Grenzgänger

Heike Tauch und Elena Knipp:

Autorin: Heike Tauch
Heike Tauch wurde 1965 in Ost-Berlin geboren, studierte an der Greifswalder Universität Germanistik und Musikwissenschaft, ging 1990 zum Ph.D.-Studium an die University of Utah, USA und promovierte 1993 in Linguistik. Zunächst arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin, seit 1995 ist sie freie Autorin und Regisseurin mit Schwerpunkt Hörspiel/Feature. Darüber hinaus organisiert und moderiert Heike Tauch seit 1997 das Berliner Hörtheater für das Deutschlandradio.

Elena Knipp, 1958 im russischen Kasan geboren, unterrichtete nach ihrem Germanistik-Studium Deutsch an der Universität Kasan, bis sie 1988 nach Deutschland übersiedelte. Nach einigen Jahren Konferenzdolmetschen wechselte sie zur Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein, wo sie von 1997 bis 2007 als feste Mitarbeiterin in der Erwachsenenweiterbildung tätig war. Seit 2008 arbeitet sie wieder freischaffend.
Dissident, also geisteskrank. Die Strafpsychiatrie im russischen Kasan

Nach Glasnost und Perestroika versinkt Russland wieder im Sumpf von Korruption und Machtkämpfen. Die Aufbruchszeit und die mit ihr verbundenen Hoffnungen sind vorbei. Ein Beispiel dafür ist die Strafpsychiatrie im russischen Kasan, 800 km östlich von Moskau an der Wolga gelegen. Bereits 1869 entstand dort im Auftrag des Zaren eine Psychiatrie, die später von Stalin zur ersten geheimen geschlossenen Anstalt ausgebaut wurde. Als dann im Jahr der KGB-Gründung, 1954, ein Gesetz verabschiedet wurde, nach dem alle Arten von Dissidententum als besonders schwerwiegende Straftat zu verurteilen seien, avancierte die Klinik zum geheimen Zentrum der sowjetischen Strafpsychiatrie. Dorthin kamen politisch missliebige Personen, bei denen im Vorfeld „Schleichende Schizophrenie“ diagnostiziert worden war – ein Krankheitsbild, das Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts allein zum Zweck der Pathologisierung politischer Gegner erfunden worden war. Bezeichnenderweise war – wie alle Strafpsychiatrien des Landes – auch die Kasaner Sonderklinik nicht dem Gesundheits- sondern dem Innenministerium unterstellt. Heute ist Kasan eine „normale“ psychiatrische Anstalt. Aber eine Aufarbeitung der Vergangenheit hat nicht stattgefunden. Die alten Seilschaften sind nach wie vor aktiv. Das Feature fragt nach den Insassen wie nach ihren Peinigern, es stellt die Frage, welche Konsequenzen sich für den Umgang mit Psychiatrie für unsere Gegenwart und Zukunft aus den Erfahrungen der Vergangenheit ableiten lassen.

Produktion: DLF/MDR 2010
Redaktion: Hermann Theißen
Regie: Heike Tauch
Übersetzung: Elena Knipp
Länge: 60:00 / 55:00 / 44:00
Ton: Ernst Hartmann
Sprecher: Anja Herden, Valery Tscheplanowa, Michael Weber
Erstausstrahlung: 28.09.2010

Weitere Informationen

Heike Tauch reiste zusammen mit Elena Knipp 2010 nach Paris und in Russland nach Moskau, Kasan und zu der ehemaligen Dependance der Kasaner Psychiatrie auf der Klosterinsel Swijazhsk. Sie interviewten ehemalige Dissidenten und Psychiater, Menschenrechtler, die in der Vergangenheit gegen den Missbrauch der Psychiatrie für politische Zwecke Stellung bezogen haben, sowie russische Intellektuelle, die das gesellschaftliche Geschehen mit einem wachen und kritischen Blick verfolgen.