Grenzgänger

Wolfgang Schlüter:

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Grenzgänger-Tag, Workshop, Literarisches Colloquium Berlin, 24.06.2011
1948 geboren, studierte Musikwissenschaft und Philosophie, promovierte über Gustav Mahler, gab Werke von Arno Schmidt heraus. Seit 1994 ist er als freier Autor und Übersetzer aus dem Englischen tätig. 1999 Dedalus-Preis für innovative Prosa vom SWR in Stuttgart; im Mai 2011 erhielt er die mit 5.000 Euro dotierte Kester-Haeusler-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung für die phantasievolle und schöpferische Verflechtung von Literatur und Musikgeschichte.
Die englischen Schwestern

Im Mittelpunkt des Romans steht ein heute nur noch in Museen auffindbares Musikinstrument: die um 1761 erfundene Glasharmonika. Ganz Europa war in der Zeit der Aufklärung von diesem bizarren Instrument fasziniert. Sein geisterhafter Klang bot sich als Projektionsfläche für die ästhetisch-philosophischen und politischen Ideen dieser gedankenblühenden Epoche an. Das raffiniert-luxuriöse Instrument wurde ausgerechnet von dem amerikanischen Politiker Benjamin Franklin erfunden. Seine Nichten, die zwei englischen Schwestern Anne und Cecily Davies, erlangten durch die Glasharmonika europaweit Berühmtheit. Nur böhmisches Glas konnte den überirdisch schönen Klang garantieren. Selbst der junge Mozart war fasziniert und komponierte ein Stück eigens für dieses Instrument. Der Aufbau des Romans entspricht ganz dem Bau der Glasharmonika, die Kapitel spielen in zwölf Halbtonschritten eine Tonleiter durch. Sechs Erzählebenen und rund 300 Jahre durchwandert der Leser, die Handlung spielt im heutigen Berlin, im habsburgischen Böhmen und im Neapel der Spätaufklärung und der 1970er Jahre.

Roman
Eichborn Verlag
408 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-821858-432
Zwei Reisen führten den Autor 2008 nach Tschechien, ins Gebiet der Glashüttenfabrikation im ländlich-kleinstädtischen Süden und nach Prag, wo er die Smetana- und Dvořák-Museen und das Musikinstrumentenmuseum besuchte. „Die Reise war ein immenser Gewinn, allein schon durch die unglaubliche Fülle der visuellen Eindrücke. … besonders bewegend hat sich mir die Erzählung eines schon betagten Gymnasialprofessors aus Brünn über seine Kriegserfahrungen ins Gedächtnis geprägt. Den Namen dieses liebenswürdigen, hochgebildeten alten Herrn habe ich im Buch verewigt.“