Grenzgänger

Saša Stanišić:

Saša Stanišic wurde 1978 in der kleinen Stadt Višegrad im Osten Bosniens geboren. Infolge des Krieges floh er 1992 mit seiner Familie nach Süddeutschland. In Heidelberg studierte er Deutsch als Fremdsprache und slawische Philologie. Nach einem Lehraufenthalt in den USA absolvierte er ein Zweitstudium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.

Seit 2001 veröffentlicht Stanišic auf Deutsch. Sein Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, wurde 2007 mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises ausgezeichnet und wird derzeit in viele Sprachen übersetzt. Vom Bayerischen Rundfunk wurde das Werk als Hörspiel adaptiert, das für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert wurde. 2008 erhielt Saša Stanišic den Adelbert-von-Chamisso-Preis.

Stipendienaufenthalte führten ihn u.a. in die Villa Waldberta bei München, ins Künstlerhaus Ahrenshoop in Mecklenburg-Vorpommern und als Stadtschreiber nach Graz; durch ein Max-Kade-Stipendium nahm er am International Writing Program der University of Iowa teil.
Wie der Soldat das Grammofon repariert

Der junge Aleksandar muss infolge des Bürgerkrieges in Bosnien mit seinen Eltern nach Deutschland fliehen. Angekommen im fremden Land, träumt er sich zurück in seinen Heimatort Višegrad und zu seinem geliebten Großvater, der ihm die Kunst des Geschichtenerzählens vor seinem Tod mit auf den Weg gegeben hat. Mit überquellender Phantasie erzählt der Protagonist „die irrwitzigen Geschichten“ aus glücklichen Kindertagen vor dem Krieg, der Zeit „als alles gut war“. Sie handeln vom Fluss Drina, mit dem er vertraute Zwiegespräche führt, von den Dorfbewohnern und davon, wie Hochhäuser klingen, wenn sie musizieren könnten. Mit den Geschichten „repariert“ er die Wirklichkeit; sie sind das Mittel, um mit den traumatischen Erfahrungen der Flucht und des Verlustes umgehen zu können. Als Erwachsener kehrt er an den Ort seiner Kindheit zurück, konfrontiert mit den klaffenden Wunden, die der Krieg in seiner Heimat hinterlassen hat.

Roman
Luchterhand Literaturverlag / Verlagsgruppe Random House, 2006, 320 Seiten
ISBN: 3-630-87242-5

Bildergalerie

Für seinen autobiographisch geprägten Roman reiste Stanišic im Februar 2006 für zwei Wochen nach Bosnien und sammelte Geschichten aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren. „Das Geschichtenerzählen ist sowohl Methode, als auch Inhalt des Buches“, berichtet der Autor. Die Nachkriegszeit konnte er „wegen seiner Flucht aus der Stadt 1992 nicht mehr erleben, das bedeutete, dass die meisten recherchierten Ergebnisse seinen Erfahrungshorizont übertreffen würden“. Er besuchte die Schauplätze des Romans, seine Heimatstadt Višegrad, die Hauptstadt Sarajevo und den nahegelegenen Berg Igman; er machte eine Tagesreise nach Belgrad und führte Interviews mit den heutigen Bewohnern, mit Bekannten, mit Verwandten. „Es galt, die Stimmungen und die Verstimmungen, die Ängste, die Sorgen, das Glück, die Wünsche, den Hass, die Liebe – alles, was die Gesprächspartner des Autors erzählenswert fanden – zu erfassen (…) und in die Fiktion von Aleksandars Welt einzuarbeiten“. Von den Schrecken des Krieges, „den Geschehnissen in den Sommermonaten 1992“, zu erzählen, löste bei den meisten Gesprächspartnern Unbehagen und Sprachlosigkeit aus. Der ehemals vertraute Ort ist dem Rückkehrer fremd geworden: Die „erinnerte Stadt der Kindheit (…) ist nicht mehr vorhanden. Višegrad fehlen seine Menschen und die Leichtigkeit dieser Menschen (…)“. Die Recherchereise wurde so zu einem Reiseversuch in ein intimes Zuhausegefühl, das nur noch in seiner Erinnerung existiert.