Wege in einen leistungsfähigeren Bildungsföderalismus
Qualitätsentwicklung von Schule

Wege in einen leistungsfähigeren Bildungsföderalismus

Bildungsföderalismus mit Zukunft

Der Bildungsföderalismus steckt in der Krise. Nach den Verbesserungen der Bildungslandschaft und dem Leistungssprung seit PISA 2000 gerät die Politik nun an ihre Grenzen. Kita-, Ganztags- und Hochschulausbau, Inklusion und Reform der Lehrerbildung erfordern eine nationale Kraftanstrengung. Doch es fehlen Konzepte, klare Verantwortung und Geld an der richtigen Stelle. Die Hoffnungen in eine Große Koalition haben sich nicht erfüllt. Der Bildungsföderalismus leidet unter systemischen Blockaden und muss in seiner gesamten Architektur weiterentwickelt werden.

Wir brauchen zwei Dinge: praxisrelevante und evidenzbasierte Konzepte. Und Stabilität im Umfeld ständig wechselnder Minister, Mehrheiten und Meinungen. Deshalb sprechen sich die Bertelsmann Stiftung, die Deutsche Telekom Stiftung und die Robert Bosch Stiftung für einen Nationalen Bildungsrat als zentralen Baustein eines zukunftsfähigen Bildungsföderalismus aus. Er soll Experten aus Praxis und Wissenschaft sowie die politisch Verantwortlichen aus Bund, Ländern und Kommunen an einem Tisch versammeln.

Ein Nationaler Bildungsrat hätte keine direkte politische Steuerungsfunktion. Aber es würde der Politik schwer fallen, seine Impulse zu ignorieren. Denn auch die Bevölkerung weiß: Bisher fehlen einheitliche, länderübergreifende Ziele und inhaltliche Konzepte. Wie erreichen wir, dass weniger junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen? Was ist gute Ganztagsschule? Wie kann inklusiver Unterricht alle Schüler angemessen fördern? Oder, ganz aktuell: Wie wird das achtjährige Gymnasium auch im Westen zum Erfolg?

Helfen kann ein Nationaler Bildungsrat auch bei der Überwindung unklarer Verantwortlichkeiten. In den Schulen kümmern sich die Kommunen um Gebäude, Hausmeister und Sekretariate, die Länder um Lehrer und Lehrpläne. Der Bund subventioniert über Umwege den Ausbau der Ganztagsschulen, die Kantinen und die Nachhilfe. Eine stabile bildungsföderale Architektur braucht handlungsfähigere Strukturen. Im Nationalen Bildungsrat säßen zumindest alle Verantwortlichen an einem Tisch und wären durch gemeinsame Beschlüsse politisch gebunden.

Um die finanzielle Überforderung von Ländern und Kommunen zu überwinden, ist der Bund in der Pflicht. Dafür muss das Kooperationsverbot vollständig fallen oder alternativ die Umsatzsteuer nach Grundgesetz-Artikel 106 umverteilt werden. Die kürzlich vereinbarte Lockerung des Kooperationsverbots für Einzelfälle von „überregionaler Bedeutung“ im Hochschulbereich und die vollständige BAföG-Finanzierung durch den Bund reichen für die vielen neuen Aufgaben nicht aus.

Sollte es nicht gelingen, sich auf bundesweite Ziele und Konzepte, klare Zuständigkeiten sowie eine bedarfsgerechte Finanzierung zu einigen, wird der Bildungsföderalismus weiter an Vertrauen verlieren. Die Folgen spüren Kinder, Eltern, Studenten und Lehrer jeden Tag: fehlende Krippenplätze und gute Ganztagsschulen, überfüllte Hochschulen, Überforderung durch Inklusion und im G8 sowie schwierige Anerkennung von Bildungsabschlüssen über Ländergrenzen hinweg. All das kostet Bildungschancen. Deutschland kann sich das nicht länger leisten.

Kontakt

Dr. Roman Rösch                        Telefon 0711 46084-138
Bund, Länder und Kommunen in gemeinsamer Verantwortung: Wege in einen leistungsfähigeren Bildungsföderalismus

Das deutsche Bildungssystem steht vor enormen Herausforderungen:
  • Verbesserung der Schülerleistungen (siehe internationale Vergleichsstudien)
  • Herstellen von Bildungsgerechtigkeit
  • Flexibilisierung von Bildungswegen und effiziente Steuerung
  • Verbesserung der Übergänge in der Bildungskette
  • Verbesserung der Lehrerbildung
  • Quantitativer Ausbau und qualitative Ausgestaltung der frühkindlichen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen

Der Bildungsföderalismus ist heute noch nicht in der Lage, diesen Herausforderungen effizient zu begegenen. Wir haben 16 verschiedene Subsysteme, deren Resultate bisher nicht transparent sind. Die Robert Bosch Stiftung begegnet diesen Hürden in ihren bundesweiten Projekten immer wieder und hat daher in Zusammenarbeit mit der Bertelsmann Stiftung und der Deutsche Telekom Stiftung eine Runde hochrangiger Bildungsexperten eingeladen, ein Konzept für einen Nationalen Bildungsrat zu erarbeiten.

Ein Nationaler Bildungsrat nach Vorbild des Wissenschaftsrates könnte wichtige Impulse geben, um einige der benannten Herausforderungen des deutschen Bildungsföderalismus nachhaltig zu meistern. Ein solches Gremium würde bei der Definition von Zielen unterstützen und entsprechende Lösungskonzepte entwickeln, eine dafür adäquate Ressourcenausstattung und -verteilung ermitteln sowie als Ort eines kontinuierlichen Bildungsdiskurses zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis dienen.

Wichtigstes Ziel eines Nationalen Bildungsrates ist die von Parteipolitik unabhängige Erarbeitung von Empfehlungen für zentrale Fragen der deutschen Bildungspolitik entlang des Lebenslaufes und im Lichte aktueller wissenschaftlicher Befunde. Wichtig ist dabei die Anlage des Bildungsrates ohne direkte politische Steuerungsfunktion, sondern als diskursives Konsensorgan aus Vertretern von Praxis und Wissenschaft sowie – anders als beim gescheiterten Bildungsrat der 60er und 70er Jahre – Verantwortlichen aus Bund, Ländern und Kommunen. Denn für die gelingende Umsetzung der entwickelten Konzepte ist es erforderlich, dass die entsprechenden Empfehlungen von allen beteiligten Akteuren gleichermaßen getragen werden. Es ist explizit nicht Ziel des Nationalen Bildungsrates, ein deutschlandweit einheitliches Bildungssystem zu schaffen, sondern das föderale System konzeptionell zu stärken. Ein dergestalt leistungsfähiger Bildungsföderalismus macht überall in Deutschland passgenaue Bildungsangebote je nach regionaler Ausgangslage.

Als Forum vergleichsweise hoher inhaltlicher und personeller Kontinuität in einem ansonsten stark volatil geprägten Politikfeld wäre der nationale Bildungsrat ein wichtiger Impulsgeber für neue Forschungszugänge und -programme an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis und damit für die Generierung von mehr Erklärungswissen als Basis zur Ableitung entsprechenden Handlungswissens. Er sortiert die wissenschaftlichen Erkenntnisse und übersetzt diese für Politik und Praxis in fundierte Empfehlungen.

Entscheidend für einen funktionsfähigen und leistungsstarken Bildungsföderalismus ist nicht allein die Aufhebung formeller Kooperationshindernisse zwischen Bund und Ländern, sondern eine auf Transparenz, Austausch und aktuellen Forschungsbefunden basierende Bildungspolitik. Dazu würde ein Nationaler Bildungsrat einen nachhaltigen Beitrag leisten. Ein erster Schritt dorthin könnte ein zeitlich begrenzter Bildungskonvent mit klarem thematischen Auftrag sein.

Publikation

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Plädoyer für die Einrichtung eines Nationalen Bildungsrats

Kontakt

Dr. Simone Toepfer
Telefon 0711 46084-596

Bildergalerie

Fotos: Manuel Frauendorf
Prof. Jürgen Baumert, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, hielt den Impulsvortrag
Podiumsdiskussion: Föderalismus und gesamtstaatliche Verantwortung - wo stehen wir heute?
Dr. Ludwig Spaenle, Staatsminister für Unterricht und Kultus in Bayern
Die Diskussion fand in der Berliner Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung statt
In der Diskussion: Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, und Stephan Dorgerloh, Präsident der Kultusministerkonferenz
Prof. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung
Im Gespräch: Dr. Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, mit Sylvia Löhrmann (li.), Ministerin für Schule und Weiterbildung in Nordrhein-Westfahlen, und Dr. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied Bertelsmann Stiftung
Klaus Kinkel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom Stiftung, und Dr. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied Bertelsmann Stiftung
Die Teilnehmer der Eröffnungsveranstaltung der Bildungsföderalismus-Konferenz in Berlin
v.l. Klaus Kinkel, Deutsche Telekom Stiftung, Dr. Stephan Articus vom Deutschen Städtetag, Moderator Armin Himmelrath, Christoph Matschie, Kultusminister in Thüringen, Prof. Bernhard Lorentz von der Stiftung Mercator und Berlins ehemaliger Bildungssenator Jürgen E. Zöllner
Christoph Matschie, Kultusminister in Thüringen
v.l.: Prof. Erich Thies, ehemaliger Generalsekretär der KMK, Dr. Frank Mentrup, Staatssekretär für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Moderator Martin Spiewak, Annegret Kramp-Karrenbauer, Ministerpräsidentin des Saarlandes, Dr. Jörg Dräger, Bertelsmann Stiftung
Berichte zur Konferenz:

Bund, Länder und Kommunen in gemeinsamer Verantwortung: Wege in einen leistungsfähigeren Bildungsföderalismus

die am 14./15. Februar 2013 in der Robert Bosch Stiftung, Repräsentanz Berlin, Französische Straße 32 stattfand.

Die Konferenz wurde in Kooperation mit Bertelsmann Stiftung, Deutsche Telekom Stiftung, Stiftung Mercator und Vodafone Stiftung Deutschland ausgerichtet.
Bericht vom 14. Februar 2013
Berlin, 15.2.2013 - Wie steht es um den Bildungsföderalismus in Deutschland? Wie kann Schulbildung auch länderübergreifend finanziert werden - trotz Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern? Und welche Rolle kann dabei ein nationaler Bildungsrat nach dem Vorbild des Wissenschaftsrates spielen? Antworten auf diese Fragen suchte die Konferenz "Bund, Länder und Kommunen in gemeinsamer Verantwortung: Wege in einen leistungsfähigeren Föderalismus" am 14. und 15. Februar in Berlin.

Geladen hatte die Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung, der Deutschen Telekom Stiftung, der Stiftung Mercator und der Vodafone Stiftung. Unter dem Dach der Robert Bosch Stiftung hatten namhafte Wissenschaftler schon im vergangenen Jahr ein "Plädoyer für die Einrichtung eines Nationalen Bildungsrates" veröffentlicht. Einige von ihnen gehörten daneben zu dem Expertenkreis, der für die Telekom Stiftung ein Strategiepapier mit Empfehlungen für mehr Kooperation in der Bildungspolitik erarbeitet hatte.

Föderales Bildungssystem nach PISA: Pragmatismus statt Ideologie

Die Berliner Konferenz versammelte nun alles, was auf kommunaler, Länder- und Bundesebene in der Bildungswissenschaft und Bildungspolitik Rang und Namen hat. Den Anfang machte eine Klärung des Status Quo des Bildungsföderalismus. Prof. Jürgen Baumert, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, zeichnete in seinem Impulsvortrag zunächst ein durchaus positives Bild. Insbesondere die Arbeit der KMK sei nach dem Pisa-Schock von Pragmatismus und Bereitschaft zur Kooperation geprägt. Der Bildungsvergleich der Länder, aber auch die Bildungsstandards seien so erst möglich gewesen. Zugleich ließ Baumert keinen Zweifel an den bekannten Defiziten des Bildungsföderalismus. Mängel herrschen etwa bei der Integration von Zuwanderern, bei der starken Bindung von Herkunft und Bildung, oder der Vergleichbarkeit von Abschlüssen. Die "Rhetorik vom Kooperationsverbot" hält Baumert für nicht sinnvoll. "Wir brauchen keine Verfassungsdiskussion, wir brauchen eine zivilgesellschaftliche Diskussion", formulierte er seine Forderung nach einer Neuausrichtung des gesellschaftlichen Diskurses darüber, was Bildung solle. Im Klartext: Statt sich hinter Verfahrensfragen zu verschanzen, sollten alle Akteure nach pragmatischen Lösungen suchen.

Im Zweifelsfall weder Verfassungsänderung noch Staatsvertrag?

Prof. Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung betonte als Vertreterin der Wissenschaft unter anderem die fehlenden Forschungsmöglichkeiten und beklagte die großen sozialen Ungerechtigkeiten des Systems. Niemand jedoch bestritt, dass Bildung mittlerweile eine gesamtgesellschaftliche und damit auch nationale Aufgabe geworden ist und dass die Länder hierfür mehr Finanzmittel vom Bund brauchen.

Nach und nach wurde allerdings in der Runde klar, dass die eigentliche Frage - ganz im Baumertschen Sinne - gar nicht unbedingt die nach einem Staatsvertrag (zuverlässig vorgetragen von Dr. Ludwig Spaenle, Staatsminister für Unterricht und Kultus in Bayern) oder einer erneuten Verfassungsänderung (hier vertreten durch Stephan Dorgerloh, Kultusminister in Sachsen und derzeit Präsident der Kultusministerkonferenz - KMK) sei. Sondern: Wenn schon in absehbarer Zeit weder Verfassungsänderung noch Staatsvertrag in Aussicht stehen, dann solle man eben Lösungsmöglichkeiten auf anderen Ebene ausloten, wie Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung in NRW, beispielhaft forderte. Sie ließ keinen Zweifel an ihrem Interesse, zum Beispiel die Integrationshelfer vom Bund finanzieren zu lassen - das sei schließlich Sozialgesetzgebung und vom Kooperationsverbot nicht tangiert. Wenig erstaunlich, dass sich da die Vertreterin des Bundesbildungsministeriums für Bildung und Forschung BMBF, Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen, nicht aus dem Fenster hängen wollte.

Fazit: Positionen geklärt

Fazit des ersten Teils der Konferenz: Alle sind sich einig, dass die Länder Geld vom Bund benötigen, um die als gemeinsam erkannten Ziele umsetzen zu können. Unklar ist, wie das geschehen soll. Genau dieser Frage widmet sich der zweite Teil der Veranstaltung am Freitag Morgen.

Autor: Jost Burger, freier Journalist, Berlin
Bericht vom 15. Februar 2013
"Bildungsföderalismus und Finanzierung: Wie schaffen wir es, Bildung in Deutschland nachhaltig zu finanzieren?" Mit dieser Frage ging die Konferenz am Freitagmorgen in die zweite Runde. Prof. Ludger Wößmann vom ifo Institut schilderte in seinem Impulsvortrag die bildungsökonomische Perspektive.

Wößmanns Zahlen zeigten, dass zwar der Anteil der Bildungsfinanzierung durch die Länder in allen Bereichen am höchsten ist, der Bund aber wiederum am meisten profitiert: Finanzierung und Nutzen der Bildung fallen auseinander. Weiter: Internationale Vergleiche belegen einen Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Dynamik und Bildungsergebnis. Andererseits ist nicht automatisch der am besten, der am meisten in sein Bildungssystem buttert. Und noch eine Zahl belegte den Wert der Empirie: Zwischen 2000 und 2006 verbesserten sich die Bundesländer in den PISA-Tests am meisten, die beim ersten Mal "verloren" hatten. Was nichts an der Rangfolge ändert, aber zeige, dass unabhängige Vergleichstests motivieren - für Wößmann ein Beispiel für positive Effekte des Bildungswettbewerbs. Klar auch Wößmanns Forderung, Bildung zu einer nationalen Aufgabe zu machen. Dem Bund solle ermöglicht werden, stärker zu finanzieren - aber nur, wenn die Verwendung an eine bestimmte Aufgabe und eine veröffentlichte Ergebnisüberwachung gebunden ist.

Pragmatismus ist gefragt

Womit er in das Wespennest Finanzierung stieß. Die anschließende Podiumsdiskussion eröffnete Klaus Kinkel für die Deutsche Telekom Stiftung mit der Einschätzung, die Aufhebung des Kooperationsverbotes würde vieles erleichtern. Berlins ehemaliger Bildungssenator Jürgen E. Zöllner machte deutlich, wie sehr pragmatische und schnelle Lösungen gefragt seien. Die Akteure des Bildungswesens hätten aber die Chance bereits verpasst, ihre Anliegen in die Parteigremien einzubringen, die im Sommer die Positionen im Wahlkampf vorbereiten werden. Er reagierte damit auf die drängende Frage von Prof. Bernhard Lorentz von der Stiftung Mercator, was man jetzt noch tun könnte - vor allem aus Sicht der Stiftungen, denen es eher gelingt, kurzfristig Dinge umzusetzen. Christoph Matschie, Kultusminister in Thüringen, wollte allerdings nicht grundsätzlich gelten lassen, dass es in der Frage der Bildungsfinanzierung zischen Bund und Ländern keine Spielräume gebe. Beschlossene Schuldenbremse und der anstehende Bundeswahlkampf verhinderten jedoch in der Praxis die Bewegung. Dr. Stephan Articus vom Deutschen Städtetag schließlich verwies erneut auf die Möglichkeiten, über den Umweg der Sozialgesetzgebung auch Bildungsförderung durch den Bund zu ermöglichen.

Alles in allem auch dies eine Runde, in der es vor allem um den finanziellen Interessensausgleich zwischen Bund, Ländern und Kommunen ging. Bewegung brachten Publikumsmeldungen: Ein Gymnasialdirektor wollte die Diskussion in praktische Bahnen gelenkt sehen und machte deutlich, dass Bildung vor Ort in den Schulen umgesetzt werde. Andere Meldungen riefen allen Beteiligten ins Gedächtnis, dass wahrlich kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem in der deutschen Bildungspolitik bestehe.

In medias res: Der Bildungsrat

Gründe hierfür wurden im ergebnisreichen dritten Teil der Veranstaltung am späten Vormittag klar: "Pädagogische Expertise und politischer Konsens: Was bringt ein nationaler Bildungsrat?", lautete dort die Frage. Zunächst hatte Hans Ambühl von der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) Gelegenheit, die in der Umsetzung befindliche neue Bildungsverfassung der Eidgenossen vorzustellen. Zentrale Säule ist dort vor allem eine klare Verteilung von Zuständigkeiten zwischen Bund und Kantonen - auch, was die Finanzierung angeht. Finanzierungen über Umwege werden so vermieden. Das geht aber nur, wenn es zugleich bestimmte Eckwerte gibt, auf die sich alle Kantone - bei aller föderalen Vielfalt - einigen. Dazu gehört etwa ein schweizweit gleiches Schuleintrittsalter, Kernlehrpläne oder die Vergleichbarkeit beziehungsweise Anerkennung der Abschlüsse. Bund und Kantone in Gestalt der EDK sind zur Koordination und gemeinsamen Überprüfung der Zielerreichung verpflichtet. Gemeinsame Standards, gemeinsames Monitoring und klare Zuständigkeiten bei hoher kantonaler und kommunaler Autonomie - damit scheint die Schweiz schon umzusetzen, was in Deutschland noch diskutiert wird.

Viel diskutiert, und zwar vorbei an den Realitäten dessen, was Bildung leisten kann, werde in Deutschland tatsächlich, beklagte anschließend in seinem Impulsvortrag Prof. Heinz-Elmar Tenorth von der Humboldt-Universität in Berlin. Bildung werde gerade in Deutschland von der Politik traditionell als Allheilmittel zur Lösung sämtlicher gesellschaftlicher Probleme missbraucht. Damit werde jedes Reden über Bildung politisch, und die Wissenschaft verstärke das in vielen Fällen auch noch. Gerade Aussagen der Bildungsempirie seien oft einer politischen Agenda geschuldet, Korrelationen würden zu Kausalitäten erklärt. Im Kern forderte Tenorth eine Entkopplung der Bildungsdiskussion von politischer Inanspruchnahme. Verdiente Pragmatiker aus der Praxis - jedoch keine Bildungsfunktionäre! - müssten Mitsprache bekommen, und zwar in jenem Bildungsrat, um den es hier gehe. Programmatisch seine nur bedingt ironisch gemeinte Forderung: "Ein Ratschlag dieses Rates an die Politik könnte auch sein: Lasst doch einfach mal für drei Jahre die Finger von der Sache!"

Weniger Politik, mehr Inhalte

Zusammensetzung und Wirkungsmöglichkeiten eines Bildungsrates - damit war die anschließende Paneldiskussion eröffnet. Prof. Erich Thies, ehemaliger Generalsekretär der KMK und Dr. Jörg Dräger von der Bertelsmann Stiftung warben vehement für einen nationalen Bildungsrat. In Parallele zum Wissenschaftsrat sollte er von Wissenschaftlern, Politkern aus Bund und Ländern und verdienten Mitgliedern der Zivilgesellschaft und der Bildungspraxis besetzt sein. Aufgaben des Rates sollte es sein, Handlungsempfehlungen zu entwickeln, die sowohl wissenschaftlich untermauert als auch durch den Blick der Praktiker auf Tauglichkeit geprüft sind. Ein nationaler Bundesrat könne eine solche Autorität und moralische Verpflichtung entwickeln, dass kein Politiker eine Umsetzung ablehnen könne - wolle er die nächsten Wahlen gewinnen.

In diesem Spannungsfeld fand die Diskussion dann auch ihren Höhepunkt und konkrete Ausblicke. Dr. Frank Mentrup, Staatssekretär für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, bezweifelte die Notwendigkeit, neben den bestehenden Gremien - vor allem neben der KMK - noch ein weiteres zu etablieren. Jedoch eine Art Thinktank zur Beratung in Einzelthemen konnte er sich vorstellen. Doch Fragen der Finanzierung könnten auch von einem Bildungsrat nicht gelöst werden - warum sollten sich Politiker dort plötzlich einigen können, wenn das in der KMK auch nicht gelingt? Womit eröffnet war, um was es den Initiatoren des Bildungsrates im Kern geht: Weniger Politik, mehr Inhalte. Landes- und bundespolitische Machtspiele, wie sie Annegret Kramp-Karrenbauer, Ministerpräsidentin des Saarlandes, durchaus selbstkritisch aus ihrer Zeit als Bildungsministerin in der KMK berichtete, würden durch die Zusammensetzung und die Funktionsweise eines Bildungsrates zu einem Gutteil verhindert. Darauf setzte nicht nur Kramp-Karrenbauer in einem engagierten Plädoyer, die sich damit als klare Befürworterin eines Bildungsrates erwies. Auch Dräger und Thies wiesen abschließend noch einmal klar auf die essenziellen Besonderheiten des vorgeschlagenen Bildungsrates hin. Nicht nur würde eine Konsenspflicht zu tragbaren Ergebnissen führen. Auch der zweistufige Verständigungsprozess - Wissenschaftsvertreter bereiten Ansätze vor, die dann im Plenum besprochen werden - verhindere Hinterzimmerpolitik und sorge vor allem für eine ganz andere, offenere und inhaltlich tiefere Gesprächskultur. Und nicht zuletzt könne ein nicht ständig in das politische Tagesgeschäft involvierter Bildungsrat auch für die so oft vermisste Kontinuität in Bildungsangelegenheiten sorgen, so das Plädoyer.

Stiftungen nehmen sich weiterhin der Entwicklung des Bildungsföderalismus an

Weniger Politik, mehr Inhalte - auch eine andere Formel für den von allen gewünschten Pragmatismus. Den nannte Dr. Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, in ihrem Schlusswort als einen der zentralen Erkenntnispunkte der Veranstaltung. Gezeigt habe sich auch, dass die Möglichkeiten der Bundesfinanzierung unterhalb einer Verfassungsänderung durchaus gegeben sind - und sei es als vorläufiger Schritt in eine solche Richtung, dürfte mancher Diskutant für sich hinzugefügt haben. Es brauche aber eine Zweckbindung der Gelder, und man brauche Zielvorgaben und eine gemeinsame Ergebnisüberprüfung. Kommunen und Schulen müssten in die föderalen Bildungsanstrengungen stärker eingebunden werden, ebenso wie die Hochschulen in punkto Lehrerausbildung. Bei alldem könnte dem Bildungsrat eine stabilisierende und im besten Sinne beratende und geleitende Funktion zukommen. "Die Stiftungen werden sich der Entwicklung des Bildungsföderalismus weiter annehmen und aus den Erfahrungen ihrer Projekte konstruktive Impulse geben", so Hamm abschließend. Bleibt anzumerken: Denn auch nach der Bundestagswahl soll es neben der Politik um Inhalte gehen.

Autor: Jost Burger, freier Journalist, Berlin

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Kontakt

Heike Kühlewein
Telefon 0711 46084-687
Telefax 0711 46084-10687

Dokumentation

Prof. Dr. Jürgen Baumert, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, hielt am 14.02.2013 den Impulsvortrag "Bildungsföderalismus und gesamtstaatliche Verantwortung - Wo stehen wir heute?". Sie finden den Vortrag hier zum Lesen und Hören:
Prof. Dr. Ludger Wößmann, ifo Institut für Wirtschaftsforschung, hielt am 15.02.2013 den Impulsvortrag "Bildungsföderalismus und Finanzierung".
Hans Ambühl, Generalsekretär der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, hielt am 15.02.2013 den Impulsvortrag "Pädagogische Expertise und politischer Konsens:
Was bringt ein nationaler Bildungsrat?"
Prof. em. Dr. Heinz-Elmar Tenorth, Humboldt-Universität zu Berlin, hielt am 15.02.2013 den Impulsvortrag "Pädagogische Expertise und politischer Konsens:
Was bringt ein nationaler Bildungsrat?"