Der Übersetzerpreis Tarabya

Preisverleihung 2011

Sie haben Ende Oktober den Übersetzerpreis Tarabya für Ihre Übersetzungen aus dem Türkischen ins Deutsche erhalten. Woran messen Sie den Erfolg einer Übersetzung?

Ich denke inzwischen, allein durch die Lektüre der Übersetzung beurteilen zu können, ob es eine gelungene oder schlechte Übersetzung ist - unabhängig vom Original. Es gibt beispielsweise eine neue Übersetzung von „Don Quijote“. Ich spreche zwar kein Spanisch, finde die Übersetzung aber ganz einfach hervorragend.

Woran machen Sie das fest?

Trotz des Umfangs des Werks hatte ich in jedem Augenblick der Lektüre das Gefühl, dass Cervantes, hätte er Deutsch gekonnt, dieses Buch selbst so geschrieben hätte. Bei solch einem Gefühl gehe ich davon aus, dass die Übersetzung gelungen ist. Und umgekehrt: Bei einer nicht gelungenen Übersetzung merke ich, dass ein Übersetzer am Werk war, dem es nicht gelungen ist, sich von den Ausgangsstrukturen der Sprache so weit zu lösen, dass er den Strukturen der deutschen Sprache gerecht wird.

Das bedeutet, dass der Einfluss des Übersetzers sehr groß ist.

Es gibt in Übersetzerkreisen die Diskussion, ob ein Übersetzer ein Buch verbessern oder verschlechtern kann. Verbessern kann er es kaum, verschlechtern aber ganz gewaltig. Mit einer schlechten Übersetzung kann er ein Buch töten. Grundsätzlich sollte ein Übersetzer das Buch aber so wiedergeben, wie es im Original ist. Dafür steht der Begriff der „Treue“.

Wie legen Sie diesen Begriff für Ihre Arbeit aus?

Manchmal gibt es eine falsch verstandene Treue und ein Übersetzer klebt zu sehr an den Ausgangsstrukturen. Ich verstehe Treue anders, als Treue dem Buch gegenüber, nicht als Treue den Strukturen gegenüber. Im Deutschen stehen wichtige Informationen beispielsweise eher am Ende eines Satzes, im Englischen dagegen in der Mitte oder am Anfang. Wenn der Übersetzer zu sehr in den Strukturen der Ausgangssprache verhaftet, könnte eine wichtige Information an einer Stelle landen, die unwichtig ist.

Lassen Sie auch Auflage und Rezensionen als Kriterien gelten?

In Rezensionen wird manchmal kurz auf die Übersetzung eingegangen. Oft picken sich die Kritiker ein Wort heraus und beurteilen dessen Übersetzung als misslungen. Das zeugt aber davon, dass sich der Kritiker nicht wirklich mit der Übersetzung beschäftigt hat. Denn die Satzstruktur ist beispielsweise ein viel wichtigeres Element. Bei den Auflagenzahlen ist es so, dass sich manchmal auch schlecht übersetzte Bücher sehr gut verkaufen - und gut übersetzte gar nicht.

Woran liegt das?

Wenn eine Produktionsfirma einen sehr bekannten Schauspieler für einen Film gewinnt, wird der Film zwar teurer, erreicht aber bereits einen Teil des Publikums. Die hohe Gage für den Schauspieler kann wieder eingespielt werden. Das funktioniert beim Buch nicht. Der normale Leser kennt Übersetzer gar nicht. Deswegen macht es für einen Verlag keinen Sinn, einen bestimmten Übersetzer zu gewinnen und ihn besonders gut zu bezahlen.

Wie wichtig ist für Sie der Kontakt zum Autor?

Ich habe bis jetzt jeden meiner Autoren persönlich kennengelernt. Ich suche diesen Kontakt. Auch während der Übersetzung habe ich mit jedem Autor E-Mail-Kontakt, um Fragen zu stellen.

Das Zusammenleben von Türken und Deutschen ist ein viel diskutiertes gesellschaftliches Thema. Sehen Sie sich als „Brückenbauer“ zwischen den Kulturen?

Ein Vermittler ist ein Übersetzer ganz bestimmt. Ein deutscher Leser ohne türkischen Hintergrund, der türkische Literatur liest, wird sein Bild von der Türkei ändern. Die Medien greifen immer die gleichen Themen auf, beispielsweise den Beitritt zur EU oder den Islam. Sie erzeugen oft ein exotisches Bild der Türkei. Wer in der Lage ist, türkische Literatur zu lesen, findet dagegen eine Variante der gleichen Freuden und Nöte der Menschen wieder, wie er sie aus Deutschland und anderen Ländern kennt. Mein Ziel ist es, dass der Leser erfährt, was für ein „normales“ Land die Türkei eigentlich ist.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der türkisch-deutschen Literaturübersetzungen in den zurückliegenden Jahren?

Die Türkei war 2008 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Aber nur in wenigen Fällen entsteht daraus eine Mode wie bei der lateinamerikanischen Literatur in den 80er Jahren. Die türkische Literatur ist momentan sicher nicht in Mode und war es auch noch nie. Zur Messe kamen sehr viele Übersetzungen auf den deutschen Markt. Die potenziellen Leser türkischer Literatur waren von diesem großen Angebot eher überfordert. So gingen einige Werke, die gut besprochen wurden, einfach unter. Deswegen bin ich der Meinung, dass die Buchmesse für die Förderung der türkischen Literatur in Deutschland wenig bewirkt hat. Außer Orhan Pamuk und Altmeister Yasar Kemal hat es kein türkischer Autor geschafft, sich einen Namen zu machen.

Sehen Sie eine Chance, dies zu ändern?

Es gibt einige Bücher, die ich gerne übersetzen würde. Wenn ich damit an deutsche Verlage herantrete, ist ein Hindernis, dass niemand im Verlag gut genug Türkisch beherrscht, um sich ein Urteil zu bilden. Ich kann dann zwar die ersten 30 Seiten übersetzen, damit sich der Verlag ein Bild machen kann. Aber das ist nicht vergleichbar mit einem Lektor, der ein englisches oder französisches Buch selbst lesen kann. Das ist eine Schwelle für viele Sprachen, die nur schwer zu überwinden ist.

Ist die geringe öffentliche Aufmerksamkeit für Übersetzer für Sie ärgerlich?

Wenn man sich für den Übersetzerberuf entscheidet, beinhaltet das auch, dass man nicht immer im Rampenlicht steht. Das höchste Lob ist eigentlich schon, dass man in einer Rezension überhaupt nicht erwähnt wird. Damit bin ich durchaus zufrieden. Aber natürlich ist es schön, wenn man auch mal gewürdigt wird. Es gibt nur wenige literarische Übersetzer, die vom Übersetzen allein leben können. Sehr viele haben Zweitberufe oder werden vom Ehepartner mitfinanziert. Eine Förderung durch Stipendien und Preise kann auch die Qualität der Übersetzungen erhöhen.

(Interview: Klaus Voßmeyer, Oktober 2011)
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Gerhard Meier, geboren 1957, wuchs in Landshut auf und studierte in München Romanistik und Germanistik. An der Universität Mainz/Germersheim erlangte er sein Übersetzerdiplom für Französisch und Italienisch. Nebenbei erlernte er die türkische Sprache. Seit 1986 lebt Meier bei Lyon in Frankreich, wo er literarische Übersetzungen aus dem Französischen (Amin Maalouf, Henri Troyat, Jules Verne, Jacques Attali) und dem Türkischen (Hasan Ali Toptas, Orhan Pamuk, Murat Uyurkulak) anfertigt. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Übersetzerpreis Tarabya 2011 ging an Gerhard Meier und Kamuran Şipal

Der von der Robert Bosch Stiftung zusammen mit dem Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Türkei, dem Auswärtigen Amt, Goethe-Institut Istanbul und der S. Fischer Stiftung vergebene Türkisch-Deutsche und Deutsch-Türkische Übersetzerpreis Tarbaya wurde am 31. Oktober 2011 in der Hagia Irene in Istanbul verliehen. Gerhard Meier und Kamuran Sipal erhielten die Auszeichnung für ihr Gesamtwerk. Die Förderpreise wurden in diesem Jahr an Nafer Ermis, Angelika Hoch und Angelika Gillitz-Acar vergeben. Seyda Öztürk erhielt ein Arbeitsstipendium am Literarischen Colloquium Berlin. Die Preisträger wurden vor einem Publikum von weit über 300 Gästen feierlich geehrt. Die Jurymitglieder Dr. Catharina Dufft und Nilüfer Kuruyazici hielten die Laudationes auf die Preisträger. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von Rolf Zielke, Oray Yay und Bülent Elmas.

Der Übersetzerpreis Tarabya ist ein deutsch-türkisches Gemeinschaftsprojekt unter dem Dach der Ernst-Reuter-Initiative für Dialog und Verständigung.

Bildergalerie

Fotos: Sedat Mehder
Gerhard Meier erhält den Übersetzerpreis Tarabya in Istanbul
Der Hauptpreis für Übersetzungen deutscher Literatur ins Türkische ging an Kămuran Şipal
Die beiden Hauptpreisträger 2011: Kămuran Şipal und Gerhard Meier