Vom Wert der Kunst in der Wirtschaftskrise
Schüler diskutieren mit Professor Klaus Zehelein im Robert Bosch Haus
Bildergalerie
Fotos: Susanne Kern
Klaus Zehelein, Präsident der Bayerischen Theaterakademie, spricht der heutigen Generation eine „große Wachsamkeit und Sensibilität“ zu
Klaus Zehelein und Moderator Günter Gerstberger, Bereichsleiter der Robert Bosch Stiftung
Die Schüler nutzten die Gelegenheit, Fragen zu stellen
Klaus Zehelein im Robert Bosch Haus
Die Diskussion mit den Schülern fand in der Kaminhalle statt
Zehelein stellt sich gegen Einsparungen bei Kunst und Kultur, da die Finanzierung nicht rechtlich verankert ist und als freiwillige Ausgabe zählt
"Der Rotstift darf nicht da ansetzen, wo sich das immaterielle Zentrum der Menschheit seit 35.000 Jahren befindet“
Klaus Zehelein, Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, und Günter Gerstberger, Bereichsleiter der Stiftung
Stuttgart - Ob er denn eine konkrete Vorstellung habe, wie der Weg aus der Finanzkrise aussehen könnte, fragte eine Schülerin Professor Klaus Zehelein. Der Präsident der Bayerischen Theaterakademie hatte bei der Veranstaltung „Schüler diskutieren im Robert Bosch Haus“ viele Antworten parat, doch einen Weg aus der Krise? Er wisse nur, wo es nicht lang gehen könne, sagte Zehelein in der Kaminhalle des Robert Bosch Hauses in Stuttgart. Der ehemalige Intendant der Stuttgarter Oper hatte zuvor Schülern aus ausgewählten Stuttgarter Gymnasien erklärt, worin für ihn der Wert der Kunst in Zeiten der wirtschaftlichen Krise liege.
Das immaterielle Zentrum der Menschheit seit 35.000 Jahren
Eine schwere Aufgabe, für die der Theatermann seinem jungen Publikum anschauliche Beispiele an die Hand gab. So sei damals im Spätsommer 2008 nicht allein die tiefe Krise des Kapitalismus deutlich geworden. Tübinger Forscher fanden eine über 35.000 Jahre alte, fast vollständig rekonstruierbare Knochenflöte auf der Schwäbischen Alb. Sie soll unseren Vorfahren zur Verbesserung des sozialen Zusammenhalts und zu neuen Formen der Kommunikation verholfen haben. Für Zehelein steht fest: "Der Rotstift darf nicht da ansetzen, wo sich das immaterielle Zentrum der Menschheit seit 35.000 Jahren befindet."
Laut Zehelein beginnen die Sparpläne aber dort, wo die Finanzierung nicht rechtlich verankert ist und als freiwillige Ausgabe zählt - bei Kunst und Kultur. Angesichts der unvorstellbar großen Schuldensumme von 800 Milliarden Euro seien die möglichen Sparpotentiale jedoch schwindend gering. Zum anderen müssten Politiker in naher Zukunft mit deutlichen Mehrausgaben rechnen, denn: "Wer heute aus Kostengründen an Bildung, Kunst und Kultur spart, wird in einem wirklich überblickbaren Zeitraum ein Vielfaches für Überwachen und Strafen, für soziale Leistungen aufbringen müssen."
"Große Wachsamkeit und Sensibilität"
Eine Stunde lang lauschten die Schüler Zeheleins Plädoyer für Kunst und Kultur. Nach kurzem Zögern taute das junge Publikum zusehends auf; Frage folgte auf Frage, Anmerkung auf Anmerkung, so dass der Theaterprofessor nicht umhin kam, der heutigen Generation eine "große Wachsamkeit und Sensibilität" zuzusprechen. Warum seine Klasse keinen Kunstunterricht habe, wenn doch Kunst und Kultur so wichtig für die Gesellschaft seien, wollte etwa ein Schüler wissen. Der einzige Lehrer sei seit Monaten krank und Ersatz gebe es nicht. Klaus Zeheleins spontane Antwort: "alles Schwachsinn". In Ministerien würde man sich meist darauf berufen, dass kein Geld vorhanden sei. Auch er habe bei seiner Arbeit immer wieder mit derartigen Problemen zu kämpfen. Beobachte er aber, für was alles Geld ausgegeben werde, könne er die Welt nicht mehr verstehen.
"Vielleicht ist Kunst, die auf Subventionen angewiesen ist, schlechte Kunst, die das Publikum nicht sehen will", sagte daraufhin eine Stimme aus dem Publikum. Bevor Klaus Zehelein antworten konnte, ergriff ein Schüler das Wort: "Das einfachste Argument ist doch, dass Kunst schon immer auf Subventionen angewiesen war. Ein Künstler braucht Freiraum. Der, der die Knochenflöte geschnitzt hat, konnte auch nicht mit zur Jagd. Die anderen mussten ihm das Hinterteil des Mammuts mitbringen. Dafür hat er ihnen abends am Feuer etwas vorgespielt." Dem hatte der Theaterprofessor nichts hinzuzufügen.
(Michael Herm, August 2010)
Das immaterielle Zentrum der Menschheit seit 35.000 Jahren
Eine schwere Aufgabe, für die der Theatermann seinem jungen Publikum anschauliche Beispiele an die Hand gab. So sei damals im Spätsommer 2008 nicht allein die tiefe Krise des Kapitalismus deutlich geworden. Tübinger Forscher fanden eine über 35.000 Jahre alte, fast vollständig rekonstruierbare Knochenflöte auf der Schwäbischen Alb. Sie soll unseren Vorfahren zur Verbesserung des sozialen Zusammenhalts und zu neuen Formen der Kommunikation verholfen haben. Für Zehelein steht fest: "Der Rotstift darf nicht da ansetzen, wo sich das immaterielle Zentrum der Menschheit seit 35.000 Jahren befindet."
Laut Zehelein beginnen die Sparpläne aber dort, wo die Finanzierung nicht rechtlich verankert ist und als freiwillige Ausgabe zählt - bei Kunst und Kultur. Angesichts der unvorstellbar großen Schuldensumme von 800 Milliarden Euro seien die möglichen Sparpotentiale jedoch schwindend gering. Zum anderen müssten Politiker in naher Zukunft mit deutlichen Mehrausgaben rechnen, denn: "Wer heute aus Kostengründen an Bildung, Kunst und Kultur spart, wird in einem wirklich überblickbaren Zeitraum ein Vielfaches für Überwachen und Strafen, für soziale Leistungen aufbringen müssen."
"Große Wachsamkeit und Sensibilität"
Eine Stunde lang lauschten die Schüler Zeheleins Plädoyer für Kunst und Kultur. Nach kurzem Zögern taute das junge Publikum zusehends auf; Frage folgte auf Frage, Anmerkung auf Anmerkung, so dass der Theaterprofessor nicht umhin kam, der heutigen Generation eine "große Wachsamkeit und Sensibilität" zuzusprechen. Warum seine Klasse keinen Kunstunterricht habe, wenn doch Kunst und Kultur so wichtig für die Gesellschaft seien, wollte etwa ein Schüler wissen. Der einzige Lehrer sei seit Monaten krank und Ersatz gebe es nicht. Klaus Zeheleins spontane Antwort: "alles Schwachsinn". In Ministerien würde man sich meist darauf berufen, dass kein Geld vorhanden sei. Auch er habe bei seiner Arbeit immer wieder mit derartigen Problemen zu kämpfen. Beobachte er aber, für was alles Geld ausgegeben werde, könne er die Welt nicht mehr verstehen.
"Vielleicht ist Kunst, die auf Subventionen angewiesen ist, schlechte Kunst, die das Publikum nicht sehen will", sagte daraufhin eine Stimme aus dem Publikum. Bevor Klaus Zehelein antworten konnte, ergriff ein Schüler das Wort: "Das einfachste Argument ist doch, dass Kunst schon immer auf Subventionen angewiesen war. Ein Künstler braucht Freiraum. Der, der die Knochenflöte geschnitzt hat, konnte auch nicht mit zur Jagd. Die anderen mussten ihm das Hinterteil des Mammuts mitbringen. Dafür hat er ihnen abends am Feuer etwas vorgespielt." Dem hatte der Theaterprofessor nichts hinzuzufügen.
(Michael Herm, August 2010)