Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Angelika Wittlich:

Angelika Wittlich, Journalistin und Dokumentarfilmerin.
2008 Herausgabe (mit Hilde Recher) der Briefe Alexander Granachs an seine Lebensgefährtin Lotte Lieven „Du mein liebes Stück Heimat“, im Ölbaum Verlag.
Da geht ein Mensch

Angelika Wittlich zeichnet in ihrem Dokumentarfilm über Alexander Granach die Geschichte eines großen, heute fast vergessenen Schauspielers des 20. Jahrhunderts nach. Fast ein Jahrhundert später lassen Foto- und Filmmaterial den Schauspieler und Menschen lebendig werden, sein Sohn Gad Granach kommt zu Wort.

Am 14.März 1945 starb Alexander Granach, 54 Jahre alt, in New York. Wenige Tage zuvor hatte er noch auf der Bühne gestanden, im Cort Theatre am Broadway. Das Ende des Dritten Reichs wie das Erscheinen seines autobiografischen Romans „Da geht ein Mensch“ erlebte er nicht. Erschüttert schrieb Theodor W. Adorno am 23.März 1945 aus Los Angeles an seine Eltern:“ Hier freilich hat mich eine überaus traurige Nachricht erwartet: unser lieber Freund Alex Granach (...) ist plötzlich auf eine ganz sinnlose Art gestorben – Embolie nach einer Blinddarmoperation. Wir sind unendlich traurig darüber.“

Wer war Alexander Granach?
In Kinoklassikern bleibt er bis heute präsent: als diabolischer Knox in Murnaus NOSFERATU, als vom Kapitalismus verführter russischer Kommissar Kopalski in Lubitschs NINOTSCHKA, als Gestapokommandant Gruber in Fritz Langs AUCH HENKER STERBEN. Im Berlin der zwanziger Jahre eroberte sich Granach schnell den Platz als vitaler Mittelpunkt des expressionistischen Theaters, er arbeitete mit Brecht, Piscator und Leopold Jessner, bis ihn, von Hitler 1933 verjagt, das Exil von Wien, Warschau, Galizien, Moskau, Kiew, Zürich, New York bis nach Los Angeles führte. Er hat auf Deutsch, Jiddisch, Ukrainisch, Russisch und schließlich auch auf Englisch Filme gedreht und Theater gespielt. Er war ein Gigant der Schauspielkunst und ein kraftvoller Schriftsteller.

Granachs Wurzeln liegen in Galizien (heute Ukraine). Im Galizien, das Heimat so großartiger Künstler wie Joseph Roth, Elisabeth Bergner, Fritz Kortner war, im Galizien, dessen jüdische Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs von den Deutschen ausgelöscht wurde. Galizien prägte Granach: hineingeboren in eine gläubige jüdische Familie von bitterarmen Dorfjuden, erwarb er hier den unbedingten Überlebenswillen, der ihn zu einer „Urgewalt“ (so sein Sohn Gad Granach) auf der Bühne wie im Leben machte.

Buch und Regie: Angelika Wittlich
Länge: 105 Minuten, Farbe und s/w
Kamera: Lars R. Liebold, Nikolai Eberth, Uziel Amir
Schnitt: Natalie Kurz

Mit Samuel Finzi als Alexander Granach, Juliane Köhler als Lotte Lieven und Gad Granach, Thomas Langhoff, Halyna Petrosanyak, Jurij Shapoval, Jurko Prochasko, Boris Dorfman, Ivan Baran, Martin Pollack, Reinhard Müller, Julia Stiefel, Jan-Christopher Horak u.a.

Sprachen: Deutsch, Englisch, Ukrainisch, Russisch, Jiddisch, Hebräisch
gedreht in: Deutschland, Schweiz, Ukraine, Russland, USA, Israel, Österreich

Produktionsfirma: Bavaria Film München, Coproduzenten: Bayerischer Rundfunk und Angelika Wittlich

Verleih: Zorro München
Filmpremiere: 25. November 2012 im Kino BABYLON, Berlin (Mitte)
Bundesweiter Kinostart: 29. November 2012

Weitere Informationen

Bildergalerie

Lemberg, Stanislau, Zaliszcziki, Horodenka und Werbiwze sind die Orte von Granachs Kindheit und Jugend. Hier muss die Spurensuche beginnen. Gemeinsam mit der ukrainischen Schriftstellerin Halyna Petrosanyak, sie hat Granachs „Da geht ein Mensch“ ins Ukrainische übersetzt, setzen wir uns auf Granachs Fersen. Es ist eine abenteuerliche-, eine Zeit-Reise. Doch wir können auf einen kompetenten Reiseführer bauen: auf Granach selbst und sein „Da geht ein Mensch“. Im fernen Hollywood 1942/43 geschrieben, zeugt das Buch von einem phänomenalen Gedächtnis. Jedes Detail stimmt: die Strassen, die Märkte und Kirchen, die Flüsse und Brücken. Wir finden jüdische Namen in Eingängen, die Menora an der Hauswand, deutsche Inschriften auf Gullis und Ziegelsteinen. Auf einer alten, von Granach beschriebenen Schotterstrasse fahren wir von Horodenka ins Dorf Werbiwze, wo noch der Geburtsplatz von Granach existiert und wo die alten Bewohner sich noch an seinen Bruder und dessen Familie erinnern. Hier hat sich seit 110 Jahren nur wenig verändert. Hier in Galizien schlägt das Herz des Films. Auch wenn ich noch nach Kiew und Moskau reisen , in Berlin, Zürich, Jerusalem, New York und Los Angeles drehen werde: Granach war ein Galizianer – einen wie ihn kann es nicht mehr geben.