Grenzgänger

Andreas Horvath und Monika Muskala:

Andreas Horvath wurde 1968 in Salzburg geboren. Von 1990 bis 1992 studierte er Fotografie in Wien und von 1996 bis 2000 in Salzburg. Im Rahmen seines künstlerischen Schaffens verbrachte Horvath ab 1990 längere Auslandsaufenthalte im Mittelwesten der USA, Sibirien, Polen, Finnland und Norwegen. Er veröffentlichte u.a. die Fotobücher „Jakutia – Siberia of Siberia“ (Benteli, Bern 2003) und „Heartlands – Sketches of Rural America“ (Fotohof, Salzburg 2007). Seine Dokumentarfilme gewannen Auszeichnungen auf renommierten Festivals (Chicago Intl. Documentary Festival, Karlovy Vary Intl. Film Festival, Visions du Réel, Nyon, u. a.). Horvath arbeitet als freischaffender Fotograf und Filmemacher in Salzburg.

Monika Muskala wurde 1966 in Polen geboren. Seit Abschluss ihres Germanistikstudiums lebt sie als Übersetzerin und Autorin in Österreich. Für polnische Bühnen und Verlage übersetzt Muskala deutschsprachige Theaterautoren (Elfriede Jelinek, Ödön von Horvath, Werner Schwab, Thomas Bernhard, Heiner Müller, u.a.). Ihr eigenes Theaterstück „Reise nach Buenos Aires. Work in Regress" (U: 2001 in Lodz) wurde in Polen mit mehreren Preisen ausgezeichnet und gewann 2010 den ersten Preis beim Internationalen „Monodrama Festival“ in Kiel. Ihr Stück „Daily Soup“ wurde im Mai 2007 im Nationaltheater in Warschau uraufgeführt. Seit den 1990er Jahren Reisen und Projekte mit Andreas Horvath: neben gemeinsamen Fotobänden entstanden auch die Dokumentarfilme „Views of a Retired Night Porter“ (2006), „The Passion“ (2009) und „Arab Attraction“ (2010) in enger Zusammenarbeit.
The Passion According to the Polish Community of Pruchnik

Pruchnik ist ein Dorf im Süden Polens. Bekannt ist es wegen seiner sehenswerten Holzhäuser mit Bogengängen aus dem 19. Jahrhundert. Am Karfreitag gibt es an diesem Ort jedoch ein eher schauerliches Schauspiel zu bestaunen: Junge wie alte Bewohner ziehen eine mit Stroh gefüllte Riesenpuppe durch die Strassen ihres Dorfs. Hin und wieder halten sie an, um dem mit dem Namen Judas 2008 gebranntmarkten Strohmann wuchtige Schläge mit einem Holzstab zu verabreichen. Der Rachefeldzug findet sodann mit der Köpfung und der Verbrennung des fingierten Verräters sein jähes Ende am Dorffluss.

Der Ton von „The Passion According to the Polish Community of Pruchnik“ alterniert zwischen Spiel und Ernst. Was mit der heimlichen Fabrikation der Puppe bei Mondschein im nächtlichen Kuhstall wie ein argloser Bubenstreich beginnt, wird zunehmend zur unverblümten Lynchung mit klar religiösem Kontext: In der pruchnikschen Version der Passion erduldet Judas den Leidensweg und stirbt anstelle von Jesus Christus, dessen Körper von der dorfeigenen Armee in der Dorfkirche bewacht wird. Gut und Böse scheinen im Wertekosmos von Pruchnik klar belegt.

Der österreichische Fotograf und Filmemacher Andreas Horvath filmt jene Szenen in ebenso ambivalenten Einstellungen. Zu Beginn verschwörerisch vertraut mit den Puppenbauern, sodann mal voyeuristisch nah am Geschehen, mal mit kritischem Abstand zur Menschenschar oder fragend auf Kinderhänden und Schlagstöcken verweilend, springt die Kamera in ihren Ansichten hin und her und setzt derart einen irritierenden Kontrast zur eindeutigen Wertvorstellung vor Ort (Andrea Wildt).

Regie: Andreas Horvath, Monika Muskala
Produktion: Andreas Horvath
Kamera: Andreas Horvath, Monika Muskala
Dauer: 30 min.
Format: HDCAM
Sprache: Polnisch mit engl. UT

Bildergalerie

Der Filmemacher reiste mehrere Male nach Polen, aus diesen Recherchen entstand der Film.