Grenzgänger

Burkhard Spinnen:

Geboren 1956. Studium der Germanistik, Magisterprüfung 1984, Promotion über Kurze Prosa 1989. Bis 1995 wissenschaftlicher Assistent am Germanistischen Institut der Universität Münster; seitdem freier Schriftsteller. 1998-2000 Vertreter einer Professur für Literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2000-2006 Juror beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt, seit 2008 Vorsitzender der Jury. Mitglied des deutschen PEN und der Akademie der Wissenschaften und Künste NRW. Lebt in Münster, verheiratet, zwei Söhne.
Nevena

Henner hat seine Frau an den Krebs verloren. Und seinen Sohn an ein Computerspiel. Patrick, siebzehn Jahre alt, sieht das ganz anders. Seit Monaten verbringt seine Zornelfe jede freie Minute mit Mr. Smith, dem Barbar. Zusammen sind sie ein unschlagbares Team geworden. Mr. Smith ist Nevena, ein siebzehnjähriges Mädchen, das angeblich in Belgrad lebt. Sie ist frech und quirlig, außerdem Kummerkasten und guter Geist ihrer leicht verrückten Großfamilie. In Hunderten von Mails erzählt sie Patrick von einer Welt, aus der ihn der Tod der Mutter vertrieben hat.

Als Nevena von einem Tag auf den anderen aus dem Spiel und aus dem Netz verschwindet, ist Patrick verzweifelt. Über die wirkliche Nevena weiß er nur wenig, er kennt nicht einmal ihre Adresse. Da bietet ihm Henner an, Nevena gemeinsam zu suchen. Im Wohnmobil der Mutter unternehmen sie eine Reise, die durch die schreckliche Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens führt, aber auch eine spannende Reise zur eigenen Identität wird.

"'Couple Quest' ist als Begriff ein Schlüssel zu diesem Roman - für Vater und Sohn genauso wie für den Sohn und Nevena. Behutsam tastet die Geschichte sich im analogen wie im digitalen Reich voran, spielt die beiden nicht gegeneinander aus, sondern verschränkt sie bis ins kleinste Detail und hält sich mit hysterischen Thesen zur Schädlichkeit von Computerspielen nicht auf." Michael Schmitt, Süddeutsche Zeitung, 09.10.2012

Roman
384 Seiten
Schöffling Verlag 2012
ISBN: 978-3-89561-044-8

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Rundreise v.a. durch Kroatien und Bosnien-Herzegowina für zwei Wochen im September 2010

Der Ort stellt die Fragen – Über eine Recherche-Reise nach Bosnien-Herzegowina

Wir stehen am Ufer der Neretva, just unterhalb der berühmten Brücke Stari Most. Es ist Mitte September, wir stehen in einem Pulk von Touristen. Da oben, knapp 20 Meter Richtung Himmel, steht ein junger Mann auf dem steinernen Geländer der Brücke. Er wird gleich herunter springen. Und deshalb sind wir hier; darauf warten wir. Der Mann da oben wird aber erst springen, wenn er sich dafür ausreichend bezahlt fühlt. Tatsächlich geht jemand hinter seinem Rücken auf und ab und sammelt Geld ein. Den Mann, der mir das erklärt, in fließendem Deutsch mit einem bosnisch-rheinischem Einschlag, bezahle wiederum ich für seine Erklärungen. Indem wir eine halbe Stunde hier stehen, sehen wir viel Geld seinen Besitzer wechseln. Aber es sind kleine Summen, und die Ware, um die es geht: der Sprung in die Neretva, der kurze Nervenkitzel – sie ist schon das prominenteste Gut der Stadt Mostar, das sie an Fremde zu verkaufen hat. All dies gibt zu denken.

Und? Muss man, um derart ans Denken zu kommen, unter der Brücke gestanden haben? Alles über Mostar, die im Bosnien-Krieg zweigeteilte Stadt, alles über die zerstörte und mit internationaler Hilfe wieder aufgebaute Brücke kann ich im Internet lesen. Stundenlang kann ich die jungen Männer auf Youtube springen sehen. Unübersehbar ist die Menge der Informationen zur ökonomischen Überlebensfähigkeit der politischen Konstruktion Bosnien-Herzegowina. Ich wiederhole die Frage: Muss man unter der Brücke gestanden haben?

Das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung hat es mir im letzten Spätsommer ermöglicht, eine zweiwöchige Rundreise durch Kroatien und Bosnien zu unternehmen. Ich bin zusammen mit meinem Sohn in einem gemieteten Wohnmobil genau die Route abgefahren, auf der in einem Roman, an dem ich jetzt schreibe, die beiden Hauptfiguren unversehens in ein ihnen vollkommen fremdes Land geraten. (Warum sie das tun, verrate ich hier natürlich nicht!) Doch während ich in dieser Zeit beständig, wie sagt man: Eindrücke gesammelt habe, musste ich mich auch immer fragen: Welcher Art sind diese Eindrücke, dass du sie nicht auch von zu Hause aus, preiswerter und unaufwändiger, hättest gewinnen können?

Ich will nun keine Theorie der Recherche-Reise entwerfen – und letztlich ist es wahrscheinlich eine Binsenweisheit, wenn ich als erstes sage: Alle Fragen, die du stellen kannst, beantwortet dir das Netz. An den Ort aber fährst du, um neue Fragen kennenzulernen. Ein Beispiel? Bitte.

Natürlich hatte ich mich im Vorhinein eingehend mit dem Zerfall des Staates Jugoslawien und der Geschichte wie auch der Gegenwart der Folgestaaten befasst. In Bosnien-Herzegowina standen nun im letzten Herbst gerade Parlamentswahlen an; ich wusste ungefähr, worum es ging, was vom Ausgang der Wahlen zu erwarten und was sicher nicht zu erwarten war. Was mich dann, als wir die Landesgrenze überfuhren, aber sofort ansprang, oder ansah, das waren die Gesichter der Kandidaten auf den Wahlplakaten. Das waren Gesichtsausdrücke, wie man sie auf den Wahlplakaten, an die ich gewöhnt bin, nicht zu sehen bekommt. Lauter Gesichter, die offenbar noch nicht damit vertraut sind, über den individuellen Ausdruck zu kommunizieren. Ich sah ihnen an, dass sie, als die Kamera auf sie gerichtet wurde, mehr oder minder unbewusst einer Staats- und Politikvorstellung ihr Gesicht gaben, die noch wenig von den Eigenheiten der westlichen Demokratie hat – obwohl auch Bosnien de jure ein demokratischer Staat nach westlichem Muster ist.

Ich gehe nicht so weit zu sagen, dass die Mienen auf den Wahlplakaten mir alles über die bosnische Politik sagten. Aber eine Romanfigur kann ich vor einem solchen Plakat ganz anders Erfahrungen machen lassen, als wenn ich sie mit Konstruktionen konfrontiere, die ich aus dem Wissen gestalte, das ich mir lesend erworben habe.

Die Fragen stellt der Ort. Literatur, die (natürlich nur aus guten Gründen) anderswo spielt, sollte sich dieses Anderswo nicht zusammenbaedeckern, sondern es als Resultat einer Herausforderung entstehen lassen. Der Herausforderung, im Zeitalter der totalen Information Fremdheit und Eigenheit überhaupt noch wahrzunehmen. Ein weiteres Beispiel? Gerne.

Man kann nach Sarajewo fliegen. Das spart Zeit. Oder man kann, wie wir es getan haben, auf einem sehr langen, gewundenen Weg dorthin fahren und später in einer Tour, die nur von den nötigsten Ruhepausen am Straßenrand unterbrochen wurde, wieder zurückfahren. Angekommen, wusste ich zweimal, wie weit dieser Kernort einer fortwährenden europäischen Unruhe eigentlich von meinem Wohnort entfernt ist. Zum Beispiel weniger weit als unser Ferienort in Südfrankreich!

Die Fragen stellt der Ort. So sind wir auch mehrmals auf unserer Reise in Kapitel des Romans gestolpert, die es vorher gar nicht gegeben hatte. Nach Opatija, wo das Mittelmeerufer noch seine k.u.k. Vergangenheit zeigt. Nach Medjugorje, wo, knapp an der Grenze zwischen christlichen und muslimischen Lebensräumen, ein seltsam inoffizieller Wallfahrtsort einen spirituell-kämpferischen Katholizismus birgt, der mich, immerhin gelernter rheinischer Katholik, zutiefst erschütterte und beunruhigte. Ein Zufall führte uns auch in das parkähnliche Mahnmal für die Toten des Partisanenkrieges, das in Mostar trotz konservatorischer Anstrengungen ebenso verkommt wie die Erinnerung an die jugoslawische Konstruktion vom Zusammenleben auf dem Fundament gemeinsamer politischer Überzeugungen.

Oder dieses Foto, zu dem mir später, in der Sache ein Irrtum, der Karl-May-Titel „In den Schluchten des Balkan“ einfiel. Mein Sohn hat es vom Beifahrersitz aus gemacht, als wir am Ufer der Neretva entlang von Mostar Richtung Sarajewo fuhren. Die Neretva ist ein nicht schiffbarer Fluss. Mal reißendes, schmales Gewässer, mal stiller, lang gezogener See zwischen dicht bewaldeten Felsen und mal Stausee, der die Turbinen in einem Kraftwerk antreibt. Ein Fluss zum Angeln, für die Fischzucht. Kein Platz, um daran zu siedeln, keine „Ader“ wie der Rhein und dennoch ein Fluss, der das Fortkommen ermöglicht, abenteuerlich von Brücken überspannt, während Straßen und Schienen sich an die Hänge drücken. Einem solchen Fluss muss man eine Stunde oder mehr gefolgt sein, damit er in einem bestimmten Kontext zur Metapher für eine ganze Region werden kann.

Ich könnte weitere Beispiele reihen. Nur eines noch, das Gesicht des Friedens in Mostar: Ein halbfertiger Neubau umschließt und überwölbt eine Ruine, aus der dichtes Grün wächst. Man kann daran zehn Mal vorbeilaufen, ohne es zu bemerken. Dann erkennt man es, und sieht die Katastrophe. Ungelöste Fragen des Besitzes und eine längst nicht vollzogene, weil nie sauber oder gar schmerzlos zu vollziehende Trennung der Volksgruppen prägt das Gesicht des herrschenden Friedens. Ein Text, der hier „spielt“ und mit dieser Stadt als Metapher für misslingende Identität arbeitet, braucht solche Details, um nicht an seinen trockenen Absichten zu ersticken.

Von großer Bedeutung war für mich auch, dass ich viele Erfahrungen im Dialog machen konnte. Mein Sohn begleitete mich, als Fachmann für moderne Internetkommunikation (was im Buch eine Rolle spielt) und als Angehöriger einer Generation, für die auch der Jugoslawien-Krieg bereits zur eigenen Vor-Geschichte gehört. Mit ihm an der Seite und im Gespräch mit ihm konnte ich andere „Haltungen“ als die meinen zur Historie erfahren. Zudem war er ein glänzender Gesprächspartner, wenn es darum ging, vor Ort die jüngeren Charaktere meines geplanten Buches aus der abstrakten Konstruktion in eine (literarische) Körperlichkeit zu überführen.

Ich danke auch von hier aus noch einmal der Robert Bosch Stiftung. Nicht nur für die Mittel zu dieser Reise, sondern schon für den Anreiz dazu. Wenn schon „entdecken“ von der Werbung zu einem Synonym für „einkaufen“ gemacht worden ist, neigt man noch leichter zu der Ansicht, in Wahrheit gebe es gar nichts mehr zu entdecken, das den körperlichen Aufwand dazu lohnte. Google und Youtube nicken dazu. Ich bin über die Maßen froh, das Gegenteil erfahren zu haben.