Saša Stanišić:
Das Geschichtenerzählen ist sowohl Methode als auch Inhalt von "Wie der Soldat das Grammofon repariert". Aleksandar, der Protagonist, will erfinden und erzählen – ein Versprechen, das er seinem Großvater gibt, bevor dieser stirbt. Entsprechend war die Reise, die der Autor unternahm, eine Reise, bei der das Erzählen und das Sammeln von Geschichten im Vordergrund standen. Thematisch interessant und für das Buch relevant waren all jene Geschichten, die mit der Stadt Višegrad in den Kriegs- und den Nachkriegsjahren zu tun hatten. Es galt, die Stimmungen und die Verstimmungen, die Ängste, die Sorgen, das Glück, die Wünsche, den Hass, die Liebe – alles, was die Gesprächspartner des Autors erzählenswert fanden – zu erfassen und daraus eine Auswahl zu treffen. Vieles davon wurde in die Fiktion von Aleksandars Welt eingearbeitet.
Das wichtigste Ziel der Recherchereise war also die Beschaffung von zusätzlichem Material, um ein legenden- und detailreiches Werk zu erschaffen, das die Neunziger Jahre im kleinen Rahmen der Schule, der Familie, des Kinderspiels sichtbar macht, in all ihrer tragikomischen, bedrohlichen, dann wieder teilweise absurden Prägung. Der Autor selbst konnte die Nachkriegszeit wegen seiner Flucht aus der Stadt 1992 nicht mehr erleben, das bedeutete, dass die meisten recherchierten Ergebnisse seinen Erfahrungshorizont übertreffen würden.
Das Kapitel "Ich habe Listen gemacht" basiert auf zahlreichen Unterhaltungen mit Višegradern sowie auf den Beobachtungen der Stadt. Auch Aleksandar trifft nach langer Abwesenheit wieder Menschen, die in seiner Vergangenheit eine Rolle gespielt haben. Die erinnerte Stadt der Kindheit allerdings, dies stellt er fest, ist kaum noch vorhanden. Višegrad fehlen nicht nur Arbeitsplätze und Zukunftsperspektiven, sondern auch die Menschen und die Gespräche mit diesen Menschen, um dem Višegrad zu ähneln, das Aleksandar einmal notgedrungen verlassen musste. Auch die Nichtbereitschaft, über das Geschehene zu reden, sowie das Vorhandensein von noch offenen Wunden der Vergangenheit machen die Stadt zu keinem vertrauten Ort für den nun sich selbst in dieser Umgebung fremden Rückkehrer. Das sind zugleich die wichtigsten Erkenntnisse, die auch der Autor während seines Aufenthalts in seiner alten Heimat machen musste – die Recherchereise wurde so zu einem Reiseversuch in ein intimes Zuhausegefühl. Dieses aber stellte sich dort, im Tal der Drina, kaum noch ein. Die Erinnerung wurde in der Gegenwart zur größten Heimatnähe.
Wie der Soldat das Grammofon repariert (Roman)
Luchterhand Literaturverlag, 320 Seiten
ISBN: 3-630-87242-5