Blickwechsel International. Junge Forscher gestalten neues Alter
Alter

Blickwechsel International

Junge Forscher gestalten neues Alter

Junge Menschen möchten selbständig leben und ihr Leben gestalten. Und Ältere? Eine Frage, die Sie bisher nicht beschäftigt? Denken Sie um, denn: Von den heute 30-Jährigen wird die Mehrzahl älter als 95 werden und ein heute in Deutschland geborenes Kind hat gute Chancen, seinen 100. Geburtstag zu feiern. Wir gewinnen an Jahren, die wir gesund und selbständig verbringen möchten. Unsere Gesellschaft der Langlebigkeit ist somit mehr denn je auf Wissen über und Ideen für eine altersgerechte Gestaltung des öffentlichen Lebensumfeldes angewiesen. Wie können beispielsweise Stadträume, öffentlichen Gebäude oder Verkehrssysteme ein langes selbständiges Leben ermöglichen?

Die Robert Bosch Stiftung unterstützt daher Nachwuchswissenschaftler, den Fokus ihrer Forschung auf die altersgerechte Gestaltung des öffentlichen Lebensumfeldes zu legen. Wir ermutigen Postdocs aus Fachrichtungen wie Stadt- und Raumplanung, Architektur, Elektro- und Informationstechnik, Pflegewissenschaften, Industriedesign, Sport- und Bewegungswissenschaften, Psychologie, Sozialwissenschaften oder anderen relevanten Disziplinen, in den Austausch mit internationalen Altersexperten zu treten und unser öffentliches Lebensumfeld von morgen mitzugestalten.

Das Stipendium ermöglicht acht ausgewählten Postdocs den Blickwechsel im Rahmen eines viermonatigen bis zweijährigen Forschungsaufenthalts an einer renommierten Forschungseinrichtung im Ausland. Die Förderung umfasst sowohl ein Lebenshaltungsstipendium als auch einen Sachkostenzuschuss. Die Stipendiaten können damit an ihren Gastinstitutionen ein klar definiertes Forschungsprojekt durchführen sowie neue wissenschaftliche Methoden und Perspektiven für ihre Disziplin erarbeiten.

Kontakt

Tina Stengele
Telefon 0711 46084-925

Charlotte Berendonk

Narrative Care: Lebensgeschichten älterer Menschen gezielt berücksichtigen

University of Alberta (Kanada)

Die individuelle Biografie hat herausragende Bedeutung für uns Menschen, denn durch sie erfahren wir Identität. Älteren Menschen gelingt es aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen aber nicht immer, ihre Biografie zu erzählen. Konzepte wie Narrative Care tragen dazu bei, dass die individuelle Lebensgeschichte wahrgenommen, wertgeschätzt und Identität gefördert wird. Besonders in der stationären Langzeitpflege in Deutschland wird Biografiearbeit bisher noch nicht ausreichend berücksichtigt. In Kanada hingegen wird dieser Ansatz seit langem erfolgreich praktiziert. Charlotte Berendonk erforscht vor Ort das erfolgreiche kanadische Modell und entwickelt ein für deutsche Pflegeheime implementierbares Narrative Care-Konzept.

Sabine Goisser

Zusammenhang von Menge und Verteilung der Nahrungszufuhr mit der Entstehung von Sarkopenie, Frailty und funktionellem Abbau bei Senioren in Frankreich im Vergleich zu Senioren in Deutschland

Hôpitaux de Toulouse

Inadäquate Ernährung - sowohl in Menge, als auch Zusammensetzung - ist ein häufiges Problem bei älteren Menschen und hat einen großen Einfluss auf die Qualität des Alterns. Unser Wissen über die Rolle der Ernährung in der Prävention, über den genauen Nährstoffbedarf Älterer oder über den Effekt bestimmter Ernährungsweisen ist aber noch sehr begrenzt. Daher erforscht die Ernährungswissenschaftlerin Sabine Goisser den Einfluss von Ernährung auf die Entstehung von Frailty (Gebrechlichkeit) und Sarkopenie (Muskelabbau und damit einhergehende funktionelle Einschränkungen) im Alter. Ihre in Frankreich durchgeführte Studie wird mit den Ergebnissen einer deutschen Studie verglichen. Ziel ist es, konkrete Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was genau die Ernährung gebrechlicher älterer Menschen von der ihrer gesunden Altersgenossen unterscheidet. Zum Erhalt von Gesundheit und Wohlbefinden im Alter kann diese Forschung einen wichtigen Beitrag leisten.

Martin Grimmer

Exoskelette für alte und körperlich eingeschränkte Personen - Unterstützung der alltäglichen Fortbewegung zur Wahrung der Unabhängigkeit

Harvard School of Engineering and Applied Sciences

Der Erhalt von Mobilität ist für ein selbständiges Leben im Alter von zentraler Bedeutung. Mit zunehmendem Alter ist jedoch eine nicht aufzuhaltende Abnahme an Kraft und Ausdauer festzusellen, die zu Einschränkungen im täglichen Leben führen kann (insb. bei langen Gehbelastungen, beim Bergaufgehen oder beim Treppensteigen). Martin Grimmer ist Sportwissenschaftler und erforscht die Entwicklung eines elektromechanischen Exoskeletts, das - in die Alltagskleidung integriert - funktional Mobilitätseinbußen beim Gehen kompensieren kann. Damit wäre es möglich, die Leistungsfähigkeit für den Alltag wiederherzustellen oder zu verbessern.

Katharina König

Bessere Orientierung für ältere Menschen im öffentlichen Raum

MIT AgeLab (Boston)

Orientierung ist Grundvoraussetzung für die menschliche Wahrnehmung. Fehlt die Orientierung, werden Menschen unsicher und ziehen sich zunehmend aus dem öffentlichen Leben zurück. Die selbständige Ausführung alltäglicher Handlungen (z.B. Erledigung von Einkäufen) und die Interaktion mit anderen Menschen stimulieren die kognitiven Fähigkeiten. Eine Gestaltung, die älteren Menschen eine gute Orientierung im Stadtviertel ermöglicht, kann somit präventive Wirkung auf den Alterungsprozess haben. Katharina König erforscht in einem deutsch-amerikanischen Vergleich, wie sich Ältere im städtischen Raum orientieren. Ihre Erkenntnisse tragen zu einer altersfreundlichen Gestaltung des öffentlichen Lebensumfeldes (z.B. Straßen, Fußwege, Nahverkehr) bei und fließen in einen Leitfaden für Stadtplaner ein.

Melanie Krüger

Vertraue deinem Können: Verbesserung der Bewegungsstabilität bei Älteren durch die Verringerung kognitiver Unsicherheit durch kortiale Stimulation, kognitivem oder motorischem Lernen

University of Tasmania (Australien)

Die Sportwissenschaftlerin Melanie Krüger erforscht, wie die Bewegungsstabilität bei älteren Menschen durch die Verringerung kognitiver Unsicherheiten verbessert werden kann. Bisher wurde vor allem der umgekehrte Weg erforscht, d.h. die Wirkung eines motorischen Trainings auf kognitive Funktionen. Zu den Effekten eines kognitiven Trainings auf die motorische Leistungsfähigkeit im Alter gibt es bislang kaum Forschung. Da zielgerichtetes motorisches Handeln ganz wesentlich zur Eigenständigkeit im Alter beiträgt, kann die Forschung von Melanie Krüger neue Perspektiven auf die Prävention und Rehabilitation älterer Menschen eröffnen und einen wichtigen Beitrag zu einem langen und selbständigen Leben leisten.

Tobias Morat

Vom Potenzial zur Muskelaktion - Ressourcen von Älteren für ein selbstständiges Leben in einer alternsgerechten Umwelt stärken

University of Western Ontario (Kanada)

Der Sport- und Bewegungswissenschaftler Tobias Morat hat in seiner wissenschaftlichen Karriere bereits intensiv zum Thema Bewegung und Alter gearbeitet. Antrieb ist die Tatsache, dass es mit zunehmendem Alter zu einem schrittweisen Verlust an Muskelfunktion kommt, besonders im Bereich Muskelmasse und -kraft. Diese Veränderungen können zu Problemen bei alltäglichen Aktivitäten führen, was in abnehmende Lebensqualität oder in den Verlust der eigenen Selbständigkeit münden kann. Aktuell untersucht Tobias Morat im neuromuskulären Labor der University of Western Ontario (Kanada) die neuromuskulären Eigenschaften von Menschen in verschiedenen Sarkopenie-Stufen und möchte mit seiner Arbeit zu einem umfassenden Gesamtbild von sarkopenischen Patienten und ihren neuromuskulären Eigenschaften beitragen. Basierend auf diesen Erkenntnissen können gezielte Interventionen für die unterschiedlichen Personengruppen entwickelt werden (z.B. neue Outdoor-Trainingsformen für Ältere).

Martina Raue

Entscheiden über die Lebensspanne: Ein Blickwechsel auf Risikowahrnehmung und Risikoverhalten

MIT AgeLab (Boston)

Menschen werden regelmäßig mit wichtigen Entscheidungen konfrontiert, die Risiken oder unbekannte Konsequenzen beinhalten und in der Regel unser momentanes Leben betreffen. Diese Entscheidungen treffen wir meist dann, wenn wir gesund und in der Lage sind Geld zu verdienen um mögliche Risiken zu kompensieren. Wenn Menschen älter werden, erleben sie häufig eine Abnahme ihres körperlichen Wohlbefindens und ihrer kognitiven Kapazitäten, haben weniger soziale Kontakte und oft geringere finanzielle Ressourcen. Je länger Menschen warten um für ihr zukünftiges Leben vorzusorgen, desto größer ist das Risiko mangelnder finanzieller Sicherheit, Gesundheit und persönlicher Beziehungen, auf die sie sich stützen können. Die Psychologin Martina Raue erforscht am renommierten MIT AgeLab, wie sich das Entscheidungsverhalten von Menschen über die Lebensspanne hinweg verändert und durch welche Bedingungen diese Entscheidungen beeinflusst werden. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchung stehen Entscheidungen zu Lebensbereichen wie Altersvorsorge, medizinische Präventivuntersuchungen oder Nutzung neuer Technologien, die zu einem langen und selbständigen Leben einen wichtigen Beitrag leisten.

Markus Wübbeler

Verbreitung einer evidenz-basierten Intervention (Hospital Elder Life Program / HELP) in die klinische Routine - Evaluation eines Online-Training-Tools

Aging Brain Center Harvard Medical School

Markus Wübbeler ist Gesundheits- und Pflegewissenschaftler und möchte dazu beitragen, das Hospital Elderly Life Program (HELP) in Deutschland zu etablieren. HELP zielt auf die Prävention, Diagnostik und Therapie von Delirien in der klinischen Routine. Das Programm wurde vom Aging Brain Center an der Yale University School of Medicine (USA) entwickelt und stellt einen innovativen Ansatz zur Verbesserung der Krankenhausversorgung und Delir-Prävention älterer Patienten dar. Markus Wübbeler entwickelt bei einem Forschungsaufenthalt am Aging Brain Center eine deutschsprachige online-basierte Weiterbildung und verbindet diese mit einer Evaluation, die Aussagen über Nachfrage, Hintergrund der Nutzer, Lernfortschritte und Umsetzbarkeit ermöglicht.