Medien und Politik: Die ungleichen Brüder

Theo Sommer hält Stiftungsvortrag der Robert Bosch Stiftung

"Die Sache des Politikers ist das Sich-Bemächtigen", die Sache des Journalisten hingegen das "Begreifen, das die-Dinge-auf-den-Begriff-bringen" - diesen fundamentalen Wesensunterschied der ungleichen Brüder stellte Theo Sommer gleich zu Beginn seines Vortrags heraus. Und damit das Wechselspiel zwischen den Mächtigen und ihren Kontrolleuren funktioniert, müssen Journalisten "die Freiheit haben, alles zu sagen - damit die Politiker nicht die Freiheit haben, alles zu tun."

Das sei jedoch kein Freibrief für Auswüchse wie den von Sommer kritisierten Inszenierungs-, oder Scheckbuchjournalismus: "Unser Einfluss reicht nur so weit wie unsere Überzeugungskraft". Diese speist sich aus dem Anstand der Presse und ihrem staatsbürgerlichen Engagement, nicht aus der "Grellheit unserer Schlagzeilen" oder gar der "Durchsetzungskraft unserer Ellenbogen." Theo Sommers Sorge galt vor allem der Zukunft des Printjournalismus: Weniger Leser, schwindende Auflagen - die Printbranche habe durch die Verbreitung des Internets eine "digitale Durststrecke" vor sich. Gleichwohl könne man mit Qualitätsjournalismus dieser Entwicklung gegensteuern.

Zurückhaltend bewertete Sommer die Rolle des Internets in politischen Prozessen: "Politik ist mehr, als bloß in Augenblickslaune auf den Gefällt-mir-Button oder den Gefällt-mir-nicht-Button zu drücken und von Empörungswelle zu Empörungswelle zu surfen. Sie verlangt dauerhaftes Engagement." Über Politik verlässlich und ausgewogen zu berichten, bleibt deshalb Aufgabe der Medien. Denn, so Sommer, "Journalismus ist Dienst an der Öffentlichkeit." Und auch wenn manche Journalisten zu Skrupellosigkeit, Anmaßung oder Anpassung neigten, "brauchen wir uns des Dienstes nicht zu schämen, den wir der Gesellschaft, dem Gemeinwesen leisten."

(Julia Rommel, Juli 2012)
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Audio: Dr. Theo Sommer

Vortrag "Medien und Politik: Die ungleichen Brüder", gehalten von Dr. Theo Sommer, Editor-at-Large Die ZEIT, am Mittwoch, 4. Juli 2012, Alte Stuttgarter Reithalle. Mit einer Einführung von Dieter Berg, Geschäftsführer der Robert Bosch Stiftung.

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Fotos: Wilhelm Mierendorf
Dr. Theo Sommer begann seine journalistische Laufbahn nach dem Studium der Geschichts- und Politikwissenschaft sowie International Relations, u.a. in den USA, Schweden und Tübingen, bei der Rems-Zeitung in Schwäbisch Gmünd. Seit 1958 ist sein Name mit der ZEIT verbunden, deren Chefredakteur er zwanzig Jahre lang war. Von 1993 bis 2000 fungierte er als Herausgeber der ZEIT und vertritt sie seither als Editor-at-Large. Unter Helmut Schmidt leitete er zwei Jahre den Planungsstab im Bundesministerium für Verteidigung.