Grenzgänger

Daniela Dröscher:

Daniela Dröscher, 1977 in München geboren, aufgewachsen in Rheinland-Pfalz, lebt in Berlin. Sie schreibt Prosa, Essay und Theatertexte. Nach einem Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie in Trier und London studierte sie „Szenisches Schreiben“ in Graz. 2008 war sie Stipendiatin der „Autorenwerkstatt Prosa“ des LCB; 2009 erschien das Debüt Die Lichter des George Psalmanazar im Berlin Verlag. Für ihre Arbeiten erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien, u.a. 2009 den Anna-Seghers-Preis, 2011 den Bayern-2-Preis der Münchner „Wortspiele“ sowie 2012 den Koblenzer Literaturpreis.
Pola

Weihnachten 1934 fährt die Stummfilm-Diva Pola Negri in einem Viehwagen Richtung New York. Dort wartet ein Schiff, das die gebürtige Polin zurück nach Deutschland bringen wird. Sie hofft auf ihr Comeback. Doch beginnt sich ihre meisterhaft erschwindelte Lebensgeschichte unter den neuen Machthabern zu rächen. Das Leben im Rampenlicht hat seinen Preis. Ihren Zigeunervater, die ärmliche Herkunft und ein dramatisches Ereignis aus Kindertagen versucht Pola ebenso zu verschleiern, wie ihre Liebe zu einem sehr viel jüngeren Mann. Bald auch wird sie von dem Gerücht erdrückt, wer sich da in einsamem Nächten ihre Filme anschaut …

Das junge Kino ist die Geburtsstunde der modernen Femme fatale: Strahlende Stars werden zu Idolen, verehrt wie einst Madonnenbilder. Ihre neu gewonnene Freizügigkeit setzt Konventionen außer Kraft und bedient zugleich die Lust an ihren Körpern.

Dass Pola Negri am Ende selbst nicht mehr wusste, welche ihrer vielen Gesichter Ausdruck ihrer Passion waren, und welche nur ihrer Karriere dienten, nutzt der Roman, um eine der abenteuerlichsten Figuren des Stummfilms lebendig werden zu lassen. Pola ist die Geschichte einer modernen Frau, die für ihre Karriere zu weit ging – und an ihrem Glück immer zielsicher vorbei.

Roman
304 Seiten
Berlin Verlag 2012
ISBN: 382701106X
Polen, Juli bis September 2010

Kaum einer kennt mehr ihre Filme oder auch nur ihren Namen: einzig ihr weißes Gesicht mit den großen, schwarz geschminkten Augen ist als Ikone des Stummfilms unvergessen.

Ich bin nicht sicher, was Pola Negri dazu sagen würde, wenn sie wüsste, dass kaum mehr als eine Großaufnahme von ihr geblieben, sie also gewissermaßen als eine Enthauptete in die Geschichte eingegangen ist – enthauptet wie ebenjene „Madame Dubarry“, die sie 1919 mit Ernst Lubitsch drehte, und mit der sie einst zu Weltruhm gelangte.

Wahrscheinlich würde sie darüber lachen. Die “Queen of Tragedy“ war eben so sehr auch eine “Queen of Comedy“ – in ihren Filmen mehr noch als in ihrem Leben vielleicht. Für mich ist sie v.a. eines: einer der ersten weiblichen Clowns der Filmgeschichte.

Wer oder was entscheidet über das, was ‚bleibt’ von einem Leben? Wer oder was wird wie erinnert, was vergessen?
Pola Negri zelebrierte zeitlebens ihr Image als geheimnisumwitterte Femme fatale. Es erstaunt deshalb auch nicht, dass ihre Autobiographie “Memoirs of a star“ exzentrische Anekdoten, dramatische Ohnmachten und feurige Affären anhäuft. Um ihren Namen in den Walk of Fame, und damit in das Gedächtnis der Filmwelt eingemeißelt zu sehen, scheute sie sich nicht vor übertriebenen Darstellungen, die andere dann als ‚Lügen’ geißeln konnten.

Wie begegnet man nun, schreibend, dieser großen Selbsterfinderin und ihrer Lust an der Lüge? (Zeitgenossen galt sie schlichtweg als “Hollywood’s biggest liar“...). Wie und was erzählt man von einer Figur, deren Leben selbst schon ein Roman zu sein schien?

Als ich anfing, über Pola Negri zu recherchieren, sind mir schnell die Widersprüche und Auslassungen in ihrer Geschichtsschreibung vor Augen getreten. Doch war für mich nicht die Frage „Wahrheit oder Lüge?“ entscheidend. Als Erzählerin interessierte mich viel mehr, welche Geschichte es ist, die Pola Negri in ihren Memoiren erzählt und diese Geschichte ernst zu nehmen.

Pola Negris Geschichte ist die Geschichte einer Schauspielerin, die aus großer Armut zu Weltruhm aufsteigt, und allen Rückschlägen zum Trotz unbeirrt an ihrem Starstatus festhält. Die dem Ruhm ihr Leben opfert, und das, obwohl sie weiß, dass Ruhm sie nicht glücklich macht, und sich mitunter sogar über die Lächerlichkeit ihres Strebens zu amüsieren scheint.

Diese tragikomische Geschichte ihres Willens zum Ruhm – die Rolle ihres eigenen Lebens, wenn man so will – wollte ich Pola Negri auf den Leib schreiben: eine Geschichte, die ihren unnachahmlichen Humor einfängt, sich aber auch vor Pathos und Hollywoodglamour nicht scheut – und auch nicht davor, Fiktionen einzubauen, also „wahrhaftigere Lügen“ für sie zu erfinden.

Natürlich aber sollte diese Geschichte nicht losgelöst von biographischen Fakten erzählt werden. Vielmehr musste ich in ihrer Biographie einen Moment ausfindig machen, der es mir möglich machte, diesen Ruhmeswillen im Scheinwerferlicht sehen.

Um diesen Moment aufzuspüren, galt es zunächst, so viel wie möglich über sie in Erfahrung zu bringen, und ich empfand es als ein großes Abenteuer, in diesen Fundus der Geschichte einzutauchen.

Die Einsatzstelle für meinen Roman habe ich schließlich im Jahr 1935 entdeckt, als Pola Negri zu einem Zeitpunkt, an dem so viele andere bereits aus NS-Deutschland in die USA emigriert waren, den umgekehrten Weg einschlägt und nach Berlin zurückkehrt.

Dieser Umstand ließ mich nicht mehr los. Ich wusste, dass Ort und Zeit für meine Romanhandlung richtig sind, empfand aber sofort eine große Scheu, auch weil ich wusste, dass meine clowneske Diva bei ihrem Weg durch
dieses dunkle, hochkomplexe und von Widersprüchen geprägte Jahr der deutschen Geschichte ihre eigenwilligen, ‚unpolitischen’ Maßstäbe im Gepäck haben würde – die Kategorien einer Diva eben.

Und tatsächlich: nach einer Vielzahl von Filmsichtungen, Materialstudien und Archivbesuchen begann sich meine Figur irgendwann in dem historisch-kritischen (und vollkommen humorfreien) Kleid, das ich ihr übergestreift hatte, zu langweilen. Mein Blick war ‚zu deutsch’. Pola gab mir Widerworte, beanspruchte ein seltsames Eigenleben und wollte doch nicht recht lebendig werden. Etwas an ihr drängte über den Rand meines Schreibtischs in das Hier & Heute hinaus.

Mit den Kapiteln beschäftigt, die in ihrer Kindheit spielen sollten, fiel mir plötzlich auf, dass Pola Negri, diese moderne Frau, die in fünf Sprachen und an vielen Orten der Welt zu Hause war, zeitlebens ein sehr nostalgisches, fast wehmütiges Verhältnis zu ihrem Heimatland Polen hatte. Mir kam der Gedanke, dass meine Figur womöglich an so einem altmodischen Gefühl wie „Heimweh“ leiden könnte – und dass ich selbst als ihre Erzählerin womöglich dringend diese kulturelle Differenz im Auge bräuchte.

Ich bin deshalb nach Warschau gereist, dorthin, wo Pola Negri ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Ich hatte mir vorgenommen, auf „Spurensuche“ zu gehen, und begann, die Orte ihres ersten Erfolges, ihre liebsten Plätze
aufzusuchen.

Schnell aber verstand ich, dass das Heimweh meiner Figur gar kein Heimweh nach einem Ort oder einer vergangenen Zeit war (oder gar das Verlangen nach der Zugehörigkeit zu einer Nation). Es war die Sehnsucht einer Toten nach der Gegenwart. Die Sehnsucht, mehr zu sein als eine leblose Ikone.

Es waren nicht die historischen Orte, sondern alltägliche Szenen, in denen meine Diva schließlich wiederkehrte: in der rauchigen Stimme einer Wahrsagerin am Plac Teatralny, den verwaschenen Steingesichtern des Foyers im Wielki Theater, dem wackelnden Gesäß einer Staub saugenden Nonne, oder den Schwänen, die im Park Ogród Saski schnatternd Touristen jagten.

Diese Bilder haben sich im Schreiben zu einem Netz verknüpft und meiner Figur jenen leichtherzigen Esprit verliehen, der sie in so vielen ihrer Rollen auszeichnet. Mit diesem Geist habe ich zu schreiben versucht. Erst die Reise in die Gegenwart hat mir das Erzählen dieses historischen Stoffes ermöglicht.