Grenzgänger

Christine Hamel:

Christine Hamel studierte Politologie, Germanistik, Italianistik und "Russisch für Nicht-Slawisten" in Florenz, London und München. Sie arbeitet als Autorin und Moderatorin für den Bayerischen Rundfunk in München. Seit 1990 ist der Fokus ihrer journalistischen Arbeit vor allem auf Russland gerichtet, wo sie zahlreiche Features und Reportagen für die ARD und den Deutschlandfunk realisierte. Zudem schrieb Christine Hamel verschiedene Bücher über Russland, darunter einen Kunst-Reiseführer (DuMont, 5. Aufl. 2011), eine Biografie zu Fjodor Dostojewskij (dtv 2003) und zwei Reportagebände über Moskau und St. Petersburg. (Picus-Verlag 2003, 2004). 2012 kuratierte sie in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Kunstministerium und dem Goethe-Institut Moskau einen deutsch-russischen Schriftstelleraustausch.
Wenn die Chinesen kommen ...
Erkundungen an der längsten Grenze der Welt

Das Dreiländerspiel: Dürfte China sein, müsste Nord-Korea sein, ist ganz sicher Russland, da wo ich bin. Vor der Perestroika war Russlands Ferner Osten in weiten Teilen geschlossenes Gebiet. Man brauchte eine Sondergenehmigung, um die Region zu bereisen. Der Kreml ließ sich die Sicherung seiner Grenzgebiete Millionen kosten und sorgte für ein ökonomisch sorgenfreies Leben. Seit dem Kollaps der Sowjetunion haben indes Millionen Menschen ihre Heimat verlassen. Sie fühlen sich von Moskau vergessen, die Industrie ist weitgehend zusammen gebrochen, es gibt keine Arbeit und keine Perspektive, das Klima ist unwirtlich, Europa, dem sich die Russen nachdrücklich zugehörig fühlen, liegt in weiter, für viele unerreichbarer Ferne. Aus den chinesischen Nordostprovinzen indes ziehen immer mehr Menschen zu, genaue Zahlen gibt es nicht, was zu blumigen Spekulationen führt. "Sie sind uns fremd, aber wir brauchen sie" - so fasst ein Professor aus Chabarowsk eine in Russisch-Fernost weit verbreitete Haltung gegenüber den Nachbarn in Worte.

Das Feature nimmt das gemischte Doppel von Russen und Chinesen in Augenschein, es fragt nach dem Zusammenleben der beiden Kulturen, beobachtet, wo sich Russen und Chinesen treffen und wo sie sich fremd bleiben. Im Zentrum steht dabei ein russisch-chinesisches Paar, das über alle Vorurteile, Stereotypisierungen und kulturellen Unterschiede hinweg glücklich und voneinander nachhaltig fasziniert ist. Der russisch-chinesische Alltag wird vor dem Hintergrund der politischen Interessen beider Länder dargestellt, die eine multipolare Weltordnung favorisieren und sich gegen amerikanische Hegemonialansprüche in der Pazifikregion wehren.

Ein Hörbild, das eine Region porträtiert, in der sich zwei sehr unterschiedliche, in vielerlei Hinsicht aufeinander angewiesene Nachbarn treffen. Die Autorin ist für ihre Recherche drei Wochen an der 3645 Kilometer langen russisch-chinesischen Grenze entlang gefahren, die die längste militarisierte Grenze der Welt ist.

BR Radiofeature 
Regie: Christine Hamel und Helga Montag
Redaktion: Helga Montag
Ton und Technik: Regine Elbers
Produktion: BR2 2012
Länge: 55:00
Erstausstrahlung: 12.05.2012, 13:05 bis 14:00 Uhr
Wiederholung: 13.05.2012, 21:03 bis 22:00 Uhr

Es sprechen: Wiebke Puls, Christoph Jablonka, Michael Tregor, Rainer Bock, Helmut Stange, Werner Härtl, Anne Schäfer, Laura Maire, Johannes Hitzelberger, Peter Veit, Tobias Lelle

 

Kulissenschieberei am Pazifik
Wladiwostok vor dem APEC-Gipfel

Der Ferne Osten ist so etwas wie Russlands Hinterhof. Millionen Menschen haben die Region seit dem Kollaps der Sowjetunion verlassen, die Industrie ist weitgehend zusammengebrochen, es gibt keine Arbeit, keine Perspektive, das Klima ist rau. Die Stimmung ist schlecht bis verzweifelt an Russlands Rand in Fernost. Eine Region, die Moskau Kopfzerbrechen bereitet. Eine Region auch, in die immer mehr Chinesen einwandern und Geschäfte betreiben. Voller Sorge beobachten russische Politiker die Entwicklungen am Pazifik und bangen um Russlands territoriale Einheit.
Ein mächtiges Zeichen nationaler Selbstbehauptung sollte die APEC-Konferenz sein, die im September 2012 in Wladiwostok stattfand und die ganze Region aufwerten soll. Der Gipfel des asiatisch-pazifischen Wirtschaftsforums - eine riesige PR-Maschine, in die Moskau 16 Milliarden Euro gepumpt hat. Zwei Jahre war in Wladiwostok und auf der Russkij-Insel der Bau. Ein milliardenschweres Verschönerungsprogramm. Über den östlichen Bosporus wurde die längste Schrägseilbrücke der Welt gespannt, doch die Bewohner Wladiwostoks meinen, sie schwinge sich an den Anforderungen der Stadt in weitem Bogen vorbei. Die Reportage berichtet von den Anstrengungen des Kreml, einer Region wieder Leben einzuhauchen. Und sie holt die Stimmen der Menschen ein, die sich vergessen und verlassen fühlen und hinter aller offiziellen Betriebsamkeit strategische und politische Interessen ausmachen, von denen sie selbst nicht profitieren.

BR Nahaufnahme
Regie: Christine Hamel
Redaktion: Heinz Gorr
Produktion: BR2 2012
Länge: 27:30
Erstausstrahlung: 07.09.2012

Es sprechen: Christine Hamel, Peter Weiß, Sabine Kastius, Johannes Hitzelberger, Jerzy May, Jennifer Güzel

Bildergalerie

Drei Wochen war ich in Russlands Fernem Osten und im Nordosten Chinas unterwegs. Es ist ein riesiges Gebiet und zu Beginn meiner Reise hatten die Entfernungen fast einschüchternde Wirkung. Eine genaue Planung war kaum möglich, da es wenig gute Straßen gibt und man nie abschätzen konnte, wie viel Zeit eine Fahrt in Anspruch nehmen würde. 200 Kilometer konnten einen ganzen Tag dauern. Die fehlende Planungssicherheit hat für eine große Offenheit gesorgt, es gab eine grobe Richtung, aber alles andere musste sich so oder anders ergeben.

Auftakt der Reise war Wladiwostok, wo ich nach einem russisch-chinesischen Paar gesucht habe, das ich ins Zentrum meines Features stellen wollte. Ich hatte bereits aus Deutschland Kontakt zu einer Journalistin aufgenommen, die mir bei der Suche geholfen hat.

Nina kannte auch einen Fahrer, der mich zum Dreiländereck Russland-Nordkorea-China begleiten konnte. Sergej und ich brachen in den frühen Morgenstunden auf und fuhren einen ganzen Tag lang durch leicht gewellte Hügellandschaften bis an die Grenze zu China und Nordkorea. Unterwegs sammelte ich Bilder, Eindrücke, Stimmen und Geräusche. Außer den Siedlungen für die Familien der Grenzer gab es keine Orte, wir waren in menschenleerer Gegend unterwegs.

Für größere Entfernungen wie etwa von Wladiwostok nach Chabarowsk oder nach Blagoweschtschensk nahm ich den Nachtzug. Noch fast ein jeder, mit dem ich auf diesen Fahrten ins Gespräch kam, erzählte, wie teuer, beschwerlich und trostlos das Leben im Fernen Osten sei. Es waren gerade Präsidentschaftswahlen und ich traf auf meiner Reise niemanden, der für Putin stimmen wollte. Die Menschen sind sehr empört über die Politik des Kreml, der sie in ihren Augen vergessen hat. Ohne Chinesen, das hörte man oft, gäbe es kein Überleben im Fernen Osten.

Andererseits fühlen sich viele Menschen dem dynamischen Wirtschaften der Chinesen unterlegen und hilflos ausgeliefert. Das Gespräch mit Russen stellte sich meist ohne große Mühe ein, Chinesen indes gaben sich oft abwehrend, wenn sie das Mikrophon sahen. Die Chinesen beherrschen die Märkte im Fernen Osten, sie sind vor allem Kleinhändler, aber auch Waldarbeiter oder Bauarbeiter. Die meisten verstehen ein paar Worte Russisch, wenige sprechen die Sprache. In den größeren Städten suchte ich mir immer wieder Fahrer, mit denen ich zur Grenze aufbrach. Viele kleine Orte sind nahezu verlassen; zu Sowjetzeiten lebten Armeeangehörige in dieser Gegend, die heute längst weggezogen sind. Der Grenzübertritt war schließlich in Blagoweschtschensk möglich und in Heiho, auf der anderen Seite des Amur, war plötzlicher Westen im Nordosten Chinas. Heiho ist eine Grenzstadt, die sich ganz auf die Bedürfnisse der Russen eingestellt hat, es gibt Geschäfte, Supermärkte und Restaurants im Überfluss. Mit dem Bus bin ich dann durch die Mandschurei bis nach Harbin gefahren, eine in ihrem architektonischen Kern noch russisch geprägte Stadt. Gesprächspartner fand ich an der Universität, an der viele Russen Chinesisch studieren.