige schwitzt und ist nervös. In wenigen Wochen will er in Italien eine seiner Nieren verkaufen. Der Deal steht fest und Sergej macht bereits eine Diät, um seinen Körper auf die Operation vorzubereiten. Etwa 15.000 Euro soll er bekommen. Das Geld braucht er für eine lebensnotwendige Herzoperation seines Vaters. Er hat Angst, dass man ihn nach der Operation nicht mehr aufwachen lässt, und wünscht sich eine offizielle, legale Vermittlung, über die er die „Transaktion“ abwickeln könnte.

Nicoale Budeanu verkaufte vor gut 12 Jahren eine seiner Nieren in der Türkei. Er bekam 2500 Dollar und erinnert sich noch gut an den Mann, der neben ihm auf den OP-Tisch lag. Er war „weiß, groß, hatte blaue Augen und Locken“. Wenn Budeanu in seinem armseligen Dorf im Westen Moldawiens davon erzählt, hat er Tränen in den Augen. Seine Gesundheit ist ruiniert. Die Feldarbeit für etwa 1,50 Euro am Tag bereitet dem 37-Jährigen große Schmerzen. Eine andere Möglichkeit seine Familie zu ernähren gibt es nicht.

Der Psychologie- Dozent Dr. Darii kennt diese Geschichten aus seinem Berufsalltag. Er erzählt von seiner Nachbarin, die ihrer kleinen Tochter eine Niere spendete. Kurz darauf starb das Kind. Bei der Obduktion stellte sich heraus, dass es nie ein neues Organ bekommen hatte. Der Arzt hatte die Niere der Mutter an jemand anderen verkauft. In 50 Jahren, glaubt Darii, wird niemand mehr fragen, ob es moralisch vertretbar ist, ein Organ zu verkaufen. „Fairness ist ein ethisches Konstrukt. Mit dem Leben der Leute hier hat das nichts zu tun. Die Regeln werden von der Ökonomie diktiert.“ Darii will „keine Tragödie daraus machen“.

Die ehemalige Sowjetrepublik Moldau liegt jenseits der EU-Grenze am Rand Europas. Die Ökonomie ist am Boden. Eine Korruption und Günstlingswirtschaft durchdringen Politik, Justiz und Polizei. Hier hat alles seinen Preis. Alles wird zur Ware.

NDR/DLF 2012
Regie: Nikolai von Koslowski
Erstausstrahlung: 21.10.2012, 11:05 Uhr (NDR Info) 
und 30.10.2012, 19:15 Uhr (Deutschlandfunk)

 

Die makellose Professionalität des Andrej Smolenskij
Vom alltäglichen Leben in Transnistrien

Das Land heißt offiziell Pridnestrowskaja Moldawskaja Respublika (PMR) und inoffiziell Transnistrien. Es liegt zwischen Moldau und der Ukraine und bietet eine gewählte Regierung, eigene Ausweise, eine eigene Währung, eine eigene Polizei, eine eigene Cognac-Fabrik und jede Menge Lenin-Büsten. Was den gut 500 000 Menschen fehlt, ist die Anerkennung von irgendeinem anderen Land auf dieser Welt. Trotzalldem ist der 27-jährige Andrej Smolenskij einer überzeugter Transnistrier. Er übersetzt und spricht die deutschen Nachrichten, die Radio PMR täglich über Kurzwelle in die weite Welt sendet. Dabei geht um die „makellose Professionalität der staatlichen Autoinspekteure“ und andere tolle Errungenschaften in diesem Land. Jörn Klare recherchierte in der transnistrischen Hauptstadt Tiraspol und geriet dabei mittenhinein in den lebendigen Alltag der Familie Smolenskij.

NDR/DLF 2013
Regie: Friederike Wigger
Sprecher: Florian Lukas
Erstausstrahlung: 04.01.2013, 20:10 Uhr (Deutschlandfunk)
und 03.02.2013, 11:05 Uhr (NDR Info)

Hörprobe

Bildergalerie

Jörn Klare reiste 2012 dreimal nach Moldau, um dort über den Nierenhandel zu recherchieren. Dabei war es vergleichsweise unproblematisch, Kontakte zu Menschen zu finden, die im Rahmen einer ersten "großen Welle" vor gut 12 Jahren eine ihrer Nieren verkauften. Die Herausforderung der Recherche bestand vor allem darin, jemanden zu sprechen, der ganz aktuell gezwungen ist, diesen Schritt zu gehen. Das gelang schließlich nach zahlreichen Versuchen nur mit guten Kontakten und viel Geduld.

Außerdem reiste Jörn Klare im Rahmen des Grenzgänger-Stipendiums nach Transnistrien. Das Ergebnis dieser Recherche ist „Die makellose Professionalität des Andrej Smolenskij. Vom alltäglichen Leben in Transnistrien“. Somit entstanden während der Grenzger-Reisen gleich zwei Radiofeatures.