Wissenschaft 2.0 - Mehr Wissen, mehr Transparenz, mehr Qualität?

6. Berliner Wissenschaftsgespräch

Blogs, Social Media, Open Access - welche Chancen und Risiken bietet das Web 2.0 für die Wissenschaft? Wie können dabei Qualität gesichert und das Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse aufrechterhalten werden? Und welche Rolle werden Verlage und ihre Fachjournale in Zukunft spielen?

Darüber diskutierten im Rahmen des 6. Berliner Wissenschaftsgesprächs die Tiefseeforscherin Professor Antje Boetius, der Chefredakteur des Fachjournals Nature, Dr. Philip Campbell, die Vorsitzende der European Medical Research Councils (EMRC), Professor Liselotte Højgaard, und Dr. Ivan Oransky, Wissenschaftsjournalist und Begründer des Blogs Retraction Watch. Moderator des Gesprächs in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften war der Journalist Richard Hudson. Die Podiumsdiskussion fand im Anschluss an eine international besetzte Fachtagung ebenfalls zum Thema "Science 2.0" statt.

Forschungsergebnisse schneller kommunizieren

Antje Boetius unterstrich die Bedeutung des Web 2.0 für die Kommunikation mit Fachkollegen, aber auch mit der Gesellschaft, die die Forschung durch ihre Steuern finanziere. Ergebnisse von Experimenten und Messungen könnten bereits während einer Expedition Experten und interessierten Laien zugänglich gemacht werden. Auch Studenten und der wissenschaftliche Nachwuchs - nicht nur in westlichen Staaten, sondern auch in Schwellen- und Entwicklungsländern - profitierten von der raschen Übermittlung neuer Erkenntnisse.

Zugleich befürwortete Frau Boetius das Publizieren von Forschungsergebnissen in Open Access Journalen. Diese stehen den Lesern im Gegensatz zu traditionellen Fachjournalen kostenfrei zur Verfügung, auch wenn die Kosten für die Veröffentlichung in der Regel von den Wissenschaftlern selbst oder von ihren Institutionen übernommen werden. Noch publizieren Wissenschaftler, die sich in ihrem Fach etablieren wollen, lieber in klassischen Fachzeitschriften wie Science und Nature. Die Runde war sich denn auch einig, dass die Fachjournale in fünf bis zehn Jahren keinesfalls obsolet sein, sondern weiterhin zu den 'Hütern' wissenschaftlicher Qualität zählen werden. Dennoch lasse sich ein gradueller Wandel hin zu Open Access feststellen, sagte Philip Campbell. Er prognostizierte zugleich eine stärkere Nutzung von Web 2.0-Anwendungen und -Instrumenten beim wissenschaftlichen Publizieren und eine entsprechende Anpassung der Verlage.

Qualitätskontrolle mit Web 2.0-Instrumenten

Web 2.0-Instrumente wie Blogs könnten künftig dazu beitragen, die Qualitätskontrolle in der Wissenschaft zu verbessern und mehr Transparenz zu schaffen, sagte Ivan Oransky. Seine Plattform Retraction Watch etwa berichtet über Veröffentlichungen, die aufgrund von Fehlern oder gar wissenschaftlichem Fehlverhalten zurückgezogen wurden. Dabei handele es sich um Fälle, bei denen die Qualitätskontrolle des Fachjournals, in dem sie publiziert wurden, versagt habe, so Oransky.

Sollte also die Öffentlichkeit stärker einbezogen werden, um das Vertrauen in die Wissenschaft zu erhalten? Erfahrungen mit der Einbindung von Vertretern der Öffentlichkeit hätten sich als sehr positiv erwiesen, sagte Liselotte Højgaard mit Blick auf ihre Forschungspraxis: So habe die Beteiligung von Patientenvertretern an der Festlegung von Schwerpunkten in der Gesundheitsforschung für mehr Akzeptanz gesorgt und zugleich geholfen, Forschungsaktivitäten gezielter auszurichten.

Weiteren Diskussionsbedarf sahen die Podiumsgäste in der Frage, wie und von wem das Abweichen vom traditionellen Modell des wissenschaftlichen Publizierens finanziell kompensiert werden soll. Abschließend ließ sich jedoch festhalten: Die Chancen des Web 2.0 überwiegen eindeutig die Risiken.

Effrosyni Chelioti, November 2011

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Auszüge aus dem 6. Berliner Wissenschaftsgespräch

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