Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Michal Hvorecký:

Foto: Stefan Laktis
Michal Hvorecký, geboren 1976, lebt als freier Autor in Bratislava. Er hat bisher drei Romane und drei Bände mit Erzählungen veröffentlicht. Auf Deutsch erschienen drei Bücher, als jüngste Veröffentlichung 2012 der Roman „Tod auf der Donau“ in der Übersetzung von Michael Stavarič bei Tropen/Klett-Cotta.

Hvorecký studierte Kunstgeschichte und ästhetische Theorie an der Universität in Nitra. 2004 wurde er als Writer in Residence für ein Semester an die University of Iowa in Iowa City, USA, eingeladen. In der FAZ, der Welt, der ZEIT oder im Falter sind Essays und Geschichten von ihm erschienen. Er wurde mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet und war Stipendiat des Literarischen Colloquiums Berlin, der Stiftung Brandenburger Tor und „Grenzgänger“-Stipendiat der Robert Bosch Stiftung. Im November 2009 erhielt Hvorecký in Berlin den Internationalen Journalistenpreis.
Tod auf der Donau

Achtzig Senioren auf einem Kreuzfahrtschiff zu bändigen, ist keine leichte Aufgabe. Vor allem dann nicht, wenn man nebenbei zwei Leichen entsorgen und seine Ex-Freundin verstecken muss. Michal Hvoreckys neuer Roman ist ein wilder Ritt über die Donau, von Regensburg bis ans Schwarze Meer.

Eigentlich ist Martin Roy Übersetzer. Eigentlich. Denn dazu kommt er nicht als Reiseleiter einer Donau-Kreuzfahrt, in deren Verlauf so gut wie alles schiefgeht. Michal Hvorecky verknüpft in seinem grotesken Ship-Movie die Geschichte Mitteleuropas mit persönlichen Schicksalen (und seinen eigenen Erlebnissen als Reisebegleiter). Dabei zeichnet er das Bild einer Generation, die wie Nomaden durch die Länder zieht, auf der Suche nach dem besten Job, der Erfüllung im Leben und so etwas wie Heimat. „Tod auf der Donau“ ist deshalb vieles auf einmal: Abenteuerroman, Liebesgeschichte und Satire auf die Auswüchse des Tourismus. Und nicht zuletzt eine Liebeserklärung an die Donau.

Roman
260 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Aus dem Slowakischen von Michael Stavarič
Tropen/Klett-Cotta, 1. Aufl. 2012
ISBN: 978-3-608-50115-5

Bildergalerie

Für den Roman „Tod auf der Donau“ unternahm ich eine längere Reise in den südlichen Donauländern und vor allem im Delta, wo ich mich weniger auskannte. Ich reiste aus Bratislava und aus Budapest nach Osten und habe den Balkan ganz neu, literarisch entdeckt, mit den Menschen geredet, ihre Geschichten gehört, die Vergangenheit recherchiert und mit der Gegenwart verglichen.

Fünf Wochen dauerte insgesamt die Reise im Sommer 2009 und ich besuchte die Orte Esztergom, Kalocsa und Mohácz in Ungarn, Vukovar in Kroatien, Novi Sad und Belgrad, Passage Katarakten im Grenzgebiet, Vidin, Belogradchik und Russe in Bulgarien, Brăila, Giurgiu, Tulcea, Sulina Tichilesti und Bukarest in Rumänien und Izmail in der Ukraine. Mit dem Zug, Schiff, Bus, Auto und mit dem Boot war ich unterwegs. Auch deswegen musste ich im inhaltlichen Konzept nichts ändern – alles habe ich im Voraus vorgeplant.

Noch wichtiger als die Orte selbst waren mir oft die Begegnungen mit Menschen. Die Angestellten auf dem Schiff István Pinter und Miklos Maletzki, und noch mehr die Kapitäne Pavol Buzgovič und Július Ilka haben alle meine Fragen detailliert beantwortet. Danach auch die Matrosen und die unterschiedlichen Mitarbeiter an Bord. Ich habe von den Leuten einen näheren, spirituellen, historischen, aber oft auch ganz praktischen, alltäglichen Einblick in die Welt an der Donau erhalten. Ganz besonders war am Ende der Reise der Besuch im letzten Leprosorium Europas in Tichilesti in Ost-Rumänien, wo immer noch zwanzig alte Leprakranke wohnen. Dorthin ließ Nicolae Ceaucescu die Leprakranken des ganzen Landes bringen. Im Laufe der sechs Jahrzehnte entwickelte sich eine abgeschiedene Gemeinschaft. Heute ist Lepra nicht mehr ansteckend, aber die Kranken leben noch immer in Tichilesti, von der Welt vergessen. Dort landet am Ende seiner Geschichte auch der junge Held meines Romans.