Nahaufnahme

"Nahaufnahme" - Journalistenaustausch Deutschland-Indien
In Durchführung mit dem Goethe-Institut e.V., Zentrale München

Das journalistische Austauschprojekt "Nahaufnahme" ermöglicht es jeweils vier indischen und deutschen Journalisten, für vier Wochen ihren Arbeitsplatz zu tauschen und am journalistischen Alltag der gastgebenden Redaktion teilzunehmen. Ihre Artikel werden sowohl in der Heimatzeitung als auch übersetzt in der Gastzeitung, in den Online-Ausgaben der beteiligten Zeitungen und auf den Seiten des Goethe-Instituts veröffentlicht und abschließend zusammengefasst publiziert.

Ziel ist es, den Journalisten Themen jenseits der üblichen Klischees näherzubringen und durch ihre Artikel sowohl im Heimatland als auch im Gastland die Sicht auf neue indien- bzw. deutschlandbezogene Themen zu öffnen. Darüber hinaus sollen durch das Projekt Anregungen geschaffen werden zur längerfristigen Zusammenarbeit mit den gastgebenden Redaktionen oder zur Einrichtung von Auslandskorrespondenzen.

Das Konzept "Nahaufnahme" wird vom Goethe-Institut seit 2008 in verschiedenen Ländern durchgeführt. In diesem Jahr findet das deutsch-indische Austauschprojekt im Rahmen der vom Auswärtigen Amt ausgerufenen Initiative "Deutschland und Indien 2011-2012" statt und wird von der Robert Bosch Stiftung gefördert.


Zwei Veröffentlichungen teilnehmender Journalisten:

Kontakt Goethe-Institut

Lena Juknevicius
Telefon 089 15921 301

Kontakt in der Stiftung

Dr. Bettina Berns
Telefon 0711 46084-45
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Danijel Majic

Majic (30) von der Frankfurter Rundschau ging für vier Wochen nach New Delhi. Sein Artikel erschien in der Frankfurter Rundschau vom 8. November 2011.
Nahaufnahme aus der Megacity Delhi
Der Koffer für Indien ist gepackt. Wäsche für zwei Wochen im Vertrauen darauf, dass das Goethe-Institut in Delhi eine Waschmaschine bereithält. Einen Monat soll ich in der indischen Hauptstadt verbringen. Das Austauschprogramm „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts sowie die Gastfreundlichkeit der Kollegen von der Hindustan Times machen es möglich: VierWochen verbringe ich im Zentrum der größten Demokratie der Welt mit dem Auftrag, aus dieser Megametropole zu berichten.

Die Ankündigung kam irgendwann Anfang September im Anschluss an ein Gespräch, das sich um ein ganz anderes Thema gedreht hatte. „Ach übrigens, wir haben uns gedacht, dass du an diesem Austauschprogramm mit Indien teilnehmen könntest“, ließ mich mein Ressortleiter nebenbei wissen. Unaufgeregt, als hätte er „P.S. Grüße an die Eltern“ unter einen Brief geschrieben.

Seit diesem Gespräch ist kaum ein Tag vergangen, an dem meine Gedanken nicht um Delhi kreisten. Elf Millionen Menschen sollen sich allein im engeren Stadtgebiet drängen. Meine Eltern sind aus Kroatien eingewandert, einem Land, das nicht einmal halb so viele Einwohner hat. Im Vergleich dazu ist Indien kein Land, sondern ein eigener Planet mit Delhi als Zentrum. Also heißt es, Reisevorbereitungen treffen, Sommerklamotten für den indischen Herbst zulegen, Visum beantragen. Sich einbilden, auf alles vorbereitet zu sein.

Im Gespräch mit den Mitarbeitern des indischen Generalkonsulats in Frankfurt stelle ich plötzlich fest, dass mein Englisch doch nicht so gut ist, wie ich es mir seit dem Abitur eingebildet hatte.Und immer wieder lese ich nach, unternehme einen Versuch, mich dieser Stadt anzunähern. Zahlen tanzen in meinem Kopf: Mehr als 3.000 Jahre Geschichte, vier offizielle Sprachen. Zur eigentlichen Stadtbevölkerung kommen noch einmal fünf Millionen Menschen im Großraum Delhi hinzu. Davon lesen 1,4 Millionen die Hindustan Times, die Zeitung, die für die nächsten vierWochen meine journalistische Heimat sein wird. Zahlen, Zahlen, Zahlen! Sie sagen gar nichts. Sie machen nur Angst.

Ich weiß nichts von Delhi. Und was ich zu wissen gedacht habe, ist angesichts der schieren Größe der Stadt nicht weiter erwähnenswert. „Ja, was verbindet dich denn eigentlich mit Indien?“, hat unlängst ein Freund gefragt. Außer
einer Vorliebe für indische Restaurants ist mir nichts eingefallen - bis auf eine Sache.

Vor ein paar Jahren habe ich tatsächlich schon einmal Indien besucht - allerdings nur im Traum. Ich schipperte in einem türkisfarbenen Motorboot einen gewaltigen Strom entlang. Links und rechts ragten Monumente, Tempel, Triumphbögen, Stelen aus den Fluten.Wir seien jetzt „in der Stadt“, erklärte mir im Traum der freundliche Inder, der das Boot lenkte. Einen Namen sollte „die Stadt“ nie erhalten. Er wäre mir auch gleichgültig gewesen. Viel entscheidender war das Gefühl, auf etwas Altes, unsagbar Wertvolles und Erhabenes zu blicken. Und mit einer Ahnung von diesem Gefühl trete ich nun meine Reise an.

Von Danijel Majic
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Shonali Muthalaly

Muthalaly (33) arbeitet für "The Hindu Newspaper" in Chennai. Sie ging für vier Wochen nach Berlin. Ihr Artikel erschien in der Berliner Zeitung vom 22./23. Oktober 2011.
Deutsche Lebensart
Berlin ist es egal, was ich von ihm halte. Genau das macht es so anziehend. In einer Zeit plakativer Klischees und aggressiven globalen Wettbewerbs ist es faszinierend, eine Stadt zu entdecken, die mit ihrer Identität im Reinen ist, die sich nicht ständig selbst beweisen oder Besucher beeindrucken muss. Und die dennoch nicht statisch ist. Das ist der andere große Reiz Berlins: Die Fähigkeit zu ständiger Veränderung, ohne seine Seele zu verlieren.

Indien ist zwar weltweit als Land der Spiritualität anerkannt. Aber wir sind fieberhaft darum bemüht, uns neu zu erfinden. Unser Nationalcharakter nimmt allmählich andere Züge an, vor allem in der aufstiegsorientierten Mittelschicht: Man arbeitet viel, ist hoffnungslos technologiefixiert, plant ständig Neuanschaffungen aller möglichen Geräte.

Es wäre wohl naiv zu behaupten, dass die Berliner weniger materialistisch sind. Aber sie scheinen das Leben mehr zu genießen. Nach meiner ersten Woche hier wird mir bewusst, wie viel Ablenkung es in meinem Leben in Indien gibt: der lärmende iPod, das unentwegt klingelnde Telefon, der summende Blackberry. Hier in Berlin strahlt selbst der morgendliche Pendlerverkehr zur „Rushhour“ Ruhe aus, ich bin begeistert, wenn ich sehe, wie die Leute im Zug lesen oder aus dem Fenster schauen.

Jeder hier scheint eine fast aufsässige Individualität zu leben. Die Gleichgültigkeit gegenüber Designer-Labels ist erfrischend, eine Louis Vuitton-Tasche wird genauso behandelt wie ein Paar Vintage-Schuhe. Ich begegne einem Kunsthistoriker, der in der Freizeit Graffiti sprüht. Ich beobachte einen Biker mit tätowiertem Kopf, der seine kleine Tochter im Kinderwagen spazieren fährt.Und der Mann, bei dem ich Käse kaufe, empfiehlt mir, seinen Gruyère mit „einem Glas gutem Rotwein, etwas frischem Brot und einem netten Mann“ zu genießen.

Ich habe den iPod weggelegt, den Blackberry ausgeschaltet, den E-Reader gegen ein echtes Buch eingetauscht. Ich bewundere die Architektur. Ich übe mich mit zufälligen Gesprächspartnern in der deutschen Sprache. Und ein Straßenkünstler hat mir beigebracht, wie man mit der Farbdose arbeitet. Berlin zeigt mir, dass es manchmal nötig ist, vom Rummel des täglichen Lebens Abstand zu nehmen, um wirklich daran teilzuhaben.

Von Shonali Muthalaly