Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Uta Ackermann und Elke Bredereck:

Uta Ackermann, geboren in Dresden, hat in Leipzig, Leningrad und Paris studiert und über den Dichter René Char promoviert. Seitdem arbeitet sie als Autorin vor allem von Hörspielen („Ich bin doch Cheops“, WDR, 2008; „Lenin und der liebe Gott sind meine besten Freunde“, HR 2009; „Supermarkt“ rbb, 2011; „Eine Reise nach Pompeji“, HR 2012) und übersetzt aus dem Französischen und Russischen. Zum Thema Tschetschenien hat sie zwei Hörspiele geschrieben: „Das Blut der Distel“, DRK, 1998 und „Das Rauschen von Nußbaumblättern im Ohr“, SR 2004.

Elke Bredereck, geboren in Halle/Saale, hat Russistik in Berlin und Moskau studiert. Nach dem Studium war sie mit einem Stipendium der Robert Bosch Stiftung auf den Spuren der jüdischen Minderheit in Litauen und Russland. Aus den Interviews ging das Buch „Menschen jüdischer Herkunft“ (2004) hervor. Sie hat vier Jahre in der Ukraine gelebt und in ihrem ersten Radio-Feature „Fünf Frauen in Odessa“ (DLF 2011) porträtiert. Elke Bredereck arbeitet als Reiseleiterin und ist oft im Kaukasus unterwegs. Seit 2008 beschäftigt sie sich intensiv mit Tschetschenien.
Damit mir niemand ins Herz spuckt
Tschetschenische Kampfsportler im Exil

„Wenn mich die Leute fragen, wo ich herkomme, antworte ich: Tschetschenien. Und aus Deutschland, aber eigentlich mein Heimatland ist Tschetschenien. Die Kinder wissen nicht so wirklich, wo Tschetschenien ist. Ich würde ihnen erklären, dass Tschetschenien neben … Wo ist Tschetschenien? Also nicht genau neben Russland, vielleicht neben Kasachstan, dass es nicht so groß ist und nicht klein. Ich würde ihnen einfach erzählen, wie Tschetschenien ist. Gerade fällts mir nicht ein.“

Die elfjährige Amina mußte ihre Heimat vor Jahren verlassen und lebt seitdem in zwei Welten.

„Ich spreche Tschetschenisch, wenn meine Mutter mich daran erinnert. Denn alles ist deutsch, die Schule ist deutsch, die ganze Nachbarschaft ist deutsch, im Fernseher ist Deutsch. Und deswegen vergesse ich ab und zu zu Hause, Tschetschenisch zu reden. Aber meine Mutter versucht sehr, sehr, sehr, mich daran zu erinnern. Ich kann schon sagen: Ja chuma mersa ju. Das bedeutet, wie lecker das Essen ist. Ho chasa ju. Du bist schön.“

Wie Amina geht es vielen Kindern und Jugendlichen, die seit den russischen Kriegen gegen Tschetschenien das Land verlassen mussten. Die verlorene Heimat rückt immer weiter weg. Oft sprechen die Kinder die neue Sprache bereits so gut, dass sie ihre Eltern als Dolmetscher im Kampf mit den Behörden um einen gesicherten Aufenthaltsstatus unterstützen. So wie die drei elfjährigen Jungen, die in Wien-Floridsdorf aus der U-Bahn steigen, sie kommen vom Training.

„Ich wohne in Wien und mache Ringen. Die meisten Tschetschenen kämpfen so mit Ringen. Deswegen gehen wir auch. Medaillen haben wir viele. Ich habe Stadtmeisterschaft, leider nur zweiter Platz, Landesmeisterschaft ... überall. Vater hat in Tschetschenien Ringen gemacht, aber hier nicht. Wo wir fliehen mussten aus Tschetschenien, wurde er Soldaten, seinen Rücken. Russische. Er kann nicht ordentlich gehen. Fuß auch. Er liegt zu Hause immer. Er wurde schon zwei Mal operiert, jetzt kommt das dritte, glaub ich. Ich war so drei, vier und er war zwei oder so. Wir waren im Kellerboden. Sie haben bombardiert unser Haus und Haus ist kaputtgegangen. Wir sind Keller gegangen. In Keller haben sie eine Bombe geschossen, Dach ist weggeflogen. Mein Bruder ging 3 Jahre Logopädin, weil er nicht so gut sprechen kann. Er hatte Angst und hat nicht mehr gesprochen, seit er klein war. Im August sind wir schon sieben Jahre hier, jetzt beginnt achtes Jahr. Wir haben negativ, am 29. September werden wir irgendwohin gerufen. Meine Eltern müssen alles sagen. Ob wir zurückgeschmissen werden oder positiv kriegen, ich weiß nicht.“

Über die im Kaukasus tief verwurzelte Tradition des Kampfsports finden viele der tschetschenischen Flüchtlinge auch in der neuen Heimat Anschluss an Verlorenes. Ringen, schon in der Antike eine olympische Disziplin, ist in Tschetschenien Volkssport, ähnlich beliebt sind Judo, Karate und Boxen. „Komm und geh frei“ lautet eine Grußformel für den Gast. Freiheit ist das höchste Gut in einer der ältesten Kulturen Europas, die nie feudale Strukturen kannte, sondern sich immer schon als Gemeinschaft von Freien verstand. Bis heute ist die Verteidigung der Freiheit, der Familie und des Landes eine moralische Verpflichtung für jeden wehrfähigen Mann.

Und so finden wir auf den Siegerlisten nationaler und internationaler Kinder- und Jugendturniere in Europa die Namen junger Tschetschenen, es kommt auch vor, dass sie unter verschiedenen Landesflaggen gegeneinander antreten. Der 20-jährige Anzor in Warschau kämpft um mehr als eine Siegerurkunde: Der Sport ist seine einzige Hoffnung: jedes Mal wenn er in den Ring steigt, kämpft er auch gegen seine drohende Abschiebung. 

Deutschlandfunk (97,7)
Regie: Axel Scheibchen
Redaktion: Ulrike Bajohr
Erstausstrahlung: 29.06.2012, 20:10 Uhr

Bildergalerie

In Berlin sprachen die Autorinnen mit jungen Sportlern, deren Eltern und Trainern. Sie besuchten Turniere und Sportschulen und befragten den sehr engagierten Kieler Integrationsbeauftragten Georges Papaspyratos. Die erste Station ihrer Reise waren Warschau und das ostpolnische Städtchen Łomża, wo viele tschetschenische Flüchtlinge leben und hoffen, mit einem gesicherten Aufenthaltsstatus bleiben oder noch weiter nach Europa reisen zu können. Von dort ging es nach Wien, wo die größte europäische tschetschenische Community lebt. Gesprächspartner dort waren der legendäre Ringer-Trainer Alimkhan Visalimov sowie MMA-Stars wie Mayrbek Taisumov und Amirkhan Visalimov. Ein Exkurs führte nach Linz, wo es inzwischen einen konkurrenzlosen tschetschenischen Ringerverein gibt.